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«Wem gehört dieser Song?»

Ein Film über Musik, über den Balkan, über Politik und Identität. Ein Film, der fasziniert und verstört, anregt und begeistert.

Die bulgarische Musikethnologin und Filmemacherin Adela Peeva begibt sich 2003 auf die Suche nach den Spuren eines Liedes, das sie aus ihrer Kindheit kennt. Ihre Reise führt sie in die Türkei, nach Griechenland, Albanien, Bosnien, Mazedonien, Serbien und zurück nach Bulgarien. Überall trifft sie auf diese Melodie, die in mannigfacher Gestalt erscheint: Als nostalgischer Schlager, als Liebeslied, als Militärmarsch, als islamisches Kampflied oder als nationalistisches Volkslied. Der Steinmetz aus Lesbos singt es, die Opernsängerin aus Tirana, der bosnische Chorleiter, der Schlagersänger aus Mazedonien oder der serbische Priester. Alle haben sie ihre eigene Fassung und alle sind überzeugt davon, dass das Lied aus ihrer Gegend stamme und ein typischer Teil ihrer ureigenen Kultur sei.

«Wer hat’s erfunden?» Die Frage, die bei uns im Zusammenhang mit Werbung für ein Schweizer Kräuterbonbon bekannt geworden ist, ist auf dem Balkan nicht bloss ein witziger Werbegag, sondern eine zentrale Frage der nationalen und persönlichen Identität, die in zahlreichen Alltagsgesprächen immer wieder diskutiert wird. Die eigene Identität scheint zentral mit der Frage von Herkunft und Ursprung kultureller Erscheinungen und dem Nachweis des höchsten Alters der eigenen Kultur verknüpft zu sein. Adela Peeva macht in ihrem unterhaltsamen und beeindruckenden Film deutlich, wie erbittert diese Diskussion geführt wird und wie grotesk sie gleichzeitig ist. Der Mythos einer echten, unverfälschten, reinen Kultur wird auf witzige und kurzweilige Weise ad absurdum geführt, denn die Frage, woher dieses Lied ursprünglich stammt, lässt sich längst nicht mehr beantworten. Zu vielfältig sind die gegenseitigen Beeinflussungen der verschiedenen Kulturen. Zwar wird der Besitzanspruch zunehmend heftig verteidigt, aber mit jedem neuen Beispiel wird klar, dass die verschiedenen Kulturen viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als ihre Vertreter wahrhaben wollen. Es zeigt sich aber auch, dass eine historisch korrekte Antwort gar keine Rolle spielt, da die ideologischen Positionen stärker sind als alle Fakten.

Der erfrischende, tragikomische Film präsentiert faszinierende Musik und stellt skurrile Gestalten und beeindruckende Landschaften vor. Er beweist aber auch ernüchternd, dass die völkerverbindende Kraft der Musik auch nur ein Mythos ist, der nicht in jedem Fall zutrifft. Damit weist er weit über die Balkan-Problematik hinaus und stellt grundsätzliche Fragen nach kultureller Identität, nach Entstehung und Vermischung von Kulturen und nach der Bedeutung von Musik in sozialen und politischen Kontexten. So hat er auch sieben Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Aktualität und Brisanz eingebüsst.