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Fokofpolisiekar – Fuck-Off-Police-Car

Freitag, 14.1.2011. Fokofpolisiekar – ein Rockumentarfilm und eine Film über die Post-Apartheid-Gesellschaft in Südafrika. Im Rahmen des 2. Norient Musikfilm Festivals [1].

Der Film trägt den wohl treffendsten Titel für ein Festival in der Berner Reitschule. Auf den ersten Blick hat der südafrikanische Regisseur Bryan Little einen Rockumentarfilm über die Band Fokofpolisiekar («Verpiss dich, Polizeiauto») geschaffen. Beim näheren Betrachten zeichnet der Film ein sehr tief gehendes Porträt der weissen Post-Apartheid-Gesellschaft im neuen Südafrika.

Am Anfang des Films sagt eines der Bandmitglieder: «Wir waren 1994 zwölf Jahre alt, als die Apartheid abgeschafft und die Regenbogennation gegründet wurde. Als Zwölfjähriger verstehst du die politische Atmosphäre nicht wirklich. Wir waren irgendwo zwischen drin. Wir waren zu jung, um zu verstehen, was Apartheid wirklich bedeutet hatte, aber zu alt, um nichts davon zu wissen.» Die eigene kulturelle Identität als Weisser in Südafrika ist ein wiederkehrendes Thema im Film.

Einerseits ist da die Last der Geschichte, die auf den Schultern der jungen Generation liegt. So ist die Sprache Afrikaans stigmatisiert als Sprache der Buren, der ehemals weissen Unterdrücker. «Vielleicht täusche ich mich», sagt der Künstler Peet Pienaar – der übrigens das Plakat des diesjährigen Norient Musikfilm Festivals entworfen hat – im Film, «aber es ist im Moment total politisch unkorrekt, Afrikaans zu zelebrieren. Es ist sehr, sehr politisch korrekt, Afrikaans zu kritisieren.» Dass die Band Fokofpolisiekar in Afrikaans singt, löst aber gerade bei ihren jungen Fans eine wahnsinnige Euphorie aus. Einer behauptet sogar, dank Fokofpolisiekar würden viele Weisse in Südafrika bleiben, statt nach England abzuhauen. In einem entfernten Sinn ist das Phänomen vergleichbar mit Mundartrock. Wenn eine Schweizer Band statt Englisch in Berndeutsch singt, heisst das noch lange nicht, dass sie nationalistisch und rückständig ist. Der Filmregisseur Bryan Little erklärt, vor ein paar Jahren sei sogar darüber gesprochen worden, dass die relativ «junge» Sprache Afrikaans schon wieder vor dem Aussterben bedroht sei, doch inzwischen sehe es völlig anders aus: «Dank Fokofpolisiekar gibt es heute Hunderte von jungen Bands, die in Afrikaans einerseits wunderbare, andererseits aber auch schreckliche Musik heraus posaunen… Afrikaans gesungene Musik ist heute eine Realität in Südafrika, und ich würde soweit gehen, zu sagen, dass sie sogar andere Sparten wie Design, Literatur etc. beeinflusst. Ich behaupte sogar, der explosionsartige internationale Erfolg von Die Antwoord [eine südafrikanische Fun-Trash-Elektro-Rap-Gruppe, die im Moment auf der ganzen Welt durch Clubs tourt] kam dank Fokofpolisiekar zustande. Ich weiss, Waddy/The Ninja [Rapper von Die Antwoord] wird mich umbringen, wenn ich das jetzt sage, aber ich frage mich, ob er in diesem ‹White Trash› Afrikaans rappen würde, hätte ihm Fokofpolisiekar nicht den Weg dazu geebnet.» Und in Afrikaans singen eben nicht nur Weisse. Inzwischen ist nämlich nur noch eine Minderheit von Afrikaans sprechenden Südafrikanern weiss. Gerade in der Rap-Szene gibt es unzählige farbige Rapper, wie zum Beispiel im Umfeld des Pioneer Unit Labels (Terror MC, Jaak, Driemanskap), die entdeckt haben, wie «lekker» es sich in Afrikaans rappt.

Andererseits ist da der persönliche Hintergrund, mit dem sich die Band anlegt. «Alle diese Anweisungen, die ihr uns gabt – Arbeite, heirate und kriege Kinder – Und leide dann möglicherweise an Depressionen – Jemand muss fragen, Warum?», singt Fokofpolisiekar. Schon der Bandname birgt viel Konfliktpotential und wird dauernd in den Medien zensiert. In gewissen Fernsehanstalten werden sie deshalb einfach «Polisiekar», Polizeiauto, genannt. Die grössten Probleme kriegen sie jedoch bei der weissen Bevölkerung, wenn sie sich mit der Religion anlegen. Die grosse Mehrheit der weissen Bevölkerung gehört zur niederländisch-reformierten Kirche, die traditionell sehr calvinistisch-konservativ ist. Ziemlich betrunken schreibt einer der Musiker einem Fan die Worte «Fok God» («Ficke Gott») auf das Portemonnaie. Danach bricht ein heftiger Sturm der Entrüstung über die Band herein, der zuweilen mit harten Worten in der südafrikanischen Boulevard-Presse ausgetragen wird. Die Bandmitglieder, überrascht von der Reaktion, stürzen in eine tiefe Krise. Sie erhalten sogar Morddrohungen. Der Film zeigt auf, dass die Band dann doch sehr eng in ihrer eigenen Kultur verwurzelt ist, obwohl sie sich mit ihren Texten polemisch und provokativ mit ihr anlegt.

Der Film Fokofpolisiekar ist aber auch einfach ein Rockumentarfilm. «Das ist das ultimative Party-Paket: Ganja, Joint, pornografisches Material, Geld… ein Kondom, falls jemand Glück hat… und Freikarten, Fokofpolisiekar-Freikarten für eine bessere Zukunft», erzählt einer der Musiker und zeigt einen kleinen Aktenkoffer, der die Band auf ihrer Tour begleitet. Mit Freikarten werden möglichst viele Leute an die Konzerte gelockt. Der Filmregisseur Bryan Little führt aus: «Sie begannen Monate bevor sie überhaupt spielten, diese kleinen Flyer mit einem frischen Design und diesem verrückten Namen ‹Fokofpolisiekar› zu verteilen. Das schuf eine gewisse Aufregung in einer Zeit, in welcher niemand coole Musik mit Texten in Afrikaans machte. Sie versprachen etwas, bevor sie überhaupt einen Ton spielten.» Es funktionierte: Bald wurde die unbekannte Punkband zu einer der wichtigsten südafrikanischen Rockbands überhaupt. Auch die musikalische Entwicklung ist im Film nachvollziehbar. Am Anfang noch einfacher Drei-Gitarren-Griffe-Punk wird die Musik stets komplexer, aber auch spannender und virtuoser. Bryan Little, der Regisseur, schafft eine sehr starke Nähe zur Band. Das Porträt ist sehr ehrlich und direkt. Ein Freund von ihm hatte viele Videoclips der Band produziert. Little hatte zuweilen als Statist mitgespielt oder auf dem Set mitgeholfen. «Der Zugang war ziemlich einfach», erzählt er, «wir kannten die Jungs. Obwohl sie überrascht waren, fanden sie die Idee für einen Dokumentarfilm gut. Ich musste sie allerdings zähmen. Wie wilde Tiere musste ich sie an die Kamera gewöhnen. In den ersten Tagen hielten wir mit der Linse eine gewisse Distanz und hielten sie ihnen nicht gleich vors Gesicht. Langsam kamen wir ihnen näher, bis zum Punkt, an dem sie vergassen, was wir am Tun waren. Insgesamt filmten wir während drei Jahren. Zum Glück stand die Produzentin Filipa Domingues voll hinter mir und wir konnten einfach weitermachen. Je länger wir daran arbeiteten, desto vielschichtiger wurde die Geschichte. Leute im ganzen Land unterstützten die Dokumentation, und ich wollte der Geschichte wirklich gerecht werden. Also reisten wir und filmten und machten verrückte Entscheidungen… ohne Geld. Fokofpolisiekar als Band ist heute ziemlich am Ende. Aber die Geschichte lebt weiter. Ich denke, an die Idee müssen sie sich noch gewöhnen, dass ein Film, der von Aussenstehenden gemacht wurde, ein grosser Teil des Vermächtnisses der Band ausmacht.»

Der längste Film am Norient Musikfilm Festival hat etwas Hypnotisierendes. Am Schluss bleibt das Gefühl, dabei gewesen zu sein, ohne je wirklich ein Konzert von Fokofpolisiekar gesehen zu haben.