- Norient - https://norient.com -

Mit Kultur gegen das System

Ägyptens Machthaber kontrollieren das Kulturschaffen in Ägypten seit Jahrzehnten. Jetzt demonstrieren auch viele Künstler Tag und Nacht auf dem Tahrir-Platz.

Wie verbringst Du Deine Zeit im Moment?
«Auf dem Tahrir-Platz»

Wie siehst Du Deine Rolle als Künstler in dieser ägyptischen Revolution?
«Bleiben, auf dem Tahrir-Platz. Ausharren!»

Die Antworten vieler Musikerinnen und Musiker aus den subkulturellen Musikszenen Kairos ähneln sich. Viele harren auf dem Tahrir-Platz aus und werden wieder einmal als «Westler» beschimpft – als wären sie keine Ägypter. Die ägyptische Tänzerin Karima Mansour hat ihren Residenzaufenthalt und ihre Tanzperformances in der Dampfzentrale in Bern abgesagt und ist kurzerhand nach Kairo zurückgeflogen. In der Berner Zeitung Der Bund [1] berichtet sie: Die Situation sei extrem intensiv, explosiv, kompliziert und aufregend. Sie sei froh, hier zu sein. Die Kairoer Künstlerszene sei sehr aktiv:

«Das Geschehen muss dokumentiert und archiviert werden. Die Informationen liefern wir an die ägyptischen Zeitungen, an die Radio- und Fernsehstationen, und wir bereiten sie im Internet, auch auf Youtube.»

Zurzeit drehen die Künstler Videos- und Filmclips. Eine Sammlung von Spots, in denen Prominente ihr persönliches Statement abgeben.

«Ich bin XY. Und ich bin gegen dieses Regime.»

Diese Clips werden wohl bald via YouTube erscheinen.

Derweil informieren die Künstler uns via Facebook über ihren Frust und ihre Aktivitäten. Wir erfahren, dass unter den vielen Toten auch der Musiker Ahmed Basiony ist. Er ist noch im letzten Jahr am 100 Live Electronic Music Festival des experimentellen Musikerlabels 100copies [2] aufgetreten.

Kontrolle hat Tradition

Ägyptens Machthaber sehen den Status Quo seit langem gefährdet. Darum wollen sie das Kulturschaffen kontrollieren. Das seit 1981 von Hosni Mubarak regierte Ägypten zeichnet sich vor allem durch politischen Stillstand aus. Künstler werden nur akzeptiert und gefördert, wenn sie staatspolitisch genehme Botschaften oder Inhalte vermitteln. Sie werden hingegen zensuriert und fallen gelassen, wenn sie kritische Positionen vertreten. In den 1990er Jahren wurden zum Beispiel viele Heavy Metal Musiker als Satanisten gebrandmarkt, eingesperrt und verprügelt (siehe die norient Reportage “Leise Musiker in einer lauten Stadt” [3] aus dem Jahr 2003).

«Kunst und Kultur sind die wahren Motoren der Menschen.» Das sagte Sharif ash-Shoubashi vom ägyptischen Kulturministerium kürzlich der Zeitung «Al-Ahram». «Eine Gesellschaft lässt sich sehr viel stärker mit kulturellen als mit politischen Mitteln bewegen.»

Tabus

Seit der sozialistischen Ära Gamal Abdel Nassers Ende der Fünfzigerjahre versucht das offizielle Ägypten, das Kunstschaffen in die Pflicht zu nehmen. In den Sechzigerjahren wurden alle Kulturinstitutionen verstaatlicht, und fast jeder Intellektuelle Ägyptens verbrachte mindestens zwei Jahre im Gefängnis. Einigen Intellektuellen und Künstlern wurden hohe Stellen im Staatsapparat angeboten; so sollten sie mundtot gemacht werden. Bücher wurden verboten, die Zensur griff hauptsächlich in den Film und ins Theater ein. Unter Anwar as-Sadat (1981 ermordet) und Hosni Mubarak verbesserten sich die Bedingungen für Künstler ein wenig; jegliche Opposition wurde allerdings weiter unterdrückt, und die Zensur blieb allgegenwärtig. Mit dem Aufkommen des Islamismus erweiterte sich der Kreis der Tabuthemen: der Präsident und seine Familie, die Religion, die Sexualität. Heute liegt die Kultur in den Fesseln des Staates und der Islamisten, die Kunst nicht selten als Widerspruch zu den islamischen Prinzipien von Bescheidenheit und Sittsamkeit sehen. Im Kulturministerium sitzen die (einst) wichtigsten Künstler und Intellektuellen des Landes. Sie haben nach von oben aufgezwungenen Regeln zu funktionieren oder sie finden keine Arbeits- und Auftrittsmöglichkeiten mehr.

Freiräume im Internet

Gerade in den letzten Jahren aber haben sich in Ägypten unabhängige Kunstszenen entwickeln können. Künstler produzieren Videos und Musik auf dem Computer und veröffentlichen sie im Internet, sie stellen in privaten Räumen aus und umgehen so die offiziellen Sanktionsstellen. Gefördert werden sie dabei oft von den ausländischen Kulturorganisationen in Kairo, und Absatz finden ihre Projekte und Produkte auch im Westen. (Siehe norient Artikel “Sinn aus dem Chaos schöpfen” [4].)

Die Arme der ägyptischen Machthaber greifen allerdings noch immer weit: Zensur und Selbstzensur funktionieren, wo Kunstpräsentationen an öffentliche Räume und an vom Staat kontrollierte Produktionsstätten und Vertriebsstrukturen gebunden bleiben. Fast alle Kulturräume sind im Besitz des Staates, und die wenigen privaten Galerien und Veranstaltungsorte können nicht jedes Risiko eingehen, weil sie letztlich doch auch auf Goodwill und Gelder angewiesen sind. Wer etwa Musik veröffentlichen will, muss in zahlreichen Schritten die Vertriebsrechte beim Ministerium einholen. Und auch ausländischen panarabischen Satelliten-TV-Stationen eröffnen keine unbegrenzten Möglichkeiten: Sie setzen ausschliesslich auf kommerzielle Unterhaltung (siehe Artikel “Yasmine auf dem Mond” [5]).