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Zola, der Ghettoblaster

Zolas Aufstieg aus dem Ghetto begann mit einer Schiesserei. Ein Typ zieht in einem Streit seine Knarre und drückt ab. Ein Auto rast davon. Das Heulen eines Menschen wird von dem einer Polizeisirene übertönt. Danach setzt mit radikalen, tanzbaren Beats die Musik ein. Diese Szene ist der Anfang von Zolas erstem Album Umdlwembe, einem Kwaito-Album, das von einem Leben handelt, in dem vor allem wegen einer ebenso brutalen wie ausufernden Strassenkriminalität immer wieder Tränen fliessen. Der Ort, an dem dieses Leben spielt, sind die South Western Townships nahe Johannesburg.

Zola [1] ist Südafrikas bekanntester Gangsta-Rapper, und gegen seine Biographie wirkt die des US-amerikanischen Rappers 50 Cent wie lauwarmer Hüttenkäse. Denn Zola ist dort geboren, in Soweto, wo 1976, wenige Monate vor seiner Geburt, der Kampf gegen die Apartheid nach Studentenprotesten Formen einer sozialen Bewegung annahm. Gegen diese Komponente des Street-credibility-Diskurses wird 50 Cent, eine wandelnde Schussverletzung, nie ankommen. «Ich habe die ersten Schüsse schon im Bauch meiner Mutter gehört», sagt Zola. «Ich habe den Kampf Sowetos geerbt, er ist in mir. Soll ich also darüber singen, wie ich im Park meinen Hund füttere?»

Fünf Jahre nach der Veröffentlichung seines Debütalbums steht Zola in einem deutschen Schuhladen und kleidet sich für einen Fernsehauftritt mit klobigen Timberlands ein. Er braucht kaum mehr als die Zeit einer Rapstrophe, um das Paar zu finden, das er will. Zola hat den Eröffnungssong für Peter Maffays gerade erschienenes Album Begegnungen eingesungen, auf dessen Cover eine rote Blume abgebildet ist. Der Song, «Don’t Cry», beginnt mit zarten Triangelklängen ähnlichen Pulsschlägen. Frappierend ist, dass sich Zola dafür nicht einmal verbiegen musste.

Aus einem der härtesten Gangsta-Rapper ist binnen fünf Jahren ein wichtiger Repräsentant eines teilerneuerten Südafrika geworden. Und das hat weder damit zu tun, dass er sich vom Saulus zum Paulus wandelte, noch damit, dass er eines Tages seine Herkunft leugnete und Softrocker wurde. Seine Karriere kann nur im Kontext der jüngeren Geschichte Südafrikas gelesen werden: Man kann heute, einfacher als noch vor fünf Jahren, schwarz und trotzdem ein Star sein. Zola hat diese Geschichte selbst mitgeschrieben. Und heute hat er, dessen allein erziehende Mutter bei weissen Mitbürgern putzte, den Status eines Superstars. Wohltätigkeitsprojekte gehören zu seinem Repertoire.

Zola teilt mit Peter Maffay das soziale Engagement und mit 50 Cent die Kunstform, mit beiden aber weniger als mit jedem Bewohner Sowetos, das sein Bezugspunkt bleibt. Mit seinem Anteil am Erlös von Maffays Album will er das dortige Endemi Children’s Home unterstützen. Zola nennt das nicht Charity. Er sagt: «Es geht um Ermächtigung. Wir müssen endlich weg von diesem Mist, dass Afrika die Dritte Welt sei und das Herz der Finsternis. Wir müssen selbst etwas tun.» Und genau das, diese Idee der Selbstermächtigung, ist der rote Faden seiner Laufbahn. Er verkörpert exemplarisch die Entwicklung, in der die schwarze Jugend aus Soweto, vor 100 Jahren aus Arbeiterghettos entstanden, nach der Apartheid sich Gehör verschaffte. Zola hat, neben einem neuen kulturellen Stil, auch ein neues Selbstbewusstsein mit manifestiert. Er trägt es sogar um den Hals: «Soweto» steht auf der Rückseite seiner siebenförmigen Silberkette, und vorne, unter seinem Namen, «Guluva»; das sei ein Typ, erklärt Zola, der nicht herumlamentiere.

Seine Musik, Kwaito, ist eine in den Townships entstandene Mischung aus Hip-Hop, House, Township-Jive der Achtziger und vielen eigenen Ideen. Die Major-Plattenfirmen hatten diese Musik lange belächelt; die Musiker verkauften ihre Kassetten daher von den Kofferräumen ihrer Autos aus. Der Markt wollte sie nicht? Er sollte sie kennenlernen. Zola ist keiner der Pioniere der Musik. Aber er ist unter denen, die den Motor heisslaufen liessen.

Mit fünf südafrikanischen Music Awards ist er ausgezeichnet worden, 2002 und 2005 als Künstler des Jahres. Als einer der ersten Rapper gründete er eine eigene Kleidungskollektion. Er hat eine Show namens «Zola 7» im staatlichen Fernsehen, die jede Woche fünf Millionen Zuschauer erreicht. Er erfüllt darin Anrufern ihre Wünsche. Ein Zuschauer wünschte sich, seinen Grossvater, begraben auf einer weissen Farm, umzubetten, doch der Farmbesitzer weigerte sich, mit rassistischen Argumenten. Zola nahm den Fall in die Sendung. Zuletzt schrieb er den Soundtrack zum oscarprämierten Spielfilm «Tsotsi» und spielte darin, wie zuvor im Film Drum, seine Paraderolle: einen Gangster.

Noch vor fünf Jahren stand der Name Zola nur für eines der miesesten Viertel im insgesamt nicht sorgenfreien Soweto. Eine Bahnstation sucht man dort vergebens, eine Klinik für missbrauchte Kinder nicht. Zola, geboren unter dem Namen Bonginkosi Dlamini, nannte sich nach der Gegend, in der er aufwuchs, eignete sich ihren ramponierten Ruf an und machte ihn zu seinem. Seit er 2001 seine erste Fernsehrolle in einer Serie spielte, repräsentiert er das Township Zola landesweit. Yizo Yizo hiess diese Serie. Sie spielte an einer Schule und thematisierte, erstmalig in Südafrika, den Alltag Jugendlicher in den Townships. Das Fernsehen war vorher von unpolitischen US-Seifenopern dominiert worden. Yizo Yizo aber zeigte das Land von einer Seite, die vielen die Kehle zuschnürte.

Bei dem grossen Indielabel Ghetto Ruff erzählt man heute die Geschichte, wie 1999 ein Typ mit Rastalocken vergeblich wegen eines Plattendeals vorsprach: Zola. Zwei Jahre später machte er dort, kahl geschoren, den Titelsong zu Yizo Yizo. Dem Song folgte sein erstes Album mit Hardcoresongs wie «Ghetto Scandalous». Danach war er ein Star, galt aber auch endgültig als Gangster. Kwaito – wie viele junge afrikanische Musikstile – galt als gewaltverherrlichend und sexistisch. «Ich wurde regelrecht bombardiert», sagt Zola. «Warum singst du über Kokain, Frauenhandel und Waffengewalt, das ist falsch! Und ich sagte: Ihr Jungs geht jeden Sonntag in die Kirche und beschwert euch über unsere Graffiti und unsere komischen Klamotten, aber was tut ihr, damit die Welt anders funktioniert? Nichts. Das ist so lächerlich.»

Zola hat mittlerweile drei weitere Alben herausgebracht, und noch immer mimt er den Gangster, den Alkoholiker, den Outlaw. Dennoch wird er heute anders wahrgenommen als früher. Er hat es mit Rhetorik und grosser Präsenz geschafft, dass er und seine Herkunft aus dem Ghetto, die wichtigste Bildfigur des Hip-Hop, glaubwürdig erscheinen. Zola selbst nennt sich einen Ghetto-Ethnologen. Die Selbstverortung im Ghetto und zugleich über dem Ghetto, die er damit meint, ist sein Weg, die Authentizitätsfalle, die Hip-Hopper sich mit ihrer Forderung nach realness selbst ausgelegt haben, zu umgehen.

Zola ist so der wohl zugänglichste Kwaitostar geworden – eloquent, aber mit der Erfahrung der Strasse und qua Geburt der Autorität, eine Sicht von unten zu vertreten. Das ist eine Kombination, die ihm viele Türen öffnet, weil er das Ghetto repräsentiert, aber trotzdem so kluge Sachen sagt und so schön nahbar bleibt. Vor kurzem hat ihn eine Zeitung als potentiellen Kandidaten für die südafrikanische Präsidentschaft ins Spiel gebracht. Er hat nur abgewunken und gesagt, er wolle lieber der Präsident der Leute in der Strasse sein, das dafür auf Lebenszeit. Im Juni sprach er bei einer Konferenz der Vereinten Nationen für eine effektivere Waffenhandelskontrolle. Und auch, dass Peter Maffay von all den Kwaitostars, zu deren grössten Zola freilich gehört, ausgerechnet ihn um eine Zusammenarbeit gebeten hat, kann nur damit zu tun haben – er, der geborene Repräsentant, ist perfekt für ein Charity-Album.