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«Ich spiele Rubab mit einer westlichen Gitarrentechnik»

Khaled Arman spielte in Kabul Funk, in Prag und Paris zeitgenössische Gitarrenmusik und in Genf afghanische Populärmusik. Mit dem Ensemble Kaboul hat Arman einen BBC World Music Award gewonnen, und als Solomusiker geht er mit seiner umgebauten Rubab eigene Wege. Auszüge aus einem Gespräch.

Khaled Arman (Foto Michael Pfister)

1996 bis Ende 2001, unter der Herrschaft der Taliban, war Musik in Afghanistan verboten. Musik verlocke zu Unmoral und halte von religiösen Pflichten ab, proklamierte das «Amt für die Verbreitung von Tugend und Eindämmung der Sünde». Erlaubt waren allein Hymnen auf tapfere Taliban-Krieger. Und religiöse Gesänge, die nicht als Musik taxiert wurden. Musikinstrumente, Kassetten und Abspielgeräte wurden in Razzien eingesammelt und öffentlich verbrannt.

Allerdings zeigten nicht nur die Taliban Angst vor der Macht der Musik: Bereits das kommunistische Regime, das 1978 nach einem Staatsstreich an die Macht gekommen war, kontrollierte die Musikszene und vergab Lizenzen an regierungsfreundliche Künstler. Und der Mudjahedin-Präsident Rabbani verbot zwischen 1992 und 1996 öffentliche Musikauftritte – vor einem generellen Musikverbot schreckte er jedoch zurück.

Bis heute spielt afghanische Musik aus diesen Gründen fast ausschliesslich im Ausland. Alle professionellen Musiker leben im Exil. In Genf hat sich in den letzten Jahren die afghanische Gruppe Ensemble Kaboul [1] formiert, die mit grossem Erfolg auf Konzertbühnen in der ganzen Welt auftritt. Im letzten Jahr wurde die Gruppe gar von der BBC mit dem World Music Award für asiatische Musik ausgezeichnet.

Gegründet wurde die Gruppe vor neun Jahren von Hossein Arman. Arman war in die Schweiz gekommen, weil er in Afghanistan nicht mehr arbeiten konnte: Die Musikschule, an der er unterrichtete, war geschlossen worden. Genauso auch Radio Kabul, die wichtige Radiostadion, an der er jahrelang als Sänger und Musiker engagiert war.

Ich treffe Hossein Armans Sohn, Khaled Arman, in Genf. Der Gitarrist und Rubab-Lautenspieler spricht zunächst einmal davon, wie sich sein Vater in den ersten Tagen in Genf gefühlt habe.

«Als mein Vater nach Genf zog, musste er alles hinter sich lassen. Er hatte alles verloren. Er kam aus Kabul, wo jeder ihn kannte. Und plötzlich lebte er in Genf, wo niemand ihn kannte. Was passiert in einer solchen Situation: Entweder du fällst in eine tiefe Depression oder knallst dir eine Kugel in den Kopf. Oder aber du findest eine phänomenale Kraft und sagst dir, dass du so nicht enden willst. Mein Vater begann zu kämpfen. Er beschloss, eine afghanische Musikgruppe aufzubauen. Auch weil die Musik in Afghanistan unter den Taliban vom Aussterben bedroht war. Vor allem aber weil er nicht anders konnte.»

Hossein Armans Idee liess sich zunächst nicht so einfach umsetzen. In der Region Genf mangelte es an afghanischen Instrumentalisten. Laurent Aubert, Leiter der atheliers d’ethnomusicologie in Genf, half aber mit, Musiker zu finden: Zum Beispiel den amerikanischen Santur-Spieler Paul Grant, der seit Jahren in Genf mit indischen und iranischen Musikern zusammengespielt hatte. Grant interessierte sich sehr für die afghanische Musik, die stark von indischen und iranischen Musiktraditionen beeinflusst ist. In London wurde der Tabla-Spieler Yusuf Mahmoud gefunden. Und in Lausanne fragte Khaled Arman seinen Cousin Osman Arman an, ob er nicht als Flötist einsteigen möchte. Khaled Arman wurde der musikalische Leiter der Gruppe. Er war aber nicht von Anfang an mit dabei.

Um die Geschichte des Ensemble Kabul zu erzählen, müssen wir deshalb erst einmal zurückblenden.

«Ich war 14 Jahre alt. Und nahm an der Musikschule in Kabul Instrumentalunterricht, an der mein Vater Lehrer war. Ich spielte elektrische Gitarre und gründete 1975 mit Freunden eine Funkband. Stundenlang transkribierte ich die Funk- und Soul-Lieder von den amerikanischen Schallplatten, die ich so sehr liebte. 1981 zog ich dann nach Prag und begann am dortigen Konservatorium ein Musikstudium. Ich spielte jetzt klassische Gitarre und begeisterte mich immer mehr für die klassische und zeitgenössische Musik des Westens. 1986, ich war mittlerweile nach Paris gezogen, gewann ich den internationalen Gitarrenwettbewerb von Radio France: Ich war 22 und lebte in Extremen: Zum einen bewegte ich mich in einem geschlossenen Zirkel von klassischen Gitarristen und spielte an vielen Konzerten. Zum anderen wurde ich wegen meines afghanischen Pass’ immer wieder aufs Immigrationsbüro bestellt. Eine ziemlich schizophrene Situation.»

«Weil ich aus Afghanistan stamme, begannen die Musikjournalisten zu fragen, ob ich auch die Musik aus meiner Heimat spiele. Ich musste verneinen. Ich beherrschte auf der Gitarre kein einziges afghanisches Stück. Mehr und mehr begann ich mich zu fragen, warum ich eigentlich all diese Musik aus einer anderen Kultur nachspielte, wo ich doch selber aus einer Familie mit einer langen Musikertradition stammte. Ich begann, afghanische Stücke für meine Gitarre zu bearbeiten. Wie ich sie mir aber anschliessend anhörte, musste ich immer wieder erkennen, dass meine Stücke überhaupt nichts mit afghanischer Musik gemein hatten. Stülpst du das harmonische System des Westens über die Melodien der afghanischen Musik, verliert die afghanische Musik ihren Charakter. Meine Musik klang geschmäcklerisch, ja kitschig – so wie man es oft hört, wenn orientalische Musiker ihre auf Modi basierende Musik mit Harmonien aufpeppen wollen. Ich fand keine Lösung. Und das stellte mich vor ziemliche Probleme: Ich kannte die afghanischen Modi und ich kannte das harmonische System des Westens. Meine afghanische Musik klang. Aber sie klang irgendwie bizarr.»

«Dann hat mein Vater mir eine afghanische Rubab nach Paris geschickt. So hat alles angefangen. Ich hatte in Kabul zwar nie selber Rubab gespielt, aber ich kannte die grossen Meister auf diesem Instrument. Ich wusste, wie die Rubab zu spielen ist. Und als ich meine musikalischen Ideen jetzt mit der Rubab vertonte, wurde mir klar, dass ich die Lösung für mein Problem gefunden hatte: Ich musste meine afghanische Musik auf der Rubab spielen. Und nicht auf der Gitarre.»

«Ich spiele Rubab mit einer westlichen Gitarrentechnik. Links spiele ich mit vier Fingern, nicht mit drei, wie es die afghanischen Meister tun. Ich tauchte in die Geschichte dieses Instrumentes ein: In Nordindien hatte man aus der Rubab die Sarod entwickelt, mit der man wunderbar indische Raga Musik spielen kann. Die Rubab hingegen eignet sich eigentlich nur für Volksmusik. Mit ihrem perkussiven Sound kannst du weder die Ghazals noch die Thumris der indischen Kunstmusik spielen. In der indischen Kunstmusik werden jene Instrumente bevorzugt, die ähnlich der menschlichen Stimme alle Feinheiten und Ornamentierungen musikalisch auszudrücken vermögen. Auf der Sitar kannst auf einer Seite die wunderbarsten Glissandi spielen – bis zu sechs Noten auf einem einzigen Bund. Auf der Rubab ist das nicht möglich. Die Rubab zeigt ihre Stärken erst in einer rhythmischen Musik.»

Die afghanische Kunstmusik ist stark von der klassisch indischen Musik geprägt. Ab 1860 wurden klassisch geschulte indische Musiker an den Hof des Mogulkaisers Amir Sher Ali Khan nach Kabul gebracht. Mit der Zeit entwickelte sich ein lokaler Ghazal-Stil, der rhythmisch auf den indischen Zyklen beruhte, jedoch teilweise auch die schnellen Rhythmuspattern und rhythmischen Kadenzen der Paschtunen-Musik verwendete. Letztes Jahr hat Khaled Arman die CD Rubab Raga herausgegeben. Auf der CD spielt er indische Ragamusik mit der afghanischen Laute Rubab: Eine Seltenheit.

«Ich würde die Rubab gerne weiterentwickeln. Mich interessiert, ob ich die Anforderungen der Raga-Musik erfüllen kann, wenn ich die Rubab mit einer neuen Technik spiele. Zur Zeit baue ich mit Luc Breton, dem grossartigen Instrumentenbauer aus Morges, eine neue Rubab. Die traditionelle Rubab hat nur vier Bünde ganz oben am Hals. Mein Instrument soll Bünde übers ganze Griffbrett haben. Ich will meine Rubab weiterentwickeln. Auch wenn Kritiker meinen, dass ich nie alle Ornamentierungen der indischen Kunstmusik werde spielen können. Ich habe erst begonnen mit meinem Experiment. Und ich höre zum Glück nicht auf jeden: Sonst würde ich gar nichts mehr machen.»

«Ich musste einige Kompromisse eingehen, die Raga-Musik ein wenig anpassen. Zum Beispiel kannst du mit der Rubab kein langes Prelude (ALAP) spielen. Wohin mich mein Weg innerhalb der indischen Kunstmusik führen wird, weiss ich nicht. Ich mache meine Arbeit zwar sehr seriös, aber ich nehme mich selber nicht allzu ernst dabei. Ich weiss sehr wohl, dass meine Ideen utopisch klingen mögen. Aber wenn ich die Rubab in der traditionellen Art spielen muss, interessiert mich das Instrument nicht mehr.»

Vor fünf Jahren zog Khaled Arman von Paris nach Genf. Und hier kehren wir zur Geschichte des Ensemble Kaboul zurück. Khaled Arman begann sich stärker für das Ensemble zu engagieren und wurde schliesslich sein künstlerischer Leiter. – Wie aber kommt ein klassisch geschulter Musiker und Instrumententüftler dazu, populäre Lieder aus Kabul zu spielen? – Eine Musik, die ab den späten 40er Jahren an der Rundfunkstation der Hauptstadt von Nachfahren indischer Hofmusiker entwickelt worden war und sich im ganzen Land grosser Popularität erfreute. Eine Musik, die stark von der indischen Filmmusik beeinflusst war, aber auch von Iran und von den regionalen Volksmusikstilen unter anderem der Paschtunen und Tadschiken.

«Der afghanische Populärmusikstil bietet sehr interessante Möglichkeiten. Vor allem wenn man ihn mit seinen eigenen Instrumenten und nicht mit Gitarre oder Synthesizer spielt. Die Leute lieben diese Musik. Ich auch. Man kann diese Musik weiterentwickeln; sie hat grosses Potenzial. Mit dem Ensemble Kaboul spielen wir aber eher eine simple Variante: Wir spielen vor allem unisono. Möchten wir ein komplexeres Interplay innerhalb der Gruppe aufbauen – so wie etwa in der persischen Musik -, bräuchten wir erstklassige Profimusiker – oder ich müsste bei den Aufnahmen mehrere Instrumente selber einspielen.»

Das Debütalbum des Ensemble Kaboul war äusserst erfolgreich. Und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem anschliessenden Krieg der USA gegen die Taliban waren die Konzerte vom Ensemble Kaboul in ganz Europa begehrt. Das Ensemble wechselte zum Pariser Label Accords Croisés. Und es veröffentlichte vor einem Jahr seine neueste CD: Radio Kaboul. Dazu lud die Gruppe Afghanistans Top-Radio-Star der 70er Jahre ein: Ustad Farida Mahwash, die einzige Sängerin, die in Afghanistan den Status des «Ustad», der Meistermusikerin, erreichen konnte. Mahwash lebt seit 13 Jahren in San Francisco.

Khaled Arman tanzt mittlerweile auf vielen Hochzeiten. Er arbeitet mit dem französischen Rockmusiker Alain Bashung und mit dem katalanischen Spezialisten für alte Musik Jordi Savall. Und er hat mit dem französischen Gitarristen und Elektronikmusiker Francesco Russo eine CD mit elektronischer Musik eingespielt.

In naher Zukunft will Khaled Arman endlich wieder einmal nach Kabul zurück. Wie lange es allerdings noch dauert, bis er sich wieder fest in seiner Heimat niederlassen kann – und ob er dies überhaupt will – weiss er heute noch nicht.

«Als Musiker habe wir eine geradezu kolossale Aufgabe für das Leben und Überleben der Musik in Afghanistan. Wir müssen Musikschulen aufbauen und Musiklehrer finden. Wir brauchen gute Instrumente und neue, gute Musiker. Es ist schon paradox: In Europa kämpfen die Musiker ums überleben, weil die Konkurrenz so gross ist. Und in Afghanistan gibt es überhaupt keine Musiker. Wir müssen bei der Bevölkerung das Interesse für die Musik wecken und den Leuten zeigen, dass sie auch von der Musik leben können. Zunächst aber brauchen die Leute ein Dach über dem Kopf, und genug zu Essen und Trinken.»

Khaled Arman (Foto Michael Pfister)