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Reclaiming The Streets von Accra

Seit sechs Jahren findet das Chale Wote Street Art Festival in Accra statt – und ist ein Ort radikaler Inklusion. Das kostenlose Event in Ghanas Hauptstadt zeigt moderne Kunst auf der Strasse statt in schicken Galerien und hippe Sounds neben traditioneller Ritualmusik.

Chale Wote Street Art Festival in Accra 2017 (Photo © bei Abdul Arafat und Nii Kotei Nikoi)

Accras Stadtkern lädt nicht gerade zum Verweilen ein: Der Verkehr steht regelmässig still, die Abgase treiben Tränen in die Augen und immer wieder steigen beissende Rauchschwaden von Kehrichthaufen auf, die auf offener Strasse verbrannt werden. Der öffentliche Verkehr beschränkt sich auf VW-Busse, sogenannte Tro-Tros, die alle paar Meter Passagiere einsammeln und wieder ausspucken. Accra ist die Hauptstadt Ghanas, eines der politisch stabilsten demokratischen Länder Afrikas. Christen, Muslime und anders Religiöse leben friedlich aneinander vorbei. Hier findet eines der politisch offensten Festivals Westafrikas statt: das Chale Wote Street Art Festival [1].

Hierher reisen Kunstschaffende aus vielen Ländern Afrikas, aber im Vordergrund steht die lokale Szene. «Ich hatte Angebote aus dem Ausland, um dort meine Kunst zu präsentieren. Aber die habe ich bis jetzt immer ausgeschlagen. Meine Werke brauchen das Umfeld, in dem sie entstanden sind», sagt Sela Kodjo Adjei, Co-Kurator der diesjährigen Chale Wote-Ausgabe. Er ist ein gut gekleideter Hüne, in dessen blau getönten Brillengläsern sich die ganze Welt spiegelt. Er sorgt dafür, dass Tradition auf Moderne trifft und der Anteil von Künstlerinnen möglichst hoch ist. Ohne Frauen, sagt er, würde hier nur die halbe Geschichte erzählt werden.

Baströcke und elektronische Musik

Zur Eröffnung des Festivals hat er gleich eine ganze Vereinigung eingeladen: Die Hutor Adzimashie Bali und die Hu-Koku Association aus der ghanaischen Volta Region. Vom Säugling im Tragetuch bis hin zum «Priest» Hutor Adzimashie zeigen die Tänzerinnen und Musiker ein Ritual mit dem Namen «Badboy Body Electronics»; sie singen im Chor, trommeln sich in Trance und traktieren sich mit stumpfen Messern, zünden später Pet-Flaschen an und tanzen um ein Feuer. Gebrochen wird das Ereignis von Steloo, Accras momentan hippstem Elektronica-Produzenten. Ein wandelndes Kunstwerk, der sich samt veritablem Lautsprechersystem und Laptop auf einem Leiterwagen durch die Strassen ziehen lässt.

Ob Schreib-Workshop, Diskussionsrunden, Filmvorführungen, Tanzperformances oder zeitechte Wandmalerei: Alles hat hier seinen Platz. Schmelzpunkt des Geschehens ist Jamestown, Accras lebendigster Stadtteil. Vom hiesigen Hafen wurden einst Sklaven in alle Welt verschifft, der rot-weiss gestreifte Leuchtturm ist Denkmal und Touristenattraktion. Hier, wo Fischer ihre Netze auswerfen, Hühner, Ziegen und Ratten um die Baracken wuseln und alle paar Meter traditionelles Essen in frittierter Ausführung verkauft wird, Nähmaschinen rattern und einem aus dem Nichts sogenannte City-Guides anspringen, steht das Brazil House – das Hauptquartier des Festivals.

Kunst als Selfie-Hintergrund

Das trifft sich gut für die Anwohnenden, die während des Festivals auf grössere Einnahmen zählen dürfen. Auch die schweren Jungs der Bodybuilding-Akademie nutzen die Gunst der Stunde, um ihre Muskeln zu präsentieren. Die Boxkampf-Nachwuchsschule organisiert einen Strassenkampf im Getümmel. Menschen, die sich weder in ein Museum trauen, noch jemals dafür bezahlen könnten, kommen am Chale Wote kostenlos mit Kunst in Kontakt. Dass die Werke oft nur als Selfie-Hintergrund dienen, spielt keine Rolle, weil am Chale Wote die Kunst eint, was sie leider oft entzweit: die Klassen. Kunst ist hier nicht elitär, sondern zugänglich.

Für die diesjährige Ausgabe werden geschichtsträchtige Orte wie die beiden stillgelegten Gefängnisse Ussher Fort und James Fort Prison bespielt. In den miefigen Gefängniszellen findet jetzt Kunst statt und im bedachten Innenhof steht mit «The Country Formerly Known as Ghana» ein schillerndes Gesamtwerk. Es besteht aus einer Musik-Installation, karnevalesken Kostümen, gruseligen Masken und flackernden Fernsehbildschirmen. Konzipiert wurde sie von Josephine Kuuire und Mantse Aryeequaye. Die Installation dient als Referenz auf die Beulenpest, bei der im Jahr 1908 ein grosser Teil der Bevölkerung Accras starben.

Chale Wote Street Art Festival in Accra 2017 (Photo © bei Abdul Arafat und Nii Kotei Nikoi)

Raus aus den Galerien, hinein in die Strassen

Mantse Aryeequaye hat 2011 gemeinsam mit Dr. Sionne Neely das Chale Wote gegründet. Sie beide gehören zum Kollektiv Accra [Dot] Alt. Finanziert wird das Festival unabhängig, was dank zahlreichen Kollaborationen mit anderen Kunsträumen gut funktioniert. Der Eintritt ist frei. Wer aber das Geschehen mit professioneller Kamera fotografieren will, bezahlt für einen Medienpass umgerechnet etwa 4.50 Euro, was in Ghana mehr als nur symbolisch ist. Der Staat bietet Unterstützung in Form von Polizeipräsenz, eine Ambulanz steht vorsorglich bereit.

Das Ziel war und ist, Kunst an einem Ort stattfinden zu lassen, an dem die Bedingungen für so etwas wie ein Strassenfestival reichlich schlecht sind. «Das letzte Mal, als es in Ghana so etwas wie Kulturförderung gegeben hat, war zur Zeit von Kwame Nkrumahs Präsidentschaft in den Sechzigern», erklärt Festivalgründer Mantse. «Seitdem er nicht mehr an der Macht ist, ist das System sehr kolonial», sagt der wortgewandte Filmemacher. «Zugang zu Geldern hat nur die Elite, die damit exklusive Invitation-Only-Anlässe veranstaltet. Wir aber holen die Kunst aus den Galerien raus auf die Strasse.» Über 30’000 Menschen hatten das Festival 2016 besucht. 2017 dürften es noch mehr gewesen sein.

Das Chale Wote Street Art Festival findet 2018 voraussichtlich wieder im August statt. Das Thema der Ausgabe 2017 war «Wata Mata», was aus dem westafrikanischen Pidgin übersetzt «Water matters» heisst, zu Deutsch «Wasser ist wichtig». Chale Wote ist eine Redewendung, die – übersetzt aus dem Ga, einer Sprache, die auf Accras Strassen gesprochen wird – so viel heisst wie «Mann, lass uns gehen!», ein Aufruf zum Aufbruch also. Das passt sehr gut.