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Global Ghettotech – die Programmmusik des 21. Jahrhunderts

«Die Ameisen haben Megafone», schreibt Chris Anderson, Chefredakteur des Wired Magazine, in seinem Buch «The Long Tail». Die Möglichkeiten zur Produktion von Musik und zur Selbstdarstellung im Netz wachsen ständig. Mit zu den Gewinnern zählen auch Musikerinnen und Soundkünstler von den vermeintlichen Rändern der Welt: von Peking bis Tijuana, von Istanbul bis Johannesburg.

Technisch sind sie auf dem neuesten Stand. Sie besitzen den neuesten Labtop mitsamt verschiedener Programme zum Aufnehmen, Editieren, Manipulieren, Konvertieren, Reparieren, Analysieren und Live-Mixen von Audio-Files. Sie tauschen diese Programme untereinander aus oder saugen sie als Raubkopien, Freeware oder Opensource-Programme aus dem World Wide Web. Dank diesen technischen Möglichkeiten machen sie heute weltweit auf sich aufmerksam. Avantgardistische Kombinationen, urbane Sounds am Puls der Zeit und kulturelle Trends entstehen somit längst nicht mehr bloss in der wirtschaftlich privilegierten Welt.

Musik aus Afrika, Asien und Lateinamerika ist plötzlich hip und schick. Sie spielt nicht mehr nur an interkulturellen Solidaritätsfesten, sondern längst auch in den Szeneclubs, in zeitgenössischen Kunstausstellungen oder auch in Kultfilmen. «Post World Industries», «Sublime Frequences» (Erhabene Frequenzen) oder «Outhere Records» nennen sich wichtige Labels dieser neuen aufstrebenden Nischenmusik, DJ Rupture (von Brechen, Abreissen) ist einer ihrer wichtigeren Multiplikatoren. Insider nennen das Genre auch «Global Ghettotech». «Global Ghettotech» ist laut dem Musikethnologen Wayne Marshall die neue und frische Musik aus den Strassenschluchten und den Ghettos der Metropolen der ehemals kolonisierten Länder der Welt.

Nortec, Soca und Elektronika aus Chile

Neue und experimentelle Klänge kommen zum Beispiel aus Chile, zu hören auf der in schlichtem Karton gehaltenen Compilation-CD «Südamerika» des Zürcher Labels und Künstlerkollektivs Spezialmaterial. Im Auftaktstück der CD zersetzen Los Samplers ein populäres Lied aus Chile mit digitaler Technologie bis zur Unkenntlichkeit. Im mexikanischen Tijuana verarbeiten Künstler des Nortec Genres – etwa das Nortec Collective – Soundfetzen von mexikanischen Brasskappellen mit modernster Soundtechnologie. Die Soundkünstler verschneiden ihr musikalisches Erbe und setzen es neu zusammen. Ghislain Poirier, ein in Montreal lebender DJ und Produzent, produziert mit die spannendsten Mixes überhaupt. Sein «Soca Sound System» mischt die komplexen und schnellen Rhythmen der karibischen Soca-Musik mit futuristischen Geräuschen. Der Boom-Ch-Boom-Chick Rhythmus des Reggaeton wird derweil längst von Popstars und Nischenkünstler auf der ganzen Welt in Szene gesetzt. Den Latino-Produzenten und ihren Latino-Fans gibt dieser Beat das stolze Gefühl, einen der weltweit wichtigsten Trends in der urbanen Musik dieser Welt geschaffen zu haben, ohne sich dabei über exotische Klischees verkaufen zu müssen.

Kuduro, Kwaito, und K'Naan

Was in den Videos oft nach reiner Partymusik aussieht, kann aber durchaus auch politische Inhalte transportieren. Die Rapper aus vielen afrikanischen Metropolen sprechen auch soziale und politische Themen an – jedoch mit viel Ironie und Humor. Sie mögen keine schwarz-weiss Bilder – und Drittwelt-Romantik schon gar nicht. Den altbekannten linken Protestsängern ähneln sie kein bisschen mehr.

Der somalische Vorzeige-Rapper K’Naan etwa glaubt nicht mehr an die grossen Ideologien: weder an die Linken, noch an die Rechten. Er ist im Bürgerkrieg in Somalia aufgewachsen und weiss, dass selbst der härteste Kriegsalltag letztlich auch ein Alltag ist. Heute lebt er in Nordamerika. In seiner Musik spricht er vom Krieg. Davon wie er als Kind mitgekämpft hat. Er prangert aber nichts und niemanden direkt an. Er schildert schlicht seine Erfahrungen. Musikalisch hören wir: Zwei Heimaten, Alte und Neue Sounds und Melodien. Alles sehr organisch zusammengefügt.

In den populären Musikstilen des südlichen Afrikas stecken Wut, Enttäuschung direkt in der Populärmusik drin: zum Beispiel in den harten, schreienden Stimmen des südafrikanischen Kwaito. Kwaito mischt House, Dancehall, R&B, südafrikanische Popstile und Rap in Zulu, Tsotsi Taal und den Township-Slang S’camtho. Mandoza und Zola heissen heute zwei der grossen Stars der Szene. Ihre aggressiven Tracks bringen jeden Tanzboden zum Kochen.

Im Kuduro aus Angola und Portugal fiebern Beats aus dem Rhythmuscomputer und Sounds aus dem Synthesizer durch den Raum. Diese synthetische Musik ist mal dem House nahe, setzt dann aber immer wieder auf unregelmässige, abstrakte Rhythmen. Diese sind oft von traditionellen lokalen Rhythmen ausgeliehen, in ihrer digitalisierten Form erinnern sie allerdings eher an die hektische Akustik einer Grossstadt. Portugiesischer Sprechgesang erklingt dazu, auch er oft sehr repetitiv eingesetzt. Sirenengeheul wird dazwischengeschaltet. Im Kuduro werden viel Schrott und ein paar Perlen produziert. Die letzte CD des Buraka Som Sistema ist sicher eine der spannenderen Produktionen des Genres. Auf einem Track mischt die in England geborene Sängerin, Produzentin, Fashion-Designerin M.I.A mit. Sie ist der Archetyp der neuen Ghettotech-Künstlerin. Ihr Track «Paper Planes» ist denn auch im Oskar gekrönten Film Slumdog Millionaire zu hören.

Grime, M.I.A, Terry Lynn

Verwurzelt ist M.I.A wie andere Künstler des Genres auch letztlich im Grime, der ab 2002 in den East End von London entstanden ist. Grime («Schmutz») steht irgendwo zwischen HipHop und der elektronischen Musik. Grime ist aggressiv, roh, düster, und oft überraschend. Grime-Künstler schaffen im besten Fall einen eklektischen, jedoch stets persönlichen Sound: Sie mischen alles mögliche und unmögliche. Die Jamaikanerin Terry Lynn zum Beispiel rappt über tiefe Subbässe, Gewehrschüsse und abstrakte Beats. Sie ist in einem Ghetto in Kingston aufgewachsen und macht auf ihrem Album Kingstonlogic 2.0 keinen Hehl daraus. «Ich bin ein Kind des Bodens, Ich bin im Ghetto geboren. Wo die Gangster dominierten, und die Gewehrschüsse als Echo in den Strassen hallten», singt sie.

New Wave Dabké, Filastine, Tarek Atoui

Auch Sounds aus der arabischen Welt sind angesagt: Filastine aus Seattle schafft auf seinem Album «Dirty Bomb» eine vielseitig orchestrierte Beat- und Rap-Musik. Er verwendet Sounds und Geräusche aus Indien, dem Nahen Osten und Südamerika und bringt sie mit den Sounds der digitalisierten und elektrischen Welt zusammen. Der Libanese Tarek Atoui verstückelt ähnliche Ingredienzien bis zur Unkenntlichkeit. Auf seinem Labtop kreiert Atoui akustische Landschaften voller Brüche: Ein radikaler Mash-Up von intensivsten Krach, digitalen Frequenzen und Samples von verschiedenen Quellen: Feldaufnahmen, arabische, chinesische und englische Stimmen, Medienfiles von Radio und TV-Stationen, populäre arabische und chinesische Musik, Kriegssounds und vieles mehr.

Ghettotech darf auch kitschig klingen. Der Sänger Omar Souleyman erfreut uns auf seinem Album «Highway to Hassake» mit den psychedelisch klingenden Synthesizer-Ornamenten des syrischen New Wave Dabké. Man könnte diese Musik vorschnell abtun: als kommerziell, schlecht produziert, als schlecht verträglich für die Ohren. Genau so denkt die neue Generation von Musikern aber nicht. Mit wirren Synthesizer und Flötenmelodien winden sie sich in Trance. Sie betrinken sich an der realen Welt. Einer Plastikwelt, die nicht immer nur wohlgeformt ist.

Neue Hörgewohnheiten

Global Ghettotech ist die Ethnomusik der modernen Welt. Authentizität, wie sie die Weltmusik-Szene seit Jahren vorgaukelt, ist out. Diese neuen Musiker und Soundkünstler lassen sich in kein Korsett zwingen: Sie vertonen die Welt aus ihrer ganz persönlichen Sicht und Perspektive. Da klingen nicht nur Traditionen. Da klingt das Chaos der Welt, die Hektik des Alltags, der Krach des Verkehrs, die Wut über die politische und ökonomische Lage.

Die neue Ästhetik hat den «Ethno»-Beat der späten 1990er Jahre abgelöst. Während Asian Underground und Balkan Beat letztlich alte kulturelle Klischees pseudomodern aufmotzen, offerieren diese neuen Künstler vielfältige, frische, überraschende, kontroverse und persönliche Einsichten in die Welt des 21. Jahrhunderts. Sie schaffen Sinn im Chaos und schaffen so die Programmusik einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt.

Die Ghettotech Künstler sind die kosmopolitischen Könner und Kenner einer sich rasant wandelnden Welt. Als Experten des Internetzeitalters agieren sie in transnationalen Nischennetzwerken – unabhängig von der Weltmusik-Industrie. Die Nischenmusik verbindet Musikerinnen und Soundkünstler in den Metropolen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, mit Mitbürgern in der Diaspora und mit Gleichgesinnten Europäern und US-Amerikanern. Produziert wird auch mal im Kollektiv: die Stimme kommt aus Dakar, der Beat aus Paris. Diese Geschmacksgemeinschaft tauscht ihre Musik auf Online-Plattformen aus und stellt täglich Hunderte von Mixtapes ins Netz. Das Netzwerk wächst rasant – genauso wie die Geschwindigkeit und Menge der Up- und Downloads. Wenn einem Hörer diese Musik nicht gefällt, so gefällt sie halt einem anderen.