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«Liquid Land» – Auf unstabilem Grund

Im Film Liquid Land [1] sprechen Musiker der experimentellen improvisierten Szene über ihre Stadt. Darüber, wie die Rituale von New Orleans ihre Musik prägen, wie das Leben im sumpfigen Delta von New Orleans das Denken beeinflusst, und wie jeder mit jedem musiziert in dieser Stadt. Musik, Interviews und Bilder aus New Orleans. Ein Interview mit der Schweizer Filmemacherin Michelle Ettlin [2] und dem Schweizer Musiker Simon Berz [3].

Aurora Nealand (Foto: Michelle Ettlin)

[Thomas Burkhalter]: Michelle Ettlin, wie ist es zu diesem Film gekommen?
[Michelle Ettlin]: 2009 waren Simon Berz und ich das erste Mal in New Orleans. Wir waren an Konzerten von Improvisationsmusikern, die uns in der Art und Intensität ihres Spiels faszinierten. Uns war klar: Wir müssen nach New Orleans zurückkehren. Simon Berz realisierte dann das Projekt 10×10=11 [4], in dem er aus Abfall Instrumente baut. Das war die ideale Ausgangslage für New Orleans. Wir nahmen Kontakt mit der dortigen Szene auf und legten los.

[TB]: Hört und seht ihr Unterschiede zwischen Improvisationsmusikern in der Schweiz und in New Orleans?
[ME]: Speziell ist, dass diese Musiker alle ausschliesslich von der Musik leben – das ist bei uns nicht so. Damit sie das schaffen, spielen sie aber in allen möglichen musikalischen Genres: Jazz aus den 1920er Jahren, Modern Jazz, Rock und Improvisationsmusik. Ich glaube, sie haben gerade dadurch einen anderen Zugang zur improvisierten Musik als Musiker in Europa. Sie sind vielleicht etwas offener. Jeder unterstützt jeden, jeder geht ans Konzert des anderen – bei uns ist das längst nicht immer so.
[Simon Berz]: Das würde ich unterstreichen. Der Zusammenhalt der Musiker ist wirklich gross. Sie veranstalten auch selber Festivals. Und das Können dieser Musiker, das hat Michelle bereits gesagt, ist wirklich riesig. In Bern werden wir mit dem grossartigen Spoken Word Künstler Moose Jackson [5] auftreten, dessen Texte zu New Orleans bringen für mich das Lebensgefühl dort irgendwie auf den Punkt. Mit dabei sind dann die grossartigen Rob Chambre, Justin Peake [6] und Aurora Nealand [7]. Alle sind weit über New Orleans heraus bekannte Improvisationskünstler.

Moose Jackson (Foto: Michelle Ettlin)

[TB]: Im Dokumentarfilm Liquid Land redet der Musiker James Singleton davon, dass das Leben in New Orleans voller Feste und Rituale sei. In allen diesen Ritualen spiele die Musik eine entscheidende Rolle. Das präge die Szene. Habt ihr das auch so erlebt, oder ist das auch ein klein wenig ein Klischee?
[ME]: In New Orleans spielt die Musik schon eine riesige Rolle. Sie ist nicht nur Hintergrundmusik, wie bei uns im Radio. Ständig gibt es Umzüge, die Musik lebt auf der Strasse. Und wenn jemand gestorben ist, gibt es eine «Second Line», das heisst, der Sarg wird durch die Strassen getragen, flankiert von Musikern, die zu Ehren des Verstorbenen aufspielen.

[TB]: Welchen Stellenwert hat die improvisierte Musik in dieser Stadt der Musik?
[ME]: Neben all den Kollaborationen, von denen ich vorher gesprochen habe, gibt es natürlich auch Grenzen. Schwarze und weisse Musiker spielen sehr oft in getrennten Szenen, das ist einfach ein Fakt. Es scheint noch immer ein weiter Weg zu sein, bis diese Gemeinschaften näher zusammenfinden. Und doch kommen alle Musiker, die in New Orleans leben, natürlich mit ganz vielen Stilen in Berührung, manchmal einfach passiv.
[SB]: In unserem Projekt Liquid Land spielt kein einziger schwarzer Musiker mit. Wir hatten auch keinen Kontakt zu schwarzen Musikern. Ich weiss nicht genau, was der Grund war dafür.
[ME]: Ich habe versucht, dieser Frage auf den Grund zu gehen und habe viele Leute gefragt. Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Viele behaupten, dass viele schwarze Musiker sehr stark in den Traditionen der «Second Lines», der Brassbands und der Funkmusik aufgewachsen sind. Sie verdienen in diesen Bands auch ihren Lebensunterhalt und haben kein Interesse, improvisierte Musiker vor fünf Gästen für wenig Geld zu spielen. Wenn sich ein Musiker für improvisierte Musik interessiert, so zieht er darum besser nach New York oder Chicago. Dort ist das Publikum für diese Musik grösser. Aber natürlich gibt es wohl viele weitere Gründe.

[TB]: Was waren die Fragen, die Du anhand des Musikprojektes Liquid Land in Deinem Film einfangen wolltest?
[ME]: Mich haben die Musiker interessiert, die in diesem Projekt mitspielen. Wer sind sie, wie leben sie in New Orleans? Im Film steht zuerst mal die Musik im Zentrum, von ihr aus ziehe ich dann aber mit den Musikern mit. Und ich habe nach sehr persönlichen visuellen Eindrücken gesucht in New Orleans. Ich wollte kein klischiertes New Orleans zeigen.

[TB]: Ihr kommt gerade zurück von einer USA Tournee und habt den Film auch am Filmfestival von New Orleans gezeigt. Wie ist der Film dort angekommen?
[ME]: Die Reaktionen waren extrem positiv. Es sind einige Leute auf mich zugekommen und haben betont, wie froh sie seien, einmal andere musikalische Bilder aus ihrer Stadt gesehen und gehört zu haben. Nach dem Hurrikan Katrina habe es doch sehr viele Filme gegeben, die sich glichen. Und sonst gibt es halt viele Filme zu Brassbands, Jazz und Funk.

[TB]: Jetzt kommt ihr mit dem Projekt in die Schweiz? Was ist Euer Ziel? Was dürfen wir erwarten?
[SB]: Eine Idee mit diesem Film ist, improvisierte Musik auch einem breiteren Publikum vorstellen zu können. Wir haben auch eine Spitzenköchin dabei, Miz Mockingbird, auch eine bekannte Radiomodertorin auf dem Sender www.wwoz.com [8]. Sie hat eine weltweite Fangemeinde. Dann ist da eben der Poet Moose Jackson, der viel über das Lebensgefühl von New Orleans aussagt. Wir freuen uns extrem, den Leuten in der Schweiz andere Höreindrücke aus New Orleans zu offerieren.

Simon Berz (Foto: Michelle Ettlin)

Foto aus dem Film Liquid Land (von Michelle Ettlin)