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Zwischen Ghetto und globalem Dorf

Rapper in Dakar setzen auf gesellschaftskritische Rhymes und Beats: hart, anklagend und subversiv. Dagegen wirken die sanften Mbalax-Klänge von Weltmusiklegende Youssou N‘Dour und die harmonischen Balladen von Popstar Ismaël Lô nur blass. Ein Bericht aus den Vororten Dakars.

Bat’haillons Blin-D in Guédiawaye. Foto: Sandy Haessner

Pikine am Stadtrand von Dakar. Gesellschaftliche Aufprallzone. Heimat für ländliche Bevölkerungsschichten, aus denen sich ein neues urbanes Proletariat gebildet hat. Ghetto für seine Jugend. Die Luft ist feuchtheiss, durchsetzt mit rötlichem Staub. Verbeulte Car Rapides – blau-gelb lackierte Kastenbusse mit religiösen Verzierungen, abgefahrenen Reifen und fehlenden Fensterscheiben – bahnen sich wild hupend ihren Weg durch das Gewühl von Menschen und fliegenden Händlern. Hier treffe ich Lamine, 25 Jahre alt, arbeitslos und unverheiratet. «Mein Ghetto, das ist mein Ghetto!», sagt er mir und zeigt mit seiner Hand auf ein paar Jugendliche in verwaschenen Baggy Pants, die am Strassenrand sitzen und ataaya, den senegalesischen Tee, trinken. «Das ist unsere ‹samay gayi› (‹bei meinen Kumpels› in der lokalen Sprache Wolof), der Ort, an dem junge Arbeitslose und Arbeitssuchende ihren Tagesablauf mit der Teezeremonie strukturieren – eine lokale Variante des globalen Chillens. Sie lassen ihren Träumen und Fantasien freien Lauf: von einer Welt da «draussen», «weit weg» von Senegal, von einem unspezifischen «Irgendwo da drüben» («Foofu» auf Wolof). Für die meisten bleibt das eine Träumerei, eine unerfüllten Sehnsucht nach einem vermeintlich besseren Leben irgendwo im Norden. Aus ihrem «Ghetto» kommen sie nicht heraus.

Für die Jugendlichen besitzt die Metapher «Ghetto» eine ermächtigende, ja identitätsstiftende Wirkung – selbst wenn sich die ländlich geprägten Stadtquartiere und Vororte Dakars nicht mit den Ghettos der USA vergleichen lassen (Am Abend kann man die zwanghaft auf urbane Coolness pochende Jugend dabei beobachten, wie sie die Schafe der Familie in den Innenhof führt.). Ghetto‘ – in der Interpretation der hiesigen Vorortjugend -, das sind ihre Stadtviertel und im Besonderen ihre Strassen, die sie sich subversiv aneignen und in denen das Prinzip des gòorgòorlu vorherrscht. Im afrikanischen Französisch würde man dies mit «débrouillardise» gleichsetzen, im Deutschen am ehesten mit Pfiffigkeit – einer Pfiffigkeit, auch unter prekärsten Bedingungen zu überleben und in kreativen Aushandlungsprozessen den einen oder anderen Lichtblick zu konstruieren. Die jungen Leute hier, das sind Leute wie Lamine und seine Freunde, die «boy town», eine Bezeichnung, die sie bewusst gegen die als hinterwäldlerisch geltenden Kaw-Kaw (Dorftrottel würde man korrekterweise auf Deutsch sagen) abgrenzt. Von der Globalisierung träumen sie nicht nur, sondern sie sind mit ihren Internet-fähigen Handys und ihren regelmässigen Postings auf Facebook und in anderen digitalen sozialen Netzwerken längst ein fester Bestandteil der zunehmenden weltweiten Verflechtung von Waren, Gütern und Menschen geworden. In jüngster Zeit spricht man auch von den «Gentlemen», jugendlichen Städtern, die ihre Zukunft selbstbewusst in die Hand nehmen, und dabei aufgeweckt, umweltbewusst und elegant auftreten – die bewusste Verweigerung von alltäglicher Stigmatisierung und Exklusion, eine diskursiv hergestellte Anerkennungsverweigerung gegenüber allen dem Stadtviertel anhängenden negativen Attribuierungen.

Duggy Tee in Liberté VI. Foto: Sandy Haessner

Fou Malade in Guédiawaye. Foto: Sandy Haessner

Lamine ist Rapper. In einem Wort-Mix aus Wolof, Französisch und bewusst eingestreuten englischen Wörtern, typisches Merkmal für die vom US-Amerikanischen beeinflusste Hip-Hop-Bewegung in Dakar, berichtet er mir: «Er ist wieder zu Hause!». «Er», damit meint er den senegalesischen Rap, den Rap Galsen (Galsen ist ähnlich dem französischen Verlan die Umkehrung von Silben – aus Senegal wird dabei Galsen). Der kommt nämlich, wie er sagt, aus Afrika. Er geht auf die Jahrhunderte alte Tradition der Griots zurück, in Teilen Westafrikas verbreitete Preissänger und Geschichtenerzähler, die epische Texte in einer Art Sprechgesang in einem bestimmten Rhythmus vortrugen. Über den transatlantischen Sklavenhandel verliess dieser Sprachgesang, ausgehend von der damaligen Sklaveninsel Gorée, nur wenige Kilometer vom heutigen Dakar entfernt, den Kontinent. Erst die neueren Migrationsmuster senegalesischer Jugendlicher in die USA haben ihn wieder eingefangen und nach Hause geholt. Es war dann auch mehr die senegalesische Bourgeoisie, die von ihren transnationalen Verbindungen nach New York profitieren konnte und die ersten Songs aus den New Yorker Ghettos nach Dakar brachte. Sacré Coeur, ein elitäres Collège in Dakar, ist für den sogenannten «Senerap» bzw. «Rap Galsen» ein geschichtsträchtiger Ort. Hier fanden die ersten wöchentlich organisierten Hip-Hop-Wettbewerbe statt – die Geburtsstunde der weltweit drittgrössten Hip-Hop-Bewegung (nach denen in den USA und Frankreich). Ihr Erfolg hängt massgeblich mit dem kometenhaften Aufstieg von Positive Black Soul (kurz PBS) zusammen. PBS, das sind der christlich geprägte Didier Awadi alias DJ Awadi und der muslimische Amadou Barry alias Duggy Tee. Die zwei aus den benachbarten Vierteln Liberté VI und Amitié II stammenden Rapper – keine sonderlich armen, aber auch keine reichen Stadtviertel – standen zu Anfang mit ihren Gruppen «King MCs», die hauptsächlich aus Muslimen bestand, und «Syndicate», mehrheitlich Christen, untereinander in Konflikt. Es wurde um die Wette gerappt, überall und bei jeder Gelegenheit. Im Viertel, auf der Strasse, in Clubs und auf Konzerten. Das waren gerappte «lyrische Schlachten». Wer ist der Bessere? Wer hat den cooleren Style? Im Jahre 1989 kam es dann zur Versöhnung. Man fand heraus, dass man gleiche Ideale hatte und ein Zusammenschluss beiden Seiten Vorteile bringen würde, was in einem Land mit 94 Prozent muslimischer Bevölkerung durchaus als Erfolg gewertet werden konnte. Erwähnt werden muss auch das Engagement von MC Solaar, einem französischen Rapper mit tschadischen Wurzeln, der seinerseits massgeblich am Erfolg des Hip-Hops in Frankreich beteiligt war. Dieser lud Positive Black Soul 1993 auf ein Konzert in Paris ein.

Didier Awadi im Institut Français, Dakar. Foto: Sandy Haessner

Doch der endgültige Durchbruch, insbesondere bei der senegalesischen Jugend, schaffte die Gruppe 1994 mit ihrem Lied «Bule Faale», zu Deutsch «Kümmere dich nicht darum» oder auch «Mach dir nichts daraus». Dieses Lied war der Startschuss für eine äusserst bedeutsame Jugendbewegung in Senegal, die sich von den alten elitären und hierarchischen Strukturen, in denen Macht und Ressourcen in bestimmten Zirkeln konzentriert waren, loszulösen versuchte. Bule Faale galt als Auftakt einer subversiven jugendlichen Protestbewegung, die selbst das Wort ergriff und die desolaten wirtschaftlichen und sozialen Zustände sowie die politischen Realitäten im Land anprangerte.

Im Jahre 2000 kam dieser Bewegung sogar eine wegweisende Rolle im Wahlkampf zu. Der betagte Präsidentschaftskandidat Abdoulaye Wade, damals bereits 74 Jahre alt, stellte sich auf die Seite der Hip-Hopper; wie sie kritisierte er das Regime von Abdou Diouf in seinen sozialen und ökonomischen Errungenschaften heftig. Er hat seinen Wahlsieg nicht zuletzt der Jugend zu verdanken. Der alte Präsident Diouf versuchte Ähnliches, wollte die Jugendlichen sogar kaufen, um seinen Gegner in lyrischen Raptexten abwerten zu lassen. Aber die junge Generation von Rappern liess sich davon nicht beindrucken und verzichtete auf die finanziellen Geschenke, sie war für den Polit-Wechsel.

Die Referenzkultur dieser jungen Städter, damals wie heute, ist die der USA. Wenngleich sich die Mehrzahl der Rap-Lieder der lingua franca Wolof bedient, ist die Ansammlung lexikalischer Entlehnungen aus dem US-Amerikanischen Englisch durchaus auffällig. Daraus ergibt sich eine hybride und äusserst kreative Abwandlung des Wolof zu einem «Wolof mbëdd mi» (Wolof der Strasse), einem Slang, der stark an städtische Identitäten geknüpft ist.

Rekurriert wird immer wieder, und das wird in den Songtexten nur allzu deutlich, auf traditionelle senegalesische Werte wie die Familie, die muslimischen Bruderschaften und das Stadtquartier. Das Themenspektrum ist gross und ausserordentlich heterogen: «Selbstpräsentation und Bühnenauftritt, Party und Abfeiern (le groove), Liebesbeziehungen, Geisseln (Aids, Drogen), sozialkritische Kritik, Beschreibung der afrikanischen sozialen Misere, Kultur und Tradition, innere Reflexion, persönliche Biographie, Hommage an eine Person oder eine Stadt, Moral und Religion, Mystik» (Auzanneau 2003: 198) – das alles ist dabei. Der Rap ist aber vor allem eines: die Geschichte der jungen Menschen aus den Vororten mit ihren Problemen, die sie in provozierenden Tönen unter konstruktiver Auseinandersetzung mit den eigenen gesellschaftlichen Werten in der Öffentlichkeit anklagen, wobei sie sich häufig an korrupte Politiker wenden. Die Bewegung darf nicht als eine kleine resignierte Gruppe gesehen werden, sondern als eine grosse marginalisierte und an den sozialen Rand gedrängte Gruppe, die in den verkrusteten hierarchischen und gerontokratischen Strukturen als Nicht-Kulturproduzenten gelten und sich exkludiert fühlen. Es ist genau diese vormals schweigende Mehrheit – 80 Prozent der senegalesischen Bevölkerung zählen zu den Unter-30-Jährigen -, die nun erwacht ist und sich an einer mächtigen Selbstartikulation versucht.

Heute ist der Hip-Hop in Afrika in keinem Land so erfolgreich wie in Senegal. Allein die Hauptstadt zählt zwischen 2’000 und 4’000 Gruppen, und das sind veraltete Schätzungen, die sich auf Registrierungen bei städtischen Behörden beziehen. Und auch in afrikanischen Metropolen wie Ouagadougou, Dar es Salaam, Luanda, Conakry, Johannesburg, Lagos und vielen anderen ist diese Musikrichtung auf dem Vormarsch.

Rapper Omzo in Pikine. Foto: Sandy Haessner

Literaturhinweis

Auzanneau, Michelle. 2003. Rap als Ausdrucksform afrikanischer Identitäten. In: Androutsopoulos, Jannis (Hrsg.): HipHop. Globale Kultur – lokale Praktiken. Transcript, Bielefeld. S. 190-215.