Das Traktorkestar.

Das Berner Traktorkestar

Balkan-Musik aus der Sicht der Berner Jazz-Szene: Das Traktorkestar hat seine erste CD herausgebracht – ein sehr schmuckes Stück Partymusik.

Vor einiger Zeit war Samuel Würgler, einer von drei Trompetern der Berner Gruppe Traktorkestar, ein ganzes bisschen missgelaunt. Seine Lippe war aufgeplatzt, was für einen Trompeter meist eine längere kreative Zwangspause zur Folge hat. Gewöhnlich ist das Risiko von Jazzschulabgängern, auf der Bühne verletzt zu werden, eher gering, es sei denn, man verschreibe sich – wie die Exponenten des Traktorkestars – der Musik aus dem Balkan. Die geplatzte Trompeterlippe war nämlich nicht etwa das Ergebnis einer ungünstigen Auseinandersetzung mit streitlustigem Gesindel, nein, sie rührte von einem Konzert im serbischen Guca, wo ein einheimischer Balkanmusik-Fan ob dem Dargebotenen dermassen aus dem Häuschen geraten war, dass er dem Herrn Würgler tanzenderweise dessen Trompete ins Gesicht geschlagen hatte. Und vorbei wars mit trillernden Schmetter-Sätzen und ausufernden Hochton-Soli.

Das war vor eineinhalb Jahren. Das Traktorkestar war zu dieser Zeit noch nicht allzu lange in Betrieb – und es schien eine nicht sonderlich eigentümliche Idee, eine weitere Band zu lancieren, die sich der Musik des Balkans anzunehmen trachtete. Das musikalische Spektrum des Genres schien längst abgesteckt, es gab den elektronischen Balkanbeat, den Party-Balkanbeat, es gab die munteren traditionellen Hochzeits- und Begräbniskapellen, und es gab die aus Film und Fernsehen bekannten Grossmeister, die der Musik aus Osteuropa zu einer fulminanten Renaissance verhalfen. Doch für den Aussenstehenden klang alles reichlich typähnlich, nach lüpfiger Polka, zu der man Pogo tanzen konnte, und ein bisschen auch nach abgetakelter Melancholie. An den einschlägigen Partys wurde viel getrunken und viel gehüpft, der Osten war en vogue, und weil sich bald auch die unvermeidlichen Trittbrettfahrer in die Szene einschlichen, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Hype langsam legen würde. Doch der Niedergang blieb aus, der Balkan singt und lacht auch heute noch wie zu den besten Zeiten.

Nichts als Liebe

Und auch das Traktorkestar ist noch im Rennen: Die Auftrittsmöglichkeiten häufen sich, die zu erobernden Lokale werden immer geräumiger – und auch das Ausland klopft immer öfter an. Diese Tendenz wird sich mit dem Erscheinen seines prächtigen Debüt-Tonträgers «Iz duse» noch verstärken. Dass die Berner in der Balkan-Szene eine mittlere Musikrevolution anzetteln täten, wäre vermessen zu behaupten. Doch der Ansatz ist ein durchaus spezieller. Von den zwölf festen Bandmitgliedern hat keiner einen Bezug zum Balkan, der über die Liebe zur dortigen Musik hinausgehen würde. Die Band besteht vornehmlich aus Abgängern der Berner Swiss Jazz School, sie sind also mit Genre-fremder Musik aufgewachsen, und das könnte ein Grund sein, weshalb da doch ein bisschen mehr drinsteckt als in den meisten anderen osteuropäischen Blasorchestern. Gegründet wurde die Gruppe vom Trompeter Balthasar Streit, der nach einer Reise ans Trompeten-Festival im serbischen Guca mit der Idee schwanger ging, selber eine entsprechende Combo zu gründen. Vier Jahre später – im Sommer 2009 – stand das Traktorkestar selber auf der Festivalbühne von Guca, spielte halsbrecherisch flinke serbische Traditionals in leicht angejazzter Form oder das altehrwürdige «Guggisbärglied» in osteuropäischem Duktus, und das Publikum war von den Schweizern merklich hingerissen.

Unorthodoxer Crossover

Ein weiterer entscheidender Schritt im Werdegang des Orkestars geschah diesen Sommer. Die Kapelle wurde ans Strassenmusikfest Buskers gebucht und beschloss, zu diesem Zweck in der Person von Miso Petrovic einen prominenten Gastsänger nach Bern zu laden. Der Mann ist Mitglied der Gruppe Mostar Sevdah Reunion, eine Band, die sich 1999 gründete und Musiker aus allen ex-jugoslawischen Ländern beschäftigte. Die Konzerte am Buskers wurden zum Grosserfolg, weshalb man den Sänger gleich ins Studio abzweigte und mit ihm fünf Lieder auf Tonträger bannte.

Petrovic ist ein Schmachter der alten Schule, die Lieder, die er dem Album beisteuert, triefen vor volkstümlichem Ost-Charme, hier trifft schwerblütiger Balkan-Schalk auf jazzgeschultes Berner Party-Draufgängertum. Letzteres kommt auf den Stücken ohne Gastbeitrag und vor allem an den Konzerten der Band noch stärker zum Tragen. «Wir haben nicht den Anspruch, Authentizität vorzugaukeln», erklärt Balthasar Streit. «Auch wenn dem Schweizer Publikum die Unterschiede vielleicht weniger auffallen, gilt unsere Musik im Osten als durchaus unorthodox, weil wir beispielsweise den lyrischen bosnischen Gesang unseres Gastsängers Miso Petrovic mit serbischen Bläsern kreuzen. Das ist ein Crossover, der so noch nicht existiert.» Und genau in diesen Momenten, wenn es sich um jedwelche Traditionen schert und wild solierend auf dem euro-orientalischen Teppich abhebt, ist das Traktorkestar am unwiderstehlichsten. Da bleibt kein Füsschen ruhig und keine Trompeterlippe heil.

Published on December 30, 2010

Last updated on September 30, 2019

Biography

Ane Hebeisen arbeitet als Musikjournalist beim Berner «Bund».
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