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Der Reiz des Künstlichen

Im digitalen Zeitalter geht von der mechanischen Klangerzeugung alter Musikautomaten ein besonderer Charme aus. Das Museum für Musikautomaten im Solothurnischen Seewen hat einige der durch Walzen oder Platten betriebenen Spieldosen, Uhren und Drehorgeln digitalisiert und Klangproben ins Netz gestellt. Eine Einladung zu Soundexperimenten!

In den grossbürgerlichen Salons des 18. Jahrhunderts wurden sie als Statussymbol und Sensation vorgezeigt: Spieldosen, mechanische Drehorgeln, musizierende Androiden, klingende Fingerringe oder Taschenuhren mit Musikwerk. In der Konstruktion und Herstellung dieser Musikautomaten waren die Schweizer Pioniere. Der Genfer Uhrmacher Antoine Favre-Salomon erfand 1796 die klingende Stahllamelle für eine musizierende Taschenuhr – das Prinzip sollte später vielen Spieluhren zu Grunde liegen. Aber auch grössere Geräte wie das Polyphon oder das Grammophon-artige Symphonium wurden im späten 19. Jahrhundert von der Schweiz bis nach Indien exportiert. Mit dem Aufkommen der Schallplattenindustrie und dem Radio schrumpfte das Interesse an den selbstspielenden Instrumenten, man begriff sie höchstens noch als amüsantes historisches Dokument.

Kalkulierter Klang

Die Oldschool-Speichermedien gewinnen aber im digitalen 21. Jahrhundert wieder an Faszination: Die komplizierten elektronischen Prozesse, die hinter unseren Musikhör-Gewohnheiten von MP3-Player bis YouTube stecken, sind kaum noch zu verstehen. So liegt der neue Reiz der Musikautomaten gerade in der Nachvollziehbarkeit der mechanischen Klangerzeugung. Über Lochungen oder Stifte werden Tonfolgen programmiert, die auf Walzen, Papierstreifen oder Platten angebracht sind.

Trotz dieser Über- und Anschaubarkeit haben die Musikautomaten über die Jahrhunderte ihren befremdlichen Charakter nicht verloren, wie der Musikwissenschaftler Helmut Kowar in seinem Aufsatz «Der Geist in der Maschine. Die Faszination alter Musikautomaten» [1] schreibt: «Selbst wenn die technische Umsetzung der Information in Klang durchaus verständlich ist, bleibt ein Rest des Unbegreiflichen, da der Automat mit seinem Spiel ein klingendes Werk in die Welt setzt, für das jemand verantwortlich ist, der an der aktuellen Ausführung nicht teilnimmt.» Das Unheimliche am Klang ohne Körper sei demnach das Überschreiten der Grenze «zwischen Lebewesen und toter Materie».

Analog wird digital

Diese Ästhetik steckt auch im Klang der interpretenlosen Instrumente, die z.B. im Schweizer Museum für Musikautomaten in Seewen (SO) in mechanischer Lieblichkeit ihr immergleiches Lied singen. Das Museum beherbergt eine der weltweit grössten Sammlungen von Schweizer Musikdosen, Plattenspieldosen, Uhren und Schmuck mit Musikwerk aus dem 18. Jahrhundert bis heute. Einige der Seewener Automatenklänge wurden nun digitalisiert, sind als Podcast zu abonnieren und dürften experimentierfreudigen Soundtüftlern schräges Material liefern (bedient euch, mixt und schickt eure Collagen an Norient!). Einige Inspirationen liefern die Videos von Spieluhr-Verarbeitungen und zeitgenössischen Musikautomaten.

Virtuelle Tour [2]durch das Musikaitomatenmuseum Seewen

Beitrag zur Britannic-Orgel in Seewen auf art.tv [3].

Inspiration


Mauricio Kagel – Two-Man Orchestra


Die Gülleorgel [4] im Vogtland


Conlon Nancarrow – Study for Player Piano No. 37


George Antheil (1900–1959): «Ballet Mécanique»


Touchwood commercial: Kantate BWV 147


Nick Yulman – Installation “Copper Forest”


Katharina Hölzl und Richard Eigner – Ritornell for Musicbox