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Wut macht kreativ – Punk in Los Angeles

Punk war nie so offen, wie er gerne predigte. Trotz der kritischen Haltung gegenüber an Sexismus und Rassismus, war der Stil vor allem ein Soundtrack männlicher, weisser Vorort-Jugendlicher. In L.A. war das immer schon anders, zeigt Angela Boatwrights Film Los Punks: We Are All We Have.

Still aus Los Punks: We Are All We Have (Angela Boatwright, Los Angeles 2016)

Punk hatte von Anbeginn ein Problem: Die Subkultur war als musikalischer Aufstand gegen die bürgerliche Kultur und die verstaubte Musikgeschichte angetreten, als Ausbruch aus der Engstirnigkeit gesellschaftlicher Zuschreibungen. Doch allein der Wille kann die Welt nicht verändern. Zwar hat sich Punk als antisexistisch und antirassistisch verstanden, doch waren Frauen im Punk eher die Ausnahme und die einzige überregional bekannte afroamerikanische Punkband sind bis heute die Bad Brains geblieben. Die klassischen Geschlechterrollen reproduzierten sich innerhalb der Szene, ebenso wie rassistische Ausschlussmechanismen am Werk waren: Punk war vor allem der Soundtrack männlicher, weisser Vorort-Jugendlicher, mit Inhalten, die ihr Leben dokumentierten und ihre Unzufriedenheit mit der Welt bekundeten, die aber kein Ohr hatten für die Probleme anderer sozialer und ethnischer Gruppen.

Selbstverständlich wurden die wenigen interessierten Afroamerikaner und Asian Americans offenherzig in die Szene integriert und in Grossbritannien eifrig an Kollaborationen mit Vertretern der Reggae-Szene gestrickt, doch Punk blieb die Rebellion weisser Jugendlicher gegen eine rassistische Welt – eine intensive Reflexion über diesen Widerspruch hat erst seit den Neunziger Jahren stattgefunden.

Los Angeles – Multiethnischer Schmelztiegel

Eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen in dieser weissen Jungswelt war seit den Siebzigern Los Angeles und eine solche Ausnahme ist die Stadt bis heute geblieben. In East Los Angeles hatten damals die Kinder mexikanischer und puertoricanischer Einwanderer wie Alicia Armendariz Velasquez (The Bags [1]), Tito Larriva (The Plugz), Teresa Covarrubias (The Brat [2]) und Gerardo Velazquez (Nervous Gender) in der Punkszene einen Ort gefunden, einerseits den einengenden Erwartungen ihrer Elternhäuser zu entkommen, die oftmals sehr konservativ und stark religiös geprägt waren, und andererseits den prekären Lebensbedingungen eine Alternative entgegenzusetzen. Ein Umfeld, in dem andere Werte eine Rolle spielten, als finanzielle Sicherheit.

Punk war unprätentiös genug, um erstmals auch Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen offenzustehen, die sich keinen Musikunterricht und teure Instrumente leisten konnten. Die Schwelle, mitzumachen, sei es als Musiker, Konzertorganisator oder Zuschauer, war so niedrig wie in keiner Jugendkultur zuvor. Auch inhaltlich war Punk durch die Zusammensetzung der Szene in East Los Angeles offener als anderswo, ganz selbstverständlich wurde die Lebenswelt von Hispanics in den Texten thematisiert. Und zuletzt half Punk auch den weiblichen Musikerinnen, traditionelle Rollenmuster hinter sich zu lassen und die männlichen Punks mit feministischen Themen zu konfrontieren, die sich ihren anerzogenen Machismo abzugewöhnen hatten.

Diese Offenheit und Tradition hat sich bis heute erhalten. Das zeigt Angela Boatwrights Film Los Punks: We Are All We Have. Immer noch ist die Subkultur ein wichtiger Flucht- und Sehnsuchtsort für viele Jugendliche, aber auch eine Einladung, die von ihnen erwarteten Lebensentwürfe in Frage zu stellen und sich eine neue, eigene Identität zu entwerfen: als Alternative zur Enge der Familie haben sie sich eine eigene Familie aufgebaut, die sich zu regelmäßigen Treffen zusammenfindet.

Garagen zu autonomen Zentren

Während andere in ihren Gärten und Hinterhöfen Barbecues veranstalten, hat sich in East LA eine lebendige Backyard-Konzert-Szene entwickelt. Wie so oft im Punk wurde ein Mangel – die fehlenden Veranstaltungsorte für Konzerte – in Eigenregie zu einem kreativen Element umgewandelt: statt sich mit den Gegebenheiten abzufinden, werden die vorhandenen Räume genutzt und umgedeutet, aus Garagen, Schuppen, Terrassen und Hinterhöfen werden für ein paar Stunden autonome, subkulturelle Zentren. An immer neuen Orten finden sich nun Wochenende für Wochenende unter den Augen genervter Nachbarn und toleriert von der lokalen Polizei Punks ein, um ihre Bands zu feiern: Corrupted Youth, Psyk Ward oder Rhythmic Asylum.

Die Szene, die sich musikalisch und ästhetisch als Fortsetzung des frühen britischen Streetpunk versteht, ist gross und seit den Sozialen Netzwerken weiter am wachsen. Nacho, Konzertveranstalter und Sänger bei Corrupted Youth, ist seit vielen Jahren dabei und bestreitet mittlerweile seinen Lebensunterhalt mit Punk. Viele der Protagonisten in Boatwrights Film sind ihrer Jugend mittlerweile entwachsen, und doch beim Punk geblieben, der hier eben nicht reine Jugendkultur, sondern Lebensentwurf ist.

Gary Alvarez, 22 Jahre alt, Sänger bei Rhythmic Asylum und Politikwissenschaftler, verdankt Punk durch dessen Anspruch, Gegebenes nicht einfach hinzunehmen, sondern stets zu hinterfragen, auch seinen Ehrgeiz, durch Bildung den ärmlichen Verhältnissen zu entkommen. Im Film spricht er vom unterfinanzierten Bildungssystem in East LA, dem er die Schuld für selbstdestruktive Tendenzen bei Jugendlichen gibt, und denen er mit seiner Musik etwas entgegensetzen will. Punk ist für ihn die künstlerische Repräsentation all der Spannungen und Ängste, der Wut und des Drucks, den er und seine Freunde aus einkommensschwachen, abgehängten Familien, tagtäglich verspüren.

Still aus Los Punks: We Are All We Have (Angela Boatwright, Los Angeles 2016)

Die Schule des Punk

Dieser Druck lässt nicht nach, wenn die Jugend vorbei ist, im Gegenteil – für viele beginnt dann erst der Kampf. Wie für Alex, 23 Jahre und Sänger bei Psyk Ward, der eine lange Geschichte psychologischer Behandlungen hinter sich und erst im Punk einen Ort gefunden hat, an dem er sich zuhause fühlt, der ihm die Ruhe gibt, eine Ausbildung zum Koch zu machen. Ein Ort, der ihn ganz selbstverständlich integrierte, obwohl seine Geschichte stark von der anderer Protagonisten der Szene abweicht: Alex ist als Sohn jüdisch-chinesisch-amerikanischer Eltern in privilegierten Verhältnissen in Manhattan Beach aufgewachsen.

Auch die Frauen haben nach wie vor den zentralen Raum in dieser Szene, der ihnen in anderen Jugendkulturen nicht gegeben wird: sei es die 15-jährige Konzertveranstalterin April, Nachos Schwester Natalie oder Kat, die Sängerin von Las Cochinas, die ihre männlichen Konzertbesucher mit der Problematik von Gewalt gegen Frauen konfrontiert und zu einem neuen Denken auffordert: «No more silence, no more violence!» Punk sei «a constructive way to be angry», sagt einer der Musiker im Film. Gründe, wütend zu sein, gibt es auch heute noch genug.