Cornershop.

East Isn't East

Indische, pakistanische und bengalische Musiker in England ziehen sich entweder in eine ghettoähnliche Parallelwelt zurück, oder sie suchen den Durchbruch im «weissen» England.

Inder lieben Curry und pflegen mit ihren Miss-Universe-Beauties Kamasutra. Sie offerieren kulinarische Köstlichkeiten, Räucherstäbchen wie Sitarmusik und ziehen sich stets bescheiden zurück – zum Meditieren natürlich. Wäre ich 7000 Kilometer weiter östlich, ich würde eine Postkarte vom Taj Mahal schicken, mit einer Kuh drauf vielleicht. Essenzielles schriebe ich: «Indien = Farben, Gerüche und Religion» – doch lassen wir das Spiel mit Stereotypen.

Regen, Regen – die nasse Insel also ist kein Klischee – und Regen. Ich bin in Southall, dem asiatischen Viertel in der Anflugschneise zu London Heathrow. «Asians to bomb London» und «Have you ever sampled an Indian?» steht auf den Flyern, die mir Bobby Friction, britisch-indischer Sikh ohne Turban (dafür mit Stachelfrisur), zusteckt. «Eine Medienoffensive von Outcaste Records aus dem Jahre 1996», grinst er auf den Stockzähnen. Und: «Wir Asiaten werden Grossbritannien kulturell übernehmen – gewaltfrei natürlich. England wird für seine kolonialen Schandtaten zahlen. In zweihundert Jahren werden sich England und Indien kulturell nicht mehr unterscheiden, die Engländer indische Sprachen sprechen.» «The New Asian Kool», «Asian-produced second-generation pop», «The Asian Breakbeat Culture» und «Asian Underground»: Namen über Namen gab das 96er Buch der University of London «Dis-Orienting Rhythms – the Politics of the New Asian Dance Music» der inexistenten britisch-asiatischen Musikszene: «Zu politisch und theoretisch», meckert DJ Ritu, Britin indischer Herkunft. «Nicht alle Asiaten machen politische Musik.» Zudem zeige das Buch nur einen Ausschnitt: «Unsere Generation besteht nicht nur aus ‹Asian Dub Foundation›, ‹Joi› oder ‹Fun’da’mental›. Jeder von uns konstruiert eine eigenständige Identität und organisiert die Musik der Elternkultur und der britischen Heimat auf vielfältigste Art und Weise. Wir sind Individuen.»

Sommer 98, Herbst 99 und Frühling 2000. Dreimal London. Dreimaliges Eintauchen in die britisch-asiatische Musikwelt, die zurzeit auf einer Erfolgswelle reitet: Verträge bei westlichen Megalabels, Talvin Singhs Auszeichnung mit dem begehrten britischen Mercury Music Award, seine Absage auf Blairs Labour-Parteitag-Einladung, «Cornershops» Nummer-1-Sommerhit «Brimful of Asha» und die begeisternden «Asian Dub Foundation» sind einige Highlights der letzten Jahre. Was ergeben meine Recherchen, Interviews und Freundschaften? Es besteht ein nicht fassbares Beziehungsgeflecht zwischen Solidarität, Intrige und Neid. Zudem scheint die Frage «Kommerzieller Erfolg ja oder nein?» zentral.

«Erfolg habe zu tun mit verkauften Einheiten, sagen die Leute. Ich frage, verkauft McDonald’s den besten Food der Welt?», mokiert sich Aki Nawaz, pakistanischer Brite, Chef von Nation Records und der Gruppe «Fun’da’mental» und einst Mitglied der legendären Punktruppe «The Cult». «Die Sucht nach kommerziellen Erfolgen droht unsere eigentliche Botschaft zu ruinieren. Zu viele Musiker münzen den Trend nach britisch-asiatischer Musik in schnelles Geld um. Sie befriedigen die Indien-Träume der Westler – genau dagegen kämpfen wir seit Jahren an. Ich sorge mich um unsere bald 10-jährige Bewegung.»

Fun\’Da\’Mental.

Ein Blick zurück: Jahrelang haben die asiatischen Immigranten Englands indische Kunstmusik, Hindi-Filmsongs (Bollywood), Light Ghazals, ins Hindi oder Punjabi übertragene Lieder von «Abba» bis Madonna oder westliche Popmusik interpretiert und konsumiert. Bhangra – ursprünglich Volksmusik aus dem Punjab, geprägt durch die pulsierenden Rhythmen der Dhol-Trommel – kann als erste eigenständige kulturelle Weiterentwicklung der Einwanderer gesehen werden. Sie wird mit westlichen Musikelementen durchsetzt und nimmt neuste Strömungen auf: Bhangra Beat, Rock Bhangra, House Bhangra, Ragga Bhangra…

Gespielt wird diese Musik lediglich an privaten Partys und Hochzeiten, bleibt so in den asiatischen «Ghettos» – und das «weisse» England nimmt sie nicht wahr. Ihre Industrie aber blüht; Kassetten Hunderter von Bands werden in Mengen abgesetzt, die ihre Produzenten locker in die nationalen Charts hievten – würden die britischen Verkaufskanäle sie registrieren. Bhangra ist eine Schattenkultur, das erlebe ich im Oktober 99 beim Auftritt des erfolgreichen Panjabi MC im Londoner Club «The Complex». Ich fühle mich als Exote an einem asiatischen Event. Als einziger Weisser erlebe ich das ausgelassene Fest mit. Der in den 80er Jahren gestartete Versuch, Bhangra der englischen Bevölkerung näher zu bringen, ist offensichtlich gescheitert.

Individualität wider Tradition

Die Musiker des Asian Underground – der Einfachheit halber wird dieser Begriff hier verwendet – setzen sich andere Ziele. Seit einem knappen Jahrzehnt suchen sie den Durchbruch im «weissen» England und streben von ihren als Ghettos empfundenen Communities weg. Aus dem enormen musikalischen Angebot – der fernen elterlichen Heimat, der nahen Diaspora und der «Weltkultur» – mischen sie einen eigenen Sound. «Cornershop» etwa machen Rockmusik, ersetzen allerdings die Gitarre durch die Sitar; Talvin Singh synthetisiert traditionelle Tabla-Trommeln mit elektronischen Beats; «Fun’da’mental» schreien ihren Zorn und ihre Forderung nach einer gerechteren Welt – subito – mit ohrenbetäubender Punkmusik ins Publikum, zeigen mit den sanften Tönen eines pakistanischen Qawwali-Sängers aber auch Alternativen auf.

Andere – zum Beispiel «ADF» – schreien mit Slogans wie «The Land ist ours» und «We have taken the Power» politische Anliegen ins Publikum. Sie zerschlagen Stereotypen (etwa «sanftmütige, friedvolle Asiaten») mit cooler, lauter oder aggressiver Musik. Ihr Motto: Asiaten sind keine exotischen Wesen. Sie machen Pop, Rock, Punk und elektronische Musik, ohne ihre kulturellen Wurzeln zu verleugnen. Erstes Fazit: Eine Verbindung zwischen den Protagonisten ist nur über Kriterien wie Hautfarbe, Herkunft oder Religion möglich und der Tatsache, dass die Musiker beinahe ausnahmslos das fehlende Selbstbewusstsein vieler Asiaten Grossbritanniens nicht hinnehmen wollen.

Asian Dub Foundation.

Ein Phänomen, so Nitin Sawhney, das aus der kolonialen Geschichte Indiens herrührt: «Ohne sie wäre alles anders. Eurozentrismus und Arroganz der Engländer sind Schuld an unseren Minderwertigkeitsgefühlen. Seit den 80er Jahren wollen wir darüber hinwegkommen. Deshalb mache ich Musik. Musik hilft mir, meine Identität als asiatischer Brite zu finden.»

Nirgends «Smashing Stereotypes»

Von der Theorie ins Leben. «Asian Underground» ist trendy. Gutes Geld ist zu verdienen, Ideale fliegen über Bord. Mai 2000, «Stoned Asia-Night» im Dogstar, Brixton. Unser altes Indien-Bild flimmert über die Wände: Unterernährte vor idyllischen Landschaften, das Übliche. Bobby Friction ist angewidert: «Immer wieder missbrauchen einige Musiker koloniale Bilder als Instrumente zum Erfolg. Wir sollten damit aufhören, das Klischeegefühl der Westler mit Exotischem zu untermauern. Heute leben wir auf dem Territorium unserer Kolonialmacht, Provokation ist unsere Aufgabe. Es gibt zwei Wege, Menschen zu überzeugen: Entweder du lässt ihnen ihre Klischees oder du zeigst dem ehemaligen Unterdrücker die Faust.»

Die CD-Verkäufe in Grossbritannien sind bescheiden – darüber täuschen die Erfolge auf dem europäischen Kontinent hinweg. «Britannien will keine asiatischen Popstars», ist zu hören. Musikindustrie und Medien seien rassistisch, nicht bereit für farbige Rollenmodelle. Quoten für Titelstorys über asiatische Bands existierten bis heute. Johnny Kalsi, Trommler von «Transglobal Underground» und «Afro Celt Sound System», lacht: «Ich könnte ein Sexgott sein. Mit Turban und Bart aber habe ich keinen Platz in der Hitparade.» Dann streckt er mir sein Zungenpiercing entgegen. «Die weisse Band ‹Kula Shaker› erreichte mit asiatischen Sounds die Charts – no chance for an Asian mit demselben Stück. Die Hautfarbe zählt.» Schuld daran tragen die Protagonisten indes auch selber. Querelen zwischen Asian-Underground- und Bhangra-Musikern darüber, wer mehr für die eigene Kultur tue, verhindern Kooperationen. Asian-Underground-Musiker äussern sich süffisant über die «billigen Sounds» und «rückständigen asiatischen Festlichkeiten» der Bhangra-Welt, welche ihrerseits die Protagonisten des Asian Underground abschätzig als «Coconuts» – aussen braun, innen weiss – apostrophiert und des kulturellen Ausverkaufs bezichtigt. So bleibt der Asian Underground eine Bewegung ohne «Asian Followers» – das sagt nicht nur Mush, Rapper der Gruppe «Fun’da`mental».

Wer in Southall, Brick Lane oder Green Street nach Asian Underground fragt, stösst auf Unwissen: «Ist das eine neue U-Bahn-Station?» Allerdings scheint sich ein Wandel abzuzeichnen. «Nachdem ich auf einem asiatischen Radiosender Asian Underground gespielt hatte» – so Bobby Friction -, «lief der Draht heiss: Die Kids wollten wissen, wo diese Musik zu kaufen sei. Dieses Unwissen also haben auch die asiatischen Medien zu verantworten, die uns noch immer keinen Platz einräumen.» Sanjeev ‹Coco› Varma, Leader der Gruppe «Earthtribe», hätte ein Erfolgsrezept: «Wir müssen unsere Leute motivieren, unsere CDs in der City zu kaufen. Nur so kommen wir in die Hitparade.»

Johnny Kalsi.

So simpel allerdings ist das nicht: Die Bhangra-Industrie lebt auch vom Verkauf von Raubkopien – selbst Asian Underground gäbe es unter dem Ladentisch für wenig Geld, verrät ein nicht genannt sein wollender Produzent. Warum also 15 Pfund in Virgin oder HMV ausgeben, anstatt fünf im Cornershop?

Anpassung als Überlebensstrategie

Was aber brächte ein Eingehen in den Mainstream? Führt der Pop-olymp nicht notgedrungen zu einer Verflachung der Musik, zu kurzfristigen Oberflächlichkeiten á la Lambada? Vor allem die jungen Asian-Underground-Musiker, die sich selber schon als Asian Overground bezeichnen, suchen den kurzfristigen Erfolg: Die erste asiatische Rapperin Hardcaur, die Sängerinnen Amar und Shahin Badar zählen zu den Nachwuchshoffnungen und biedern sich einem vermeintlichen Massengeschmack an. Ein Teufelskreis: Asiaten haben ein Recht auf Mainstream; wie weit aber fördern sie damit das kulturelle Verständnis? Kommt die Assimilation einer Niederlage gleich? Oder aber haben die Musiker keine andere Wahl, als einen erfolgreichen Kampf um Gleichberechtigung von der Hitparade aus zu führen?

Klar scheint nur eines: Negieren die britisch-asiatischen Musiker ihre Eigenständigkeit, ihre persönliche Geschichte und ihre musikalischen Traditionen, wird nichts aus dem Traum von Bobby Friction: Statt einer kulturellen Vereinnahmung Englands durch asiatische Immigrantenkulturen werden deren Exponenten im angelsächsischen Mainstream untergehen; England wird nie Indien sein.

Friction will das nicht wahrhaben. Er nimmt die Künstler in die Pflicht, sie seien der Antrieb der Gesellschaft und dürften sich nicht hinter ihrer Kunst verstecken. «‹Fun’da’mental›, ‹Asian Dub Foundation›, ich und andere brechen Stereotypen, bis wir sterben.» Ich hoffe, Bobby Friction wird erfolgreich sein. Orient-Träumereien würden endlich attackiert, Klischees ironisch gebrochen, eine neue Sicht auf die Kultur des Indischen Subkontinents gewonnen. Alles, was wir Westler bis heute aus der Kolonialzeit übernehmen, würde durch neue Realitäten, Inhalte und Leben ersetzt. Das Stereotyp «Indien = Farben, Gerüche und Religion» wäre abgeschafft.

Bobby Friction.

Geschichte: Stigma Hautfarbe

1947 zog sich Grossbritannien als Kolonialmacht vom Indischen Subkontinent zurück und gewährte seinen ehemaligen Mitbürgern bis 1962 freie Einwanderung. Der gewaltige Einwandererstrom aus dem ehemaligen Commonwealth und die nicht auf Integration und Assimilation ausgerichtete britische Immigrantenpolitik führte zu ethnischen Enklaven, Nischen- und Subkulturen; die Gross-zahl der eingewanderten Pakistani, Inder und Bengalen liess sich in Aussenbezirken Londons – in Southall, Upton Parc, Brick Lane und Wembley – und in den Industriestädten der englischen Midlands nieder. Anders als in den schwarzamerikanischen Ghettos blieb jedoch eine mehr oder weniger starke Durchmischung mit der englischen Bevölkerung erhalten.

Solange die Einwanderer sich nicht in britische Angelegenheiten mischten und den ihnen zugewiesenen Tätigkeiten nachgingen, erwies sich das Nebeneinander verschiedenster Kulturen und Religionen als unproblematisch. Als die eingewanderten britischen Staatsbürger ihren Status zweiter Klasse nicht mehr akzeptieren wollten und den Anspruch auf Chancengleichheit – bessere Jobs und gleiche Ausbildungsmöglichkeiten – erhoben, änderte sich die Situation. Die dunkle Hautfarbe, die unaussprechlichen Namen sowie die andere Familienkultur stiessen plötzlich auf Abwehr und weckten diffuse Ängste; je dunkler ein Einwanderer, desto bedrohlicher erschien er. In den 80er Jahren herrschte in der englischen soziologischen Literatur die Meinung vor, der problematische Einwanderer sei eher der Schwarze als der Asiate, gemeinhin als «farbig» (coloured) bezeichnet. Dies schütze diesen jedoch nicht vor Feindseligkeiten: Wenn junge Engländer, meist pro-letarischer Herkunft, von rassistischen Gefühlen gepackt würden, verprügelten sie eher schmächtige Asiaten als kräftige Schwarze: «Paki-bashing» hiessen und heissen solche geradezu ritualisierte Schlägereien. Die latente Fremdenfeindlichkeit bewegte 1995 sogar Prinz Charles zu einem Appell, von den Immigranten zu lernen, um damit England die Chance als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident zu ermöglichen.

Der Appell hat wenig genützt: Diskriminierungen – nicht nur der «coloured» – gibt es bis heute. Die Bombenanschläge im Frühjahr 1999 im schwarzen Brixton und im bengalisch-jüdischen Viertel Brick Lane sind Warnsignale. Ihrer Hautfarbe wegen werden auch die Immigranten zweiter Generation kaum als gleichwertige Staatsangehörige akzeptiert. Der Status quo ändert sich kaum. «Die koloniale Vergangenheit ist bis heute in Grossbritannien präsent», resigniert der britisch-indische Rapper Mush. In anderen europäischen Ländern seien die Menschen toleranter: «England hat ein wirkliches Problem – auch wenn immer behauptet wird, Faschismus und Rassismus grassierten im übrigen Europa. Hier sind alle mehr oder weniger rassis-tisch – eine Woche so, eine andere so.» Und: «Die Engländer mögen zwar unsere Kultur, aber uns als Menschen nicht.»

 

Interview mit DJ Ritu

DJ Ritu.

Geboren wurde DJ Ritu in London als Tochter einer indischen Familie aus dem Punjab. 1986 startete sie als DJ, machte sechs Jahre lang Discomusik, ehe sie in die «Weltmusik-Szene» kam. Sie gilt als eine der wenigen Künstlerinnen, die sowohl in der Bhangra- als auch in der Asian-Underground-Szene zu Hause sind. Seit 1992 produziert sie ihre eigene Bhangra-Show auf BBC Three Counties Radio. Sie ist Leaderin der Bands Asian Equation und Sister India.

[Thomas Burkhalter]: Mit welchem Ziel haben Sie 1994 Outcaste Records gegründet?

[DJ Ritu]: Ich arbeitete damals in einem Londoner Jugendzentrum. Mir fiel auf, dass sich alle Kids wie Schwarze benahmen: Sie sprachen deren Slang, trugen deren Kleider und Basketballmützen. In meiner Jugendzeit hingegen hatte es als cool gegolten, weiss zu sein. Der heutige Outcaste-Labelchef Shabs und ich diskutierten über diesen Wandel der Rollenbilder. «Asiaten sollen cool sein» wurde zum versteckten Hauptziel unseres Labels.

[TB]: Wie würden Sie die Entwicklung des Asian Underground seit der Gründung von Outcaste Records umschreiben?

[DJR]: Vieles hat sich geändert, um die Szene hat sich eine Industrie gebildet. 1994 gab es bloss Outcaste und Nation Records. Presse- oder Medieninteresse war kaum vorhanden. Mit der ersten Nitin-Sawhney-CD «Migration» schmissen uns die Journa-listen die Türen ins Gesicht. Heute steht Nitin auf den Frontcovern diverser Magazine. Trotz aller Fortschritte: Auf nationalen Radiostationen wird noch immer kaum asiatische Musik gespielt. Sicher sind einige Mainstream-Medien auf den Asian-Underground-Hype aufgesprungen, andere asiatische Musiker aber ignorieren sie. Fünf bis sechs Jahre wird es noch brauchen. Die Sister-India-Tour im Herbst 99 beispielsweise hat zum ersten Mal britisch-asiatische Musikerinnen allein auf einer englischen Konzertbühne präsentiert. Die Presse aber zeigte sich gleichgültig: Sie hätte gerade Talvin Singh porträtiert und könnte nicht schon wieder Asiaten bringen. Im Jahr 2000 kennt die britische Presse noch immer Quoten.

[TB]: Majorlabels aber haben Interesse an jungen asiatischen Sängerinnen gefunden.

[DJR]: Das ist toll. Was aber passiert mit ihnen? Sechs oder sieben Sängerinnen sind bisher von Warner Music vertraglich eingebunden worden. Gesucht aber wurde der kurzfristige Erfolg im weissen Musikmarkt, vergessen die asiatischen Fans. Unsereiner kauft nicht zwangsläufig Musik von Asiatinnen und fährt nicht extra in die City, um eine CD zu kaufen. Die Sängerin Amar hatte 1995 mit einer Hindi-Version von Whitney Houstons «I will always love you» einen Megahit in unseren Communities. Wir liebten die damals 17-jährige. Doch dann wurde Amar von Warner gekauft und drei Jahre lang war Stille. Jetzt gibts eine neue Single von ihr und niemand mag diese Musik. Was also machen die Grossen mit unseren Musikern? Helfen sie ihnen oder bringen sie sie zu Fall?

[TB]: Sehen Sie den Asian Underground denn als politische Bewegung?

[DJR]: Am Anfang war dieses Für-eineSache-Kämpfen sehr ausgeprägt. Viele sahen in der Politik die Wurzeln ihrer Musik und versuchten, ihre Botschaft in aggressiver Art und Weise zu verbreiten. Seit die Musiker aber seit drei, vier Jahren mehr Geld verdienen und die soziale Gleichstellung Fort-schritte gemacht hat, stehen Streit und Eifersüchteleien an der Tagesordnung; eine einheitliche Bewegung gibt es kaum mehr. Unsere Leute bekämpfen sich via Presse und lästern vor allem über Talvin Singh. Warum, weiss ich nicht.

[TB]: Worum geht es Ihnen persönlich?

[DJR]: Meine Musik soll unterhalten und Spass machen. Ich bin politisch sehr vorsichtig. Ich sehe es bereits als politisches Statement, wenn ich mit meinen Gruppen Asian Equation oder Sister India auf der Bühne stehe.

[TB]: Sie zählen zu den wenigen Protagonistinnen, die im Asian Underground und in der Bhangra-Welt zu Hause sind.

[DJR]: Es geht um meine Individualität, ich persönlich mag beide Musikstile. Viele Musiker behaupten, Bhangra sei doof. Bhangra aber ist nichts anderes als Tanzmusik, Unterhaltungsmusik. Asian Underground klingt manchmal so kopflastig (lacht). Es ist eine Schande, dass sich die beiden Seiten dermassen bekämpfen. Die Angriffe kommen allerdings meist vom Asian Underground; Bhangra-Musiker sind happy in ihrer Welt, sie verkaufen jede Menge Kassetten. Die Pressekommentare aber, Bhangra sei tot oder Mist, sind schlicht arrogant. Musiker wie Kuljit Bhamra produzieren seit den 70er Jahren, sie spielten vor weissem Publikum, als der Rassismus noch viel ausgeprägter war. Ende der 80er Jahre habe ich Bhangra in englischen Clubs aufgelegt und immer wieder meckerten Typen, das sei Paki-Shit. Wenn du aber heute Talvin Singh spielst, also keine Texte verwendest, stört dies niemanden mehr. Es ist die Sprache, die man verachtet.

 

Interview mit Kuljit Bhamra

Kuljit Bhamra.

Kuljit Bhamra, Tabla-Spieler, Produzent und Inhaber der Plattenfirma Keda Records, wurde in Kenia als Sohn einer Sikh-Familie geboren. Als Kuljit Bhamra 1953 als Zweijähriger nach London Southall kommt, sind die asiatischen Communities in England noch klein. Als Musiker erlebt Bhamra ihre Entstehung hautnah. Er gewinnt mehrere asiatische Awards und goldene Schallplatten und tourt momentan mit dem britischen Jazzsaxofonisten Andy Sheppard.

[Thomas Burkhalter]: Kuljit Bhamra, erzählen Sie uns von der Entstehung der Bhangra-Industrie in England.

[Kuljit Bhamra]: Meine Mutter begründete die asiatische Musikindustrie in England – auch wenn dies anmassend tönen mag. Seit den 60er Jahren sang sie in Bhangra-Bands; 1970 gab es vier davon, 1992 siebenhundert. Meine Mutter initiierte die asiatischen Dancefloors. Tanzen war lange Zeit, vor allem für Frauen, verpönt, wurde es doch mit Sex, Prostitution und Drogen gleichgesetzt. 1989 weigerte sich meine Mutter, nur vor Männern aufzutreten: «Ich singe nicht, bis die Frauen im Saal sind!», sagte sie. Seither tanzen Mann und Frau im selben Raum nebeneinander.

[TB]: Bis heute könnte man die Communities als parallele Welt zum weissen England sehen. Was sagen Sie dazu?

[KB]: Die Communities sind eine Art Ghetto. Keiner unserer Musiker hat bisher den Sprung in die britischen Charts geschafft. 1989 aber explodierte die Industrie, ich alleine produzierte 18 Alben in jenem Jahr und verkaufte sie bis zu 80 000 Mal, offiziell; sicher waren es noch viele mehr – der Schwarzmarkt ist riesig, das Kopieren von Kassetten gang und gäbe. Die britische Musikindustrie wollte aufspringen, sie erreichte aber nie annähernd unsere Verkaufszahlen. Trotzdem: Bald wird die westliche Musikindustrie junge Asiaten in Englisch singen lassen, um so auch unseren Markt zu erobern.

[TB]: Suchen Sie als Produzent den Erfolg in der weissen Welt?

[KB]: Ja, aber ich habe resigniert. Ein typischer Bhangra-Song wird es nie in die Charts schaffen. Ich habe zahlreiche westliche Popsongs mit minimalem indischem Einschlag kreiert, und doch höre ich immer wieder: zu indisch, noch immer zu indisch. Die Briten wollen keine asiatischen Popstars, höre ich immer wieder; ich sage: Man gibt ihnen keine Chance. Radio und TV bestimmen, was die Menschen hören. Schuld an den Misserfolgen haben wir Asiaten aber auch selber. Wir kaufen die CDs unserer Künstler nicht in den britischen Musikgeschäften, sondern lieber nebenan im Kassettenshop. Solange wir nicht lernen, unsere Künstler in den britischen Megaläden zu kaufen, wird keiner von uns langfristig den Popolymp erobern.

[TB]: Mitschuldig sind wohl auch die asiatischen Ladenbetreiber.

[KB]: Manchmal wünsche ich mir, alle indischen Shops würden schliessen. Sie verkaufen unsere Musik wie Gemüse, der Kassettenpreis variiert zwischen 50 Pence und drei Pfund: «Zehn Bhangra-, zwei Hindi- und drei Bollywood-Kassetten», tönt es. Es gibt Ladenbetreiber, die heuern Musiker an, zahlen ihnen die Produktionskosten und verkaufen das Produkt direkt und exklusiv in ihrem Shop. Der Zwischenhandel fällt weg, der Kassettenpreis sinkt. Und wenn du in einen Laden gehst und nach der besten Kassette fragst, kriegst du die Hausmarke.

[TB]: Wie ist Ihre Meinung zum so genannten Asian Underground?

[KB]: Asian Underground ist Musik für Weisse. Ich wage zu bezweifeln, dass ein Turbanträger in den Asian-Underground-Clubs ankommen würde. Hinter dem Asian Underground stehen weisse Marktstrategen – und da sollen wir Asiaten sagen: «Yeah, ich bin ein Asian Underground Fan»?

[TB]: Sehen Sie den Asian Underground als Ausverkauf asiatischer Kultur?

[KB]: Nein, das nicht. Asian-Underground-Musiker verwenden oft mehr asiatische Instrumente als Bhangra-Musiker. Die Norm-Bhangra-Band musiziert mit Schlagzeug, Bassgitarre, elektrischer Gitarre und einer Dholak-Trommel. Wenn du den Text wegnimmst, hörst du eine englische Band, und zwar eine miese. Im Asian Underground aber hast du Flöten, indischen Gesang, Sitar und Tabla. Die musikalische Qualität ist sehr hoch. Selbst wenn die Musik manchmal etwas eklektisch klingt, tut sie viel für unsere Kultur.

[TB]: Die meisten Bhangra-Musiker behaupten das Gegenteil.

[KB]: Erstaunt Sie das? (lacht) Nein, vielleicht aber will die Bhangra-Szene ihren Frieden in den Communities; und Asian-Underground-Musiker, die es dem ehemaligen kolonialen Unterdrücker heimzahlen wollen, gefährden die Idylle. Ich verstehe die Argumente des Asian Underground, finde sie aber etwas zu intellektuell. Meine Musik will unterhalten, vielleicht wird sie mal im weissen England integriert, vielleicht nicht – ich vergeude keine Kraft mehr. Als Firmenboss verkaufe ich in die Communities, den «Weltmusikmarkt» und nach Indien. Der Erfolg von Musiklabels misst sich nicht nur nach den Verkäufen im Westen.

[TB]: Sie verkaufen also auch nach Indien?

[KB]: Die indische Musikindustrie besteht zu 95 Prozent aus Bollywood, Filmmusik also. Klassische Musik, Volksweisen und religiöse Lieder sind bedeutungslos – auch wenn der Westen das Gegenteil glauben möchte. Momentan setzt die Film-industrie auf Bhangra, gesungen in Hindi. Mindestens zwanzig meiner Stücke sind adaptiert zu grossen Hits in Indien geworden. Das ist einerseits aufregend, andererseits bedenklich. Indien hat so viele junge Talente, aber sie kopieren andauernd Musiker aus England. Vielleicht doch eine Folge des Kolonialismus. Noch immer herrscht das Gefühl vor, das Beste käme aus England.

 

Interviewzitate

Talvin Singh.

«Ich werde wohl nach Pakistan zurückgehen und mich dort ‹happy› niederlassen. Unsere Musik hier ist gut, aber ich sehe keine Resultate. Es gibt zu viele Türen, durch die du hindurch musst: Musikbusiness, Shops, Journalisten, Radio und Fernsehen. Ist eine Türe offen, bleibt eine andere zu. Beim Autofahren schaue ich mir gelegentlich die Leute an und beneide sie darum, nicht im Dilemma der Asiaten und Afrokariben zu stecken. Der einzige Ort, wo ich nicht immer beobachten muss, wer wie schaut oder wer was sagt, ist Pakistan.» Aki Nawaz

«Als ich mit elf als junger Tabla-Spieler nach Indien kam, sagten alle: ‹Du bist ein Brite› – egal, wie gut ich spielte. In England dasselbe: ‹Du bist Inder.› Als Immigrant bist du überall Aussen-seiter. Darin aber sah ich eine Chance und schaffte meine persönliche Musik.» Talvin Singh

«Die neue Generation ist anders. Sie klaut Autos oder startet ein Business. Sie sagt nicht mehr nur ‹please please›, sondern wenn nötig auch ‹fuck off›.» Aki Nawaz

«Ich fühle mich beyond nationality. Man kann mich als britischen Asiaten bezeichnen, darf mich aber nicht nur damit definieren. Man darf mein Wesen nicht in eine Kategorie zwängen oder an den üblichen Stereotypen messen. Britischer Asiate zu sein kann vieles heissen und beinhalten.» Nitin Sawhney, Postiv-ID

«In Zukunft zählt das Talent, nicht die Abstammung. Die Plattenindustrie kennt keine Quoten mehr für asiatische Gruppen. Es geht um die Musik, und wer die Musik macht, ist egal. Asiatische Rapperinnen sind keine Ausnahmen, genauso wenig wie asiatische Soulsängerinnen, Tänzerinnen und Schauspielerinnen. Ich habe lediglich früher damit begonnen. Das ist alles.» Hardcaur, Rapperin

«Meine Kinder sollen keine weissen Westler sein. Sie sollen auch nicht sein wie meine Eltern. Sie sollen sein wie ich, aber selbstsicherer. Zwischen meinen Eltern und mir bestehen Missverständnisse, aber auch zwischen meinen weissen Freunden und mir. Meine Kinder sollen ein komfortableres Leben führen, sie sollen mit Stolz sagen können: ‹Ich bin britischer Asiate; meine Heimat ist England, aber ich liebe Indien.›» Bobby Friction

«Es geht um die persönliche Entwicklung, darum, aus der Geschichte zu lernen, um Individualität, aber auch um das Finden der eigenen Wurzeln. Die Suche danach führte mich zu Bhangra, Hindi und Bollywood, dann zur klassisch indischen Musik und zum pakistanischen Qawwali, schliesslich zum Hinduismus, Sikhismus und Islam. Es geht darum, alles zu verstehen, zusammenzubringen und vorwärts zu gehen. Bhangra-Kassetten zu produzieren wäre verdammt einfach. Aber was brächte das mir? Nichts, selbst wenn ich 100 000 Stück verkaufe. Gelingt es mir aber, durch meine Musik westliche Hörer mit unserem kulturellen Anderssein vertraut zu machen, erreiche ich bereits beim Verkauf von fünf Platten etwas.» DJ Ges-E, Outcaste

«Die Briten machen Ferien in Goa, ziehen sich eine Prise Exotik rein, kommen heim und wissen: Alle Asiaten sind exotische Wesen. Das ist rassistisch und verhindert, dass wir Asiaten in England eine eigene Identität finden und ein normales Leben führen können. Asiaten sind nicht genetisch bedingt Pazifisten, meditative Menschen oder was auch immer die Engländer in uns hineinprojizieren wollen.» Chandrasonic, Asian Dub Foundation

«Weil die Journalisten mit unseren politischen Forderungen und unserem Dekonstruieren ihrer Sichtweisen nicht umgehen konn-ten, haben sie begonnen, mich zum Islam zu befragen. Über meine Religion wusste ich damals kaum etwas, aber ich begann zu lernen. Und heute beantworte ich ihre Fragen. Das Resultat: ‹Aki Nawaz pusht den Islam› oder ‹Aki Nawaz ist ein muslimischer Extremist› ist in den Gazetten zu lesen.» Aki Nawaz, Fun’da’mental

«Wir wollen raus, uns nicht in einer Community verstecken. Wir wollen uns selber zeigen, dass wir uns nicht zweitrangig zu fühlen brauchen, wir sind den anderen ebenbürtig. Ich selber muss noch gegen die Negativeinflüsse aus meiner Kindheit ankämpfen, gegen die rassistischen Paki-Parolen, gegen die Bücher, die mich glauben liessen, den Weissen unterlegen zu sein. ‹Fuck you›, heute sagt mir keiner mehr Paki und erlaubt sich, mich dafür zu verachten.» TJ Rehmi, Nation

«Die Briten mögen keine ‹farbigen› Popstars, bis heute nicht. Wir werden ins Kuriositätenkabinett verwiesen, den ‹Zeitgeist› sollen wir nicht repräsentieren. Journalisten verwechseln unsere Namen oder meinen, wir alle seien Brüder. Britische Gruppen wie «Blur» oder «Pulp» werden über ihr Privatleben ausgefragt, wir über unsere Abstammung. Das ist Rassismus!» Chandrasonic, Asian Dub Foundation

«Wir waren am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Zwar spricht unsere Musik für sich, aber die Briten hatten begonnen sich gegenüber der asiatischen Kultur zu öffnen. Zudem malte sich Madonna indische Mehendi auf ihre Hände und machte so die Welt auf den vergessenen Indischen Subkontinent aufmerksam. Nicht zuletzt deswegen wurden wir plötzlich auf der ganzen Welt beachtet. Glück und Timing.» Shrikanth Sriram «Shri»

«Die Asiaten in diesem Land sind Schafe, Herdentiere. Sie laufen den Weissen nach. Willst du ihnen imponieren, musst du die Hitparaden stürmen. Dann wird die Jugend uns folgen.» Sanjeev «Coco» Varma, Earthtribe

«Ich bin ein Symptom des gesellschaftlichen Wandels und nicht dessen Ursache. Ich sehe weder mich noch die anderen asiatischen Musiker als Katalysator einer Entwicklung hin zu einem besser funktionierenden Multikulturalismus. Jeder der das behauptet, ist arrogant. Vielleicht habe ich ein klein wenig dazu beigetragen, grundsätzlich aber bin ich Symptom. In der Film-, Musik-, Theater- und Sportwelt wird die britische Multikulturaliät immer offensichtlicher und normaler. Von wem diese Entwicklung ausgegangen ist, weiss niemand. Ich sehe auch keinen Startpunkt, nur verschiedene Abschnitte in einer Evolution der britischen Multikultur.» Nitin Sawhney, Positiv-ID

Nitin Sawhney.

Published on August 15, 2000

Last updated on October 13, 2019

Biography

Thomas Burkhalter is an ethnomusicologist, AV-artist, filmmaker and music journalist from Bern (Switzerland). He is the founder and director of Norient – Performing Music Research (norient.com), the Norient Film Festival (NFF) and the new Norient Space «The Now In Sound». He co-directed the documentary films «Contradict» (2020) and «Ghana Controversial» (Al-Jazeera Witness, 2019), the AV/theatre/dance performance «Clash of Gods» (2018), is the author of «Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut» (Routledge), and he co-edited the books «The Arab Avant Garde: Musical Innovation in the Middle East» (Wesleyan University Press), «Seismographic Sounds – Visions of a New World» (Norient Books), and «Out of the Absurdity of Life – Global Music» (Norient/Traversion). His experimental radio feature, «Gqom Edits – A Durban Visit», was nominated for Prix Europa in 2017.
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