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Einsamkeiten und Verfall

Soziale Gefüge benötigen beides: Zusammenhalt und Platz für den Einzelnen als Einzelnen. Ist diese Balance noch gegeben? Letztlich verhält es sich ambivalent: Vereinzelung wird als Gefahr erlebt, Einsamkeit jedoch auch als Befreiung. Aktuelle Musikvideos zeigen das Ringen um eine soziale Positionierung. Aus dem Norient Buch Seismographic Sounds (hier bestellbar [1]).

Selbst Skulpturen sind manchmal einsam (Photo © by Pxhere, 2018)

Norients Anfrage für einen Text zum Musikvideothema Einsamkeit war mit der Frage verknüpft, ob «Einsamkeit wirklich ein Thema ist, das die Musikschaffenden beschäftigt». Vor Sichtung der von Norient ausgewählten aktuellen Musikvideos schien es mir, das Thema würde womöglich eher das Publikum beschäftigen. Denn die Entsolidarisierungsstrategien des Neo-Liberalismus zielen ja darauf, vereinzelnd jeden gegen jeden loszulassen, zum Wohle des Kapitals. Digitale Egopornobastelstuben wie Facebook und Instagram liefern dafür den traurigen Beweis in Selfieform. Mithin vermutete ich: bei dem Thema könnten sich Musikschaffende sicher sein, ihr Publikum gut abzuholen. Denn es ist schon da: in der Einsamkeit.

Nach Sichtung der Musikvideos ergab sich dann ein entsprechendes und doch etwas anderes Bild. Denn es handelt sich um ganz verschiedene Einsamkeiten. Sie haben unterschiedliche Ursachen und Kontexte. So macht es für die Bewertung des Phänomens einen Unterschied, ob Einsamkeit erwünscht ist oder gemieden werden soll. Zumal Einsamkeit nicht nur ein soziales (Negativ-)Phänomen ist. Einsamkeit inmitten vieler Menschen ist ein Phänomen, dem man ebenso positiv (Video Nr. 33) [2] wie negativ gegenüberstehen kann (4) [3]. Und was ist mit Einsamkeiten, die gänzlich ohne Menschen auskommen, wie die Landschaften und Tiere bei Eric Holm (13) [4]? Was ist mit gewünschter Einsamkeit? Dem eigenen Tod, wie bei Mondkopf (25) [4], oder dem Tod anderer, wie bei Willis Earl Beal (34) [4], der eine befreiende Einsamkeit erzeugt?

Partikularisierung als Haupttendenz

Auf den ersten Blick ist eine thematische Zersplitterung der Phänomene zu verzeichnen. Nicht immer ist Einsamkeit dabei das Hauptthema, oftmals handelt es sich nur um einen Aspekt von gewichtigeren Themen wie Liebe, Krankheit oder Tod. Vom albtraumartigen Gejagtwerden von unsichtbaren Feinden (3) [5], dem Sich-Verlieren in sozialen Rollen und Maskierungen (4) [3], den vergessenen Menschen, die erschöpft die Linie einer Mailänder Strassenbahn bevölkern (6) [6], der unheimlichen Einsamkeit auf einer verlassenen Strasse im nächtlichen Wald, changierend zwischen Caspar David Friedrich und Blairwitch Project (11) [7], der zufriedenen Einsamkeit des älteren Mannes auf seinem Board im Meer (9) [8], dem Astronauten, der planetensehnsüchtig auf der Erde herumstreift (24) [9], der sexuellen Einsamkeit im Gender Trouble (17) [10], über die robotische Einsamkeit (12) [11], die imaginierende Einsamkeit (15) [12] bis hin zur minimalistischen Einsamkeit (27) [13] – all diese Einsamkeiten sind unterschiedlich motiviert. Sie werden bereits in den Videos von den Betroffenen oder Agierenden unterschiedlich bewertet, und so mit Sicherheit auch von den Betrachtern. Die Videos spiegeln dabei die diagnostizierte gegenwärtige soziale Vereinzelung sowie das Fehlen von sozialen Bindemitteln.

Zwar lassen sich kleinere thematische Cluster bilden, wie etwa zu den Themen pubertäre Einsamkeit (16 [14], 21 [15]), Liebeseinsamkeit (8 [16], 30 [17], 31 [18]) beziehungsweise die Annäherungen und Distanznahmen beim Pas-de-Deux mit dem Auflösen von Einsamkeit in Zweisamkeit und umgekehrt (10 [19], 26 [20], 29 [21]), oder Einsamkeit wegen Drogenkonsums (1 [4], 2 [22], 18 [23]). Doch umfassendere, klare Tendenzen lassen sich so noch nicht dingfest machen. Eher ist die Absenz von deutlichen Tendenzen als Zeichen von Partikularisierung die klarste Haupttendenz.

Die Einsamkeit des Vergessens

Erst auf einem abstrakteren Niveau könnte man von einsamkeitsrelationierten Tendenzen sprechen. Eine derartige Tendenz wäre die Auffassung von Musik als Gegenwelt oder als Welt in der Welt. Es verhält sich ähnlich wie beim Musikhören in der Stadt mit Kopfhörer: Die natürlichen Geräuschquellen werden ausgehebelt, eine artifizielle und fremde musikalische Geräuschumgebung wird der erlebten visuellen Welt beigestellt. Musik kann hierbei als trennende Kraft wirken, lösend von banalem Alltag, sogar magisierend. Beispiele dafür wären Stromae (30) [17] und Kwab (20) [24]. Einwenden liesse sich: Das gilt per se für alle Musikvideos, die akustisches Geschehen von visuellem Geschehen entkoppeln, nicht nur für diejenigen, die Einsamkeiten thematisieren. Nur wird bei letzteren das Phänomen geradezu verdoppelt, weil es strukturell (akustisch-visuell) und thematisch erscheint. Das wäre dann die Einsamkeit des Musikvideos qua medialer Struktur, welche jene der behandelten Themen verstärkt.

Eine weitere umfassendere Tendenz ist jene zur selbstfixierten Einsamkeit. Sie erscheint in mehreren der Videos, oftmals verbunden mit Tanz (7 [25], 14 [26], 22 [27], 24 [9], 28 [28], 30 [17]). Auch diese Einsamkeit kann unterschiedlich motiviert sein. Was jedoch auffällt, ist das Sich-Drehen um sich selbst, die Selbstfixation, die ein Zugehen auf andere einschränkt oder gar verhindert. Die selbstfixierten Momente in den Videos verweisen dabei wiederum auf die Vereinzelung als Anschlussunfähigkeit in sozialen Gefügen. Vielleicht ist es jedoch auch sinnvoller, sich jener Fälle besonders anzunehmen, die eine spezifische Atmosphäre schaffen oder eine speziell intensive Atmosphäre. Etwa die groteske Einsamkeit einer singenden Reinigungskraft bei August Schram (5) [29]. Oder die prollig-tragische Einsamkeit bei Koudlam (19) [30]. Hier wird der selbstfixierten Einsamkeit von Menschen in der Menge die Monotonie des Textes beigefügt. Zu sehen sind Menschen, die zusammen sind und doch isoliert, die emotionalen Ausdruck suchen, der doch nur in Leer- oder Klischeeformeln zerfällt. Wir sehen eine Feierkultur mit einer (Selbst-)Vergessenheit, die in einer Einsamkeit des Vergessens – und nicht in einem Vergessen der Einsamkeit – mündet.

Film still from Max Cooper feat. Kathrin deBoer (Music), Henning M. Lederer (Video): «Numb» (Great Britain 2013)

Zuletzt sei Max Cooper (23) [31] herangezogen. Das Video zeigt den Idealmenschen 4.0: vernetzt, selbstoptimiert, überwacht und konsumierend. Der Mensch ist dabei nicht nur Teil eines Räderwerks, er erscheint selbst als Räderwerk. Die Entmenschlichung des Menschen ist dabei die Einsamkeit, um die es hier geht: Die Einsamkeit der scheinbar idealen Maschinerie. Nicht nur diese verweist auf den neoliberalen Kapitalismus, der von Videos wie bei The Bug (32) [32] in eine verfallende post-kapitalistische Dystopie überführt wird. Nimmt der sozial isolierte Räderwerk-Mensch seine Wirklichkeitsdroge in Pillenform einmal nicht, so bricht die Matrix sogleich auf fulminante Weise zusammen, den faulen Zauber in seiner verfallsträchtigen Fäulnis offenbarend.

Erwähnte Musikvideos (alphabetisch nach Vornamen)

[1] Adana Twins: «Strange (Acid Pauli & NU Remix)»
[2] All Leather: «An Insufficient Apology»
[3] alt-J: «Hunger of the Pine»
[4] Ariel Pink: «Picture Me Gone»
[5] August Schram: «August sings M.-A. Charpentier Triste Déserts»
[6] Avatism feat. Federico Rizzo: «Laments»
[7] Baby Alpaca: «Sea of Dreams (Turbotito Remix)»
[8] Bad Blocks: «Circulate»
[9] Christophe Calpini: «Descent»
[10] Colin Stetson: «Who the Waves Are Roaring For»
[11] Cubby: «Steady Now»
[12] Damon Albarn: «Everyday Robots»
[13] Eric Holm: «Stave»
[14] Flume & Chet Faker: «Drop the Game»
[15] Flying Lotus: «Tiny Tortures»
[16] Goldfrapp: «Annabel»
[17] Iceage: «Against the Moon»
[18] Jaloo: «Bai Bai»
[19] Koudlam: «Negative Creep»
[20] Kwabs: «Pray For Love»
[21] Lil Silva: «Mabel»
[22] Lump200: «LaMoon – Beata Version»
[23] Max Cooper feat. Kathrin deBoer: «Numb»
[24] Merz: «Postcard From a Dark Star»
[25] Mondkopf: «We Watched the End»
[26] Oceaán: «Veritas»
[27] Olimpia Splendid: «Jukka-Pekka»
[28] Sia: «Chandelier»
[29] Sigur Rós: «Valtari»
[30] Stromae: «Formidable»
[31] SZA: «Babylon»
[32] The Bug: «Function / Void»
[33] The Gregory Brothers: «DJ Play My Song (No, Leave Me Alone)»
[34] Willis Earl Beal: «Evening’s Kiss» (unofficial video)

Dieser Text wurde erstmals publiziert im zweiten Norient Buch «Seismographic Sounds» [1].