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Voodoozauber hinterm Wolkenkratzer

Eigentlich wollte Thomas Haferlach nur eine Südamerikareise machen. Jetzt lebt der 31-Jährige seit sechs Jahren in São Paulo und feiert mit seinem Party-Kollektiv «Voodoohop» im Stil einer Neo-Tropicália-Bewegung. Der Voodoozauberer aus Alemanha verwandelt brachliegende Flächen der boomenden Finanzmetropole in neonbunte Spielwiesen für Grossstadtkinder: schrill, karnevalistisch und laut. Eine Reportage aus dem Norient-Buch Out of the Absurdity of Life (hier bestellbar [1]).

Wenn Partyvögel zum Tanz bitten (Foto: Caroline Barrueco)

Mit Thomas Haferlach ins Gespräch zu kommen ist nicht schwierig. Ihn längere Zeit für sich zu beanspruchen hingegen schon. Er steht am DJ-Pult und der «Pope of Voodoohop», wie er sich selbst auf seinem Facebook-Profil [2]nennt, wirkt so gar nicht wie einer, der diesen Titel für sich beanspruchen möchte. Gross gewachsen, schlank, hell die Augen, Haut und Haare, mit einem wohlwollenden Lächeln im Gesicht. So unfrisiert und unrasiert, in schlichtem Shirt, karogemusterten Hosen und dem Bier in der Hand sieht er eher aus wie einer, der zufällig hier gelandet ist. Hier, in der Casa das Caldeiras, einer ehemaligen Lagerhalle für Dampfkessel und heute Tummelplatz für die Künstlerinnen und Kreativen der Stadt. Sie sind auffällig und auffällig gut gekleidet; es wimmelt von Fotografen. Man würde nicht ahnen, dass Thomas’ Feste für das schrillste Partyvolk São Paulos organisiert – und selbst Teil davon ist.

Thomas wird nicht viel geschlafen haben. Am Freitag fand eine Party statt, organisiert von seinem Kollektiv, am Samstag legte er als DJ Thomash am Sonar-Festival Platten auf und heute ist Sonntag und die Voodoohop [3] in vollem Gange. Er führt mich zur Bar, gibt ein Bier aus und bricht meinen Satz ab, als ich sage, dass er ja der Chef der ganzen Sache hier sei. «Nein» schüttelt er den Kopf, «ich bin nicht der Chef, wir sind ein Kollektiv.» Überhaupt hat er diese Ich-bin-da-irgendwie-reingerutscht-Haltung, verschenkt seine Lorbeeren grosszügig weiter und applaudiert seiner Truppe.

Was als eine Südamerikareise, wie sie von vielen angetreten wird, angefangen hatte, mündete in der Gründung von Voodoohop. Damals war er 25 Jahre alt. «Die erste Stadt war dann halt São Paulo und irgendwie bin ich da stecken geblieben.» Mittlerweile hat er das ganze Land bereist, in den Anfängen als Tourist, dann als DJ. Aber dieser Moloch, diese unübersichtliche Stadt im Südosten Brasiliens, die nur aus Wolkenkratzern zu bestehen scheint und regelmässig im Verkehrschaos versinkt, hat ihn immer wieder zurückgezogen. Seit sechs Jahren nun. Während Thomas erzählt, kommen immer wieder Kollegen vorbei und flüstern ihm etwas ins Ohr, Partygäste erkennen ihn und Freunde stellen ihre Freunde vor. Thomas lächelt, schüttelt Hände, klopft auf Schultern, beantwortet meine Fragen und bemüht sich darum, allen gerecht zu werden.

Der Partypapst Thomas Haferlach im Gespräch mit einer Party-Pilotin (Foto: Ariel Martini)

Ungeplant sei es gewesen und fing in kleinem Rahmen an, in einer Bar an der Rua Augusta, der berühmtesten Barmeile der Stadt. Dort, wo zuvor ein Bordell gewesen war, veranstaltete Thomas Feste, legte selbst Platten auf und lud Freunde ein. «Nichts Ernstes», sagt er. Die Freunde luden ihre Freundinnen ein, die Zahl der Gäste wuchs und bald stellte sich heraus, dass für eine Fortsetzung mehr Platz nötig war. Aus dem Mann, der in Schottland künstliche Intelligenz und Informatik studiert hatte und sich nun mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste, ist ein ernstzunehmender Partyorganisator geworden. Auf die Frage, ob er Deutschland vermisse, antwortet er: «Wenn ich dort bin, liebe ich es», jedoch sei sein Heimatgefühl nicht sehr stark. Thomas hat sich in Brasilien eine Existenz aufgebaut, spricht die Sprache und ist umringt von Hiesigen, die ihn entschlossen unterstützen. Er grinst, als er von seiner Mutter erzählt, die in seiner Heimatstadt Köln lebt und kaum habe glauben können, was ihr Sohn in Brasilien treibe: «Und jetzt stehst du da und organisierst Partys mit Karnevalsvolk.» Mag sein, dass Voodoohop das Produkt eines Typen ist, dessen Job ihn gelangweilt hat. Aber den Zauber, den kann man ihm nicht absprechen.

Thomas benutzt das Wort «organisch», um die langsame, aber stetige Entwicklung der Voodoohop zu beschreiben. Aus Partys mit DJs wurden «visuelle Geschichten» und er betont: «Das Ganze nur mit Musik zu machen, hätte sich nicht gelohnt.» Nicht in einer Stadt, die unzählige Möglichkeiten bietet, sich zu vergnügen. Wer sich abheben will, muss erfinderisch sein, denn im «New York Südamerikas», wie São Paulo gerne genannt wird, sind die Konkurrenz und der Wille zur Kreativität besonders gross.

Dragqueen-Chique für Grossstadtkinder

Voodoohop Feste sind dann auch eine Stimulation aller fünf Sinne, wenn möglich, gleichzeitig: Während sich in einem riesigen, durchsichtigen Zelt zwei farbig angemalte Gestalten zum Zweck einer Kunstperformance mit Konfetti bewerfen, tanzen die Gäste im Raum nebenan zu hypnotischer Musik. Beim Gang auf die Toilette lässt es sich bei einer Fotoausstellung inne halten, während ein paar Meter weiter ein Schlagzeuger, Bassist und ein Synthesizer zu einer Band zusammenschmelzen. Ein Mann im Badeanzug bläst Glitzerstaub von seiner Hand und eine Dame im Paradiesvogelkostüm bemalt mit blossen Fingern die überhitzten Gesichter der Tanzenden mit Neonfarbe, die im Schein der Discokugel leuchtet. Alles ist erlaubt und je schriller, desto willkommener. Hier wird nach oben katapultiert, was früher nur im Untergrund akzeptiert wurde. Voodoohop öffnet Schranken und ist ein Spielplatz für die Grossstadtkinder, denen es langweilig geworden ist. Tropisch ekstatische Nächte im Dragqueen-Chique; traditioneller Samba vermählt sich mit experimenteller Elektronik.

Berührungsängste? Fehl am Platz (Foto: Bia Ferrer)

Sich im stetigen Wandel befindend, spriessen aus dem Zentrum der Voodoohop neue Kreativitäten. Die Toleranz und hedonistische Lebensfreude lässt alles zu, was Spass bringt und erstaunt. So kreuzt hin und wieder eine Dame mit Lautsprecher auf und gibt stoisch schnulzige, kitschige oder einfach nur schlechte brasilianische Lieder zum Besten und versammelt innert kürzester Zeit eine Traube Menschen um sich, die lauthals mitsingen. So entsteht auf der eigentlichen Party ein neuer Farbklecks.

Das Voodoohop-Kollektiv: Das sind Videokünstlerinnen, Tänzer, Performerinnen, DJs und Laptop-Musiker, die unersättlich sind und das Feiern mit in den Alltag nehmen. So bleibt immer noch ein Rest Neonfarbe im Gesicht und die Kleidung wirkt so authentisch, als seien die Partyvögel frühmorgens aus dem Club gestolpert und hätten noch keine Zeit zum Duschen gehabt. Die extravaganten Kostüme und farbenfrohen Perücken sind schon lange keine Verkleidung mehr, sondern Teil einer selbst kreierten Realität.

Das ist ihr voller Ernst: Ein Teil der Truppe auf Spendensammlung (Foto: Caroline Barrueco)

Neo-Tropicália in der Bauruine

Neu ist dieses Spiel mit den Farben, Formen und dem Expressionismus allerdings nicht. Voodoohop lässt aufleben, was schon in den späten 60er-Jahren Spass gemacht hat. Damals stand noch die 68er-Generation dahinter: Brasilien zelebrierte mit der Tropicália-Bewegung seine eigene Version des Hippietums und das Volk sonnte sich im Schein einer neuen Freiheit, die sich durch Theater, Poesie und Musik ausdrückte. Die Heldinnen und Helden wie Caetano Veloso, Gilberto Gil und Gal Costa kreierten eine neue Welt inmitten der militärischen Diktatur, prägten damit eine ganze Generation und hinterliessen ein immenses, künstlerisches Werk. Die Militärdiktatur ist seit 1985 Geschichte, doch noch immer hungern und betteln Menschen, Verwahrlosung und Umweltverschmutzung sind traurige Selbstverständlichkeit.

Voodoohop als eine Neo-Tropicália-Bewegung? Einen revolutionären Zweck dahinter zu vermuten wäre vermessen. Sicher aber sind Voodoohop-Partys eingebettet in das aktuelle Geschehen von São Paulo. Sie finden im Zentrum statt, dort, wo besonders viele Menschen betteln und auf der Strasse leben, Müll sammeln und um die leeren Getränkedosen der Partygäste bitten. In ungenutzten Gebäuden, wie es sie in dieser Stadt viele gibt, in ehemaligen Stripclubs, Bauruinen und Friedhöfen nisten sich die Kreativköpfe von Voodoohop ein und verwandeln sie in Kunstateliers und Tanzflächen – in magische Orte. Immer ein wenig provisorisch und zerfetzt wirkt es, als ob sich alles im Umbau befinden würde. «Recyclen», nennt Nik, ein Freund von Thomas, den Prozess. Der Geschäftsmann aus Deutschland hat sich in São Paulo ebenfalls eine neue Heimat aufgebaut. «Mit wenig Geld wird das Optimum herausgeholt und der Eintritt der Partys ist bezahlbar, nicht so wie in vielen In- und Edelschuppen, von denen es in der Stadt bereits genug gibt», findet Nik.

Thomas und sein Voodoohop-Kollektiv nutzen das Potential der Stadt nicht alleine. Gerade für Strassenbewohner werden leerstehende Hotels und ehemalige Residenzen zu einem neuen Zuhause. Sie putzen, renovieren und hauchen tot geglaubten Gebäuden neues Leben ein. Etwas, das von den Behörden ungern gesehen wird und für politischen Sprengstoff sorgt: Anfang Februar 2012 wurden an der Avenida São João die Bewohnerinnen und Bewohner einer «Ocupação» – wie die Hausbesetzungen in Brasilien genannt werden – von der Polizei auf die Strasse gejagt. Am selben Tag war eine Party der Voodoohop im Gebäude gegenüber geplant – und fand statt. Gerade im berühmtesten Voodoohop-Tempel – dem Trackertower – gewährt der Blick von der Terrasse freie Sicht auf eine Tristesse, die so ganz alltäglich ist: Menschen, eingewickelt in Decken, schlafen auf der Strasse. «Ich wohne seit 25 Jahren in São Paulo, aber so habe ich diese Stadt noch nie gesehen», versichert mir eine Freundin. Die Paulistanas und Paulistanos, konfrontiert mit der Realität ihrer aufstrebenden Stadt, die mit ihren Gegensätzen noch nicht recht umzugehen weiss.

Voodoohop ist bereits so etabliert, dass sogar die Behörden exklusive Erlaubnis erteilen und, wenn nötig, Polizeischutz aufbieten. Wie am diesjährigen Carnaval in Rio de Janeiro: Auf dem obersten Punkt der Favela Vidigal richtet sich die Truppe der Voodoohop ein und die Mototaxis sind im Dauereinsatz, schnellen den Hügel hinauf, auf dem Rücksitz frisch geduschte und frisierte Partyhungrige. Nicht ungefährlich. Aber wer will es sich schon entgehen lassen, die phänomenale Aussicht auf den Ipanema-Strand, dem Sternenhimmel Rios so nah zu sein und zum Sonnenaufgang in den Tag hineinzutanzen. In einer Favela.

Der Morgen danach: Marina und Vitor (Foto: Bia Ferrer)

Vom Informatiker zum Voodoozauberer

Thomas hüpft unruhig von einem Bein aufs andere, er wird erwartet. Als DJane Marina mit schwarzem Federkopfschmuck und bemaltem Gesicht vorbeigeht, frage ich ihn, ob diese Anlehnung an die Indios, die brasilianischen Ureinwohner, nie kritisiert worden sei. Er verneint: «Es wurde immer positiv aufgenommen. Eben dass wir uns für die brasilianische Kultur interessieren und nicht Amerika und Europa kopieren.»

Was in São Paulo funktioniert, findet diesen Sommer in Europa statt, in der Nähe von Thomas’ Wurzeln: In Berlin, Kassel, Paris und Korsika feiert er mit seinem Voodoohop-Kollektiv.

Warum eigentlich der Name «Voodoohop»? «Keine Ahnung», sagt Thomas, «Voodoo, finde ich, eignet sich ganz gut als Name, da es schon möglich ist, an unseren Partys in Trance zu verfallen. Und «hop», ja, das klingt halt einfach gut.» Dann muss er weg, verabschiedet und entschuldigt sich höflich. Ein Partypapst arbeitet halt auch am Sonntag.

Dieser Text wurde zuerst publiziert im ersten Norient Buch «Out of the Absurdity of Life». Ein Klick auf das Coverbild verrät mehr.

Die Fotografen:
Ariel Martini [4]
Bia Ferrer [5]
Caroline Barrueco