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Multi-Local Listening Test: Kamilya Jubran and Werner Hasler

Die Black Box Pop stand immer für das Durchkreuzen vorgegebener Muster und Regeln. Dann wurde Pop selbst zu Muster und Regel. Mittlerweile ist Pop die neue Superkultur im Sinne von James Lull, die global beobachtbar ist, sich aber lokal unterschiedlich ausdrückt. Dabei durchläuft Pop unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten, wird transnational und transkulturell im Sinne von Wolfgang Welsch, ohne beliebig zu sein. Nun stellt sich die Frage, inwiefern sich überhaupt noch Ursprünge, Quellen, Traditionen erkennen und vor allem erhören lassen, und zwar aus der Perspektive ausgewählter Personen aus unterschiedlichen Kulturen und Nationen (also Kontexten), oder ob Pop zwischen Folklore (Traditionskultur), Jazz (Hochkultur) und Elektronik (Popkultur) nicht mehr in dieser Hinsicht gehört und zugeordnet wird und somit hyperkulturell (Byung-Chul Han) bzw. hypernational (Christoph Jacke) geworden ist.

Ausgehend von diesen kulturtheoretischen Rahmungen soll ganz konkret und exemplarisch am musikalischen Material der Musikstücke Wanabni [1] und Ghareeba [2] der palästinensischen Sängerin und Oud-Spielerin Kamilya Jubran [3] und dem Schweizer Elektroniker und Jazztrompeter Werner Hasler [4] nachgefragt werden, inwiefern sich heute derartige Entwicklungen in der (pop)musikalischen Praxis beobachten lassen. Die beiden Musiker haben in ihrer langjährigen Zusammenarbeit zu einem dichten musikalischen Interplay gefunden. Hasler experimentiert heute mit Obertönen und arabischen Vierteltonskalen. Seine elektronischen «Glitch»-Sounds und Geräusche folgen dem arabischen Gesang von Jubran sehr genau – und nicht viel anders als das traditionelle takht-Ensemble in der arabischen Tarab Musik. Jubran, die mit der bekannten palästinensischen Gruppe Sabreen linkspolitische Lieder sang, sucht heute ständig nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen.

Dabei wird aus den medienkulturtheoretischen Grundlagen heraus methodisch eine Befragung der beiden Musiker ebenso wie ein Hörtest ausgewählter Experten und Laien operationalisiert. Als Orientierungspunkt für die Fallstudie beziehen wir uns auf Philip Tagg, der Musik mit Hörtests hat analysieren lassen. Ein Musikstück wird in diesen Tests von einer Zahl von Hörerinnen und Hörern auf verschiedenen Ebenen diskutiert und analysiert: Untersucht wird das Musizieren selber (Constructional Competence), die musikalischen Einflüsse (Receptional Competence) sowie die musikalischen und nicht-musikalischen Verortungen und Bedeutungszuschreibungen (Metatextual und Metacontextual Discourse). Derlei Hörtests, die Musik nicht mehr ausschliesslich aus ihrem Herkunftskontext, sondern aus transnationalen Perspektiven heraus analysieren, könnten somit mit eine Lösung bei der häufig diskutierten Frage sein, wie Musik in einer zunehmend digitalisierten und transnationalen Welt analysiert werden soll. Der methodische Ansatz entspricht zudem einer oft geäusserten Forderung von Künstlerinnen und Künstlern aus afrikanischen und asiatischen Ländern: Sie wollen in erster Linie als Künstler und erst dann als Repräsentanten ihrer Kultur wahrgenommen werden. Durch das Hören der «multi-lokalen» Hörer erkennen wir erst die vielfältigen und widersprüchlichen Bedeutungen, die ein Musikstück annehmen wird. Gleichzeitig wird auch das Wissen und Nicht-Wissen der Musiker schonungslos aufgedeckt. Oder sie werden in der Welt verortet. Im Idealfall macht der Hörest nicht nur auf die offensichtlichen musikalischen Unterschiede aufmerksam, sondern eben auch auf Unterschiede in den vermeintlichen Gemeinsamkeiten und erscheint daher besonders geeignet, um aktuelle Theorien von Multi-, Inter-, Trans-, Pop- oder sogar Hyperkulturalität in Bezug auf ganz konkrete Musik zu diskutieren.

Der Beitrag speist sich aus den medienkultur-, musikanalytischen sowie journalistischen und popmusikbusinesspraktischen Erfahrungen der drei Beitragenden und einem damit zusammenhängenden, beantragten Forschungsprojekt zum Thema «Translokale Nischen: World Music 2.0 und ihre musikalischen und nicht-musikalischen Einflussgrössen».

Das Projektteam

Dr. Thomas Burkhalter (Norient)
Prof. Dr. Christoph Jacke (Universität Paderborn [5])
Sandra Passaro (Stars & Heroes [6], Berlin)

Präsentationen

2-4 September 2010. Biennial Conference of IASPM-UK/Ireland [7], in Cardiff.

19.-21. 11 2010. Arbeitstagung des ASPM [8], Popakademie Baden-Württemberg, Mannheim, «Black Box Pop – Pop-Analyse zwischen Musik- und Kulturwissenschaft».