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Treffen der Denker und Gipfelstürmer

Da das Reservoir an schräger Alpenmusik begrenzt ist, muss das Alpentöne-Festival in Altdorf zunehmend auf Auftragskompositionen setzen - ein riskantes Unterfangen. Das zeigte die 2003 Ausgabe dieses Erfolgsfestival.

Das Alpentöne-Festival in Altdorf hat dieses Wochenende wieder gezeigt, dass es zu einem der überraschendsten Musikanlässe der Schweiz gehört. Auch zur dritten Ausgabe des Festivals haben sich wieder Profimusiker und Amateure vom lokalen Alpenklingen und globalen Musikwelten inspirieren lassen und ihre mehr oder weniger eigenständigen Produktionen im ausverkauften Theater, auf dem Lehnplatz und neu auch in der Pfarrkirche St. Martin aufgeführt.

Inszenierte Projekte haben ihre Tücken

Vom französischen Gesangstrio Paroplapi bis zur slowenischen Sängerin Klarisa M. Jovanovic gings musikalisch auf und ab, so, dass das Publikum ob dem Gebotenen entweder die Hitze im Konzertsaal vergass oder aber Nase rümpfend ins Freie zum Bratwurststand floh. Präsenter denn je waren die Medien, die nationale Kulturprominenz und ein paar Kulturspione aus dem Ausland.

In Zukunft wollen die Alpentöne noch höher hinaus: Geplant sind eine eigene CD-Reihe, eine engere Zusammenarbeit mit Veranstaltern aus dem näheren Ausland und mehr und mehr Schweizer und Weltpremieren. Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg allerdings ist schmal – das haben dieses Wochenende gleich mehrere Darbietungen gezeigt. Das Reservoir an Gruppen, die auf höchstem Niveau mit alten und neuen musikalischen Einflüssen experimentieren, scheint begrenzt – auch wenn ein Festival wie das Alpentöne die Musiklandschaft Schweiz mitverändert und prägt: Der Bedarf an neuer Alpenmusik führt dazu, dass Musikerinnen und Musiker einheimische Klänge und Instrumente in ihre Musik integrieren.

Und trotzdem: Soll sich das Alpentöne-Programm nicht wiederholen, und soll das Thema Alpen nicht auf neue Regionen oder Themen ausgeweitet werden, so muss der neue Programmleiter Urban Frye in Zukunft Auftragswerke an Musikerinnen und Komponisten vergeben – so wie er dies auch in diesem Jahr getan hat. «Das Festival soll nicht grösser, sondern exklusiver werden», sagt er und handelt damit wohl richtig. Nur: Inszenierte Projekte haben ihre Tücken. Zum einen sind sie kostspielig, zum anderen bleibt bis zum Konzert ungewiss, ob die im Kopf geborene, brillante Idee musikalisch überzeugend umgesetzt werden kann.

Auf dem Reissbrett konstruiert

Künstlich wirkte am Freitag zum Beispiel das Gesamtkunstwerk aus Text, Pinselei und Musik von Mike und Kate Westbrook. Zwischen Jazz, Chormusik, zeitgenössischen Akzenten und Varieté wogte die Musik weder zwingend noch sinnlich zwischen zu vielen Stilzitaten hin und her. Das Konzert zeigte deutlich, dass das Alpentöne aufpassen muss, neben abgehobenen Kunstprojekten nicht die Musizierfreude zu vergessen, die eine entscheidende Komponente der «ursprünglichen» und wohl auch der «neuen», der «anderen» Volksmusik ist.

Allerdings kann aus Auftragskompositionen auch Grosses entstehen. Der französische Tuba- und Serpent-Spieler Michel Godard entführte die Zuschauer in der Pfarrkirche St. Martin in der Uraufführung seines Werkes «Die Schwarze Madonna» auf eine sehr schlicht gehaltene, atmosphärisch fein abgestimmte Konzertreise in die Choraltradition des Codex 121, der im Kloster Einsiedeln aufbewahrten, 1000-jährigen und damit ältesten Schriftensammlung der abendländischen Musik.

Zunächst standen nebeneinander: Die von sechs Sängern der Schola Calixtinus vorgetragenen gregorianischen Gesänge; die von Klarinette, Harfe, Tuba, Serpent und Perkussion weitergesponnenen polyphonen Linien; und die von zwei Sängerinnen vorgetragenen weltlichen Texte. Dann, mit aller Zeit der Welt, näherten sich die drei Klangwelten an, um ganz zum Ende hin schlicht und wenig pompös zusammenzufinden.

Die Narrenfreiheit, Neues und Schräges auszuprobieren

Kaum war das Konzert beendet, musizierten die sechs gregorianischen Sänger auch schon ad hoc auf dem Altdorfer Lehnplatz. Sie lebten vor, was das Festival so einzigartig macht: «Alt» und «Neu», Volks- und Kunstmusik finden organisch und mit Spielwitz zusammen. Die innovativen und lebendigen Projekte bleiben für den Anlass denn auch (über)lebenswichtig – dies zeigten die Beifallsstürme für die kanadisch-schweizerische Solo-Performerin Shirley Anne Hofman: In ihr fanden Denkerin und Musikantin zusammen. Bei ihr wirkten Schrägheit und Komik nie aufgesetzt.

Neben den konzeptuellen Denkern darf das Festival also in Zukunft die virtuosen Gipfelstürmer nicht vergessen. Gleichzeitig soll und darf es seine Narrenfreiheit aber behalten, Neues, Schräges und Komplexes auszuprobieren. Denn das Publikum zieht, wenigstens bis heute, offenbar gerne mit.