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Stimmen aus dem Regenwald

Im Radio hört der noch junge US-amerikanische Musikforscher Louis Sarno einen polyphonen Jodelgesang, der ihn nicht mehr loslässt. Er folgt ihm bis zu den Bayaka-Pygmäen im zentralafrikanischen Regenwald – und kommt nie mehr zurück. In seinem tief berührenden Regiedebüt Song From The Forest [1]beobachtet Michael Obert Sarnos Leben bei den Bayaka und begleitet ihn mit seinem Sohn nach New York.

[Theresa Beyer]: Wie bist du Louis Sarno zum ersten Mal begegnet?
[Michael Obert]: Im Herbst 2009 war ich unterwegs im Kongobecken und hörte eher zufällig von einem weissen Mann, der tief im Regenwald seit Jahrzehnten bei den Bayaka-Pygmäen leben sollte. Ich machte mich auf die Suche nach ihm. Ein paar Tage später stand ich auf einer Lichtung, von allen Seiten strömten Bayaka auf mich zu und schrien mich an. Plötzlich verstummte der Lärm, und aus dem Unterholz löste sich eine hoch gewachsene Gestalt: ein Weisser, zwei Köpfe grösser als die anderen, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby. Er war Louis Sarno.

[TB]:Ein Motiv deines Films ist das Aufeinanderprallen der beiden gegensätzlichen Welten – der urbane Dschungel New York und die grünen Wälder in Zentralafrika. Wovon hast du dich im Schnitt leiten lassen?
[MO]: Seit über 20 Jahren bin ich zwischen diesen Welten unterwegs, als Reisender, als Schreibender, als Mensch. Von einem Aufeinanderprallen würde ich nicht sprechen. Der Film ist ein Abbild dessen, wie es in mir selbst aussieht. Ziel war, die beiden Welten auf Augenhöhe miteinander kommunizieren zu lassen. Unterschiedliche Kulturen sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie wir oft glauben.

[TB]: Und welche Funktion hat dabei die Musik?
[MO]: Die Musik verbindet die beiden Welten und spiegelt sie. Die polyphonen Bayaka-Gesänge werden zur inneren Stimme von Louis, auch während er in New York ist. Sie sind aus dem Archiv (siehe Pitt Rivers Museum [2]) der über 1000 Stunden Aufnahmen, die er im Laufe der Zeit im Regenwald gemacht hat. Die Renaissancegesänge sind eine Messe für vier Stimmen [3] von William Byrd, ein Lieblingsstück von Louis. Im Schnitt haben wir den Begriff der «Dramaturgie» ersetzt durch den der «Liturgie». Der Film feiert eine Messe.

Trailer Song From The Forest

[TB]: Wie präsent war bei dir die Gefahr, Klischees des «Edlen Wilden im verlorenen Paradies» zu reproduzieren?
[MO]: Ich habe insgesamt viele Jahre in Afrika verbracht, mit den Menschen dort gelebt, gelacht, gehungert, geweint. In den Krisen- und Kriegsgebieten dort habe ich viele Menschen sterben sehen und verdanke Afrikanern mein Leben. Über die Zeit ist eine grosse Nähe entstanden. Es sind Bilder dieser Nähe, die ich gemeinsam mit Kamerafrau Siri Klug [4] gesucht habe. Echte Nähe kann nie Klischee sein.

[TB]: War es einfacher bei den Bayaka zu filmen, weil du mit Louis zusammengearbeitet hast?
[MO]: Louis und die Art, wie die Bayaka leben, faszinierten mich jahrelang, immer wieder zog es mich zu ihnen hin. Einfach so, ohne die Absicht, etwas daraus machen zu wollen. Als dann zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung die Idee aufkam, einen Film zu drehen, und ich mit einem kleinen Team ankam, gehörte ich irgendwie schon dazu. In Song From the Forest ist das sehr gut zu sehen: Die Bayaka sind völlig entspannt, wir dürfen als Zuschauer einfach dabei sein. Sie wollten uns wirklich etwas geben. Wir verdanken ihnen unseren Film.

[TB]: Im Laufe des Films bekommt die ökonomische Komponente immer mehr Bedeutung. Wie sehr bestimmt sie das Leben deiner Protagonisten?
[MO]: Eine Frage, die sich auf poetische Weise durch den Film zieht: Gibt es einen Weg aus unserem kapitalistischen System? Oder wo auf der Welt können wir noch hingehen, um ein ganz anderes Leben zu leben? Ich möchte nicht zu viel verraten, aber Louis’ Geschichte und die Reise mit seinem Sohn, dem Bayaka-Jungen Samedi, nach New York City ist eine poetische Suchbewegung nach Antworten. Diese Reise ist wunderschön, berührend und seltsam tragisch zugleich. Und sie hält dir einen Spiegel vor, der sagt: Schau, so lebst du. In deinem Regenwald.

[TB]: Inwiefern hat deine Beschäftigung mit Louis Sarno dein Denken über Privilegien verändert?
[MO]: Es ist nicht wichtig, was der Film in mir verändert hat. Song From the Forest kann als ein Gedicht verstanden werden, in Bildern auf die Leinwand gebracht. Mit vielen freien Räumen, durch die man wandern, die man erkunden kann. Wichtig ist, mit welchen Fragen jeder Einzelne nach dem Film nach Hause fährt – und welche Antworten er für sich selbst findet.

Cast
Louis Sarno
Samedi Mathurin Bokombe

Crew
Buch und Regie: Michael Obert
Produktion: Alex Tondowski, Ira Tondowski
Co-Produktion: Heino Deckert
Redaktionsleitung: Jutta Krug
Kamera: Siri Klug
Ton: Timo Selengia
Editor: Wiebke Grundler

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