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Sünden und Wunder

Die Mexikanerin Lila Downs hat sich für ihr neues Album Pecados y Milagros (Sünden und Wunder) viel Zeit gelassen. Jetzt trumpft sie mächtig auf.

Lila Downs [1] singt mit ihrem 3-Oktaven-Mezzosopran mal Folklore, mal Jazz, mal Oper. Lange hat sich die Mexikanerin mit indigenen und schottisch-amerikanischen Wurzeln für ihr neues Album Pecados y Milagros (Sünden und Wunder) Zeit gelassen. Sie trumpft nun mit fünfzehn vielseitig orchestrierten Liedern aber mächtig auf und offeriert ihre ganz persönliche Sicht auf ihre Heimat. Fünfzehn mexikanische Maler haben für jedes Lied ein eigenes Gemälde angefertigt. Ein Schmaus für Ohren und Augen.

Die CD

Lila Downs Pecados y Milagros (Sony)

Eine längere Rezension bietet der Berner Blog GlobalSounds.Info [2].



Hintergründe

Musikalisch strebt die mexikanisch-amerikanische Sängerin Lila Downs spirituelle Kraft und Reinheit an, thematisch sind ihre Lieder geprägt von ihrer Lebensgeschichte: Sie fokussieren auf die mexikanischen Migranten in den USA und handeln von illegalen Grenzübertritten, von Diskriminierungen, Hoffnungen und Ängsten. Downs, deren Äusseres an die Portraits von Frida Kahlo erinnert und die sich in ihrem künstlerischen Ansatz von der mexikanischen Malerin inspiriert fühlt, spielt mit den Möglichkeiten ihrer Stimme: sie predigt eindringlich, klamaukt zynisch, kontrastiert Ernsthaftes mit Fröhlichem. Ihren 3-Oktaven-Mezzosopran lässt sie mal Folk, mal Jazz, mal Oper imitieren, und sie taucht in Spanisch, Englisch sowie in der Indio-Sprache Mixtec durch lokale, aber auch globale Musikstile. Vielfältig klingend, stösst die 36-Jährige auf ihren CDs ab und an in die Nähe von Indianerromantik vor, überschreitet die imaginäre Grenze indes nie, weil die Musik von den tiefgreifenden Texten einer Künstlerin geerdet wird, die viel erlebt und viel zu sagen hat. Es resultiert eine transnationale Musik, die nicht oberflächlich wirkt, sondern subtil verwoben ist, eine Musik, die Fazit einer Lebensgeschichte und keine Allerweltsfusion darstellt.

Lila Downs ist im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca als Tochter einer indigenen Mixtekin und eines schottisch-amerikanischen Kunstwissenschafters aus Minneapolis geboren. Ihr Vater starb, als sie sechzehn war; bis heute wirke dieses Erlebnis entscheidend auf ihr Schaffen, sagt sie in Interviews: Die Teenagerin stürzte in eine schwere Identitätskrise; ohne den Schutz ihres Vaters spürte sie die doppelte Diskriminierung stärker, die ihr als Indianerin und als Mischling zukam. Sie schämte sich ihrer Abstammung und ihrer dunklen Hautfarbe, färbte sich die Haare blond und zog nach Minnesota, um zu studieren. Bald aber brach sie aus dem bürgerlichen Alltag aus, lebte zeitweise auf der Strasse und folgte der Bewegung der Greatful Dead. Erst nach zwei Jahren kehrte sie an die Universität zurück und schloss ihre klassische Gesangsausbildung und ihre Studien in Ethnologie und Musikwissenschaft ab. Sie begann, sich ihrer Wurzeln zu besinnen, merkte, dass sich die erworbenen Kenntnisse in Jazz- und Operngesang nur so zu einer eigenen Stimme formen liessen.

Heute lebt Lila Downs mit ihrem Ehemann und Mitmusiker Paul Cohen in Mexiko-Stadt. Immer stärker unterstützt sie in ihren Liedern die Landkämpfe der indigenen Bevölkerungen Mexikos, setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein und kritisiert die Korruption und Vetternwirtschaft in ihrer Heimat. Ihre CD Border widmete sie den mexikanischen Migranten, die beim Versuch, die Grenze zum «gelobten Land» USA zu überqueren, gestorben sind.