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Singen zwischen Klangmalerei und Rollenspiel

Sie gehört nicht nur zu den originellsten Singer/Songwritern der Schweizer Musikszene. Heidi Happy profiliert sich immer wieder auch als Arrangeurin. Auf ihrem dritten Album Hiding With The Wolves lässt sie sich von ihrer Rockband und der Camerata Musica Luzern begleiten.

Fünfzehn Songs singt Heidi Happy [1] auf ihrem dritten Album Hiding With The Wolves. Doch sucht man vergebens nach einem Lied mit Wölfen. «Der Albumtitel steht eben nicht für einen Song, sondern für das Gefühl, das mich beschlich, als ich mich in Abgeschiedenheit begab», erklärt die 31-jährige Sängerin. Ihr Plan sei es gewesen, neue Lieder zu schreiben und diese für Orchester zu arrangieren. Und um sich ganz auf diese Herausforderung zu konzentrieren, habe sie im Winter 2009/10 vier Monate alleine in einer einsamen Bleibe in Eschenz am Untersee verbracht – ausgerüstet mit einer Gitarre und einem Computer.

Das Talent fürs Arrangieren

Mit dem Debütalbum Back Together hatte sich Priska Zemp alias Heidi Happy 2007 als eigenständige und gewitzte Singer/Songwriterin empfohlen. Damals sei sie noch ganz anders vorgegangen. Damals habe sie zuerst Texte geschrieben – über ihre zwischenmenschlichen Erfahrungen vorab –, um diese dann zu vertonen, erzählt sie. Die Songs der Luzernerin lebten aber schon immer von ihrem gläsern-gelassenen Gesang einerseits – und von ihrem Gespür für originelle Klänge: von lustigen Chörlein bis zu Streicher- und Bläser-Arrangements. Das Talent fürs Arrangieren kam auf dem zweiten Album Flowers, Birds And Home (2009) erst recht zur Geltung: Heidi Happy wickelte ihre zarten Melodien hier in überaus geschmeidige Streichersätze.

So leicht ging ihr das Arrangieren von der Hand, dass sie sich immer komplexere Klangbilder ausmalte. Angetan haben es ihr insbesondere die orchestrale Dramatik eines Ennio Morricone oder die sinfonische Dichte à la Frank Sinatra. Bei der Produktion von Hiding With The Wolves ging es nun von Anfang an um die üppige Instrumentierung und den Reichtum in den Klangfarben. Dass sich Heidi Happy zu einem orchestralen Sound erkühnte, hat auch etwas mit ihrem Elternhaus zu tun. Als Tochter einer Sopranistin wuchs sie mit klassischer Musik auf. Sie machte Hausmusik, spielte Klavier, Cello, Flöte, noch bevor sie sich als Pop-Sängerin versuchte. Und als sie in Eschenz am Untersee dann Musik komponierte und Noten für Orchester schrieb, konnte sie brauchen, was sie als Kind in ihr musikalisches Gedächtnis aufgesogen hatte. Und wenn gelegentlich technische Fragen auftauchten – zum Beispiel zum Tonumfang einzelner Instrumente –, konsultierte sie Wikipedia.

Handwerk ist das eine, Inspiration das andere. Beim Arbeiten habe sie oft auf die verschneiten Gestade des Untersees hinaus geblickt, erinnert sich Heidi Happy. Die Abendsonne verströmte einen hellroten Glast. Ab und zu trabten Pferde vorbei. Und wenn die komponierende Einsiedlerin nun in sich ging, um sich Melodien vorzustellen oder Geschichten zu erträumen, hörte sie vielleicht ja plötzlich Wölfe heulen – wie einst Schiwago in der verschneiten Datscha . . . Jedenfalls habe sie sich wie in eine andere Welt versetzt gefühlt, wie in der Wildnis, wie im Wilden Westen vielleicht. So hören sich die Songs nun tatsächlich auch etwas an – wie hübsche Depeschen aus einer Americana-Traumlandschaft, wie Tonbilder aus dem Lande unbegrenzter Möglichkeiten.

Von Folk-Songs erwartet man stets authentische Lebenserfahrung, echte Gefühle. Dabei ist Singen ja wie jede Kunst immer auch Fiktion, Rollenspiel. Wer wüsste das besser als die Sängerin, die sich Heidi Happy nennt? Das fängt schon mit der Sprache an: Sie singe selten Schweizer Mundart, gerade weil die Fremdsprache im Song die Distanz der Rolle unterstreiche. Im Markenzeichen «Heidi Happy» steckt ja ohnehin nicht nur helvetisches Understatement, sondern auch ein globales Glücksversprechen. Als Priska Zemp erfreue sie sich einer frohen Natur, findet sie. Und wenn es ihr einmal weniger gutgehe, könne sie sich als Heidi Happy wieder aufbauen.

Rockband und Orchester

Diese quasi therapeutische Wirkung spürt man auch als Zuhörer. Das ist die Qualität in Heidi Happys Musik: Ohne simpel zu klingen, ist sie im besten Sinne gefällig; und ohne harmlos zu sein, tönt sie gemütlich. Das gilt durchaus auch für «Hiding With The Wolves». Wenn hier eine gewisse Schwere im Klang steckt, liegt das einerseits an den durchwegs balladesken Tempi, andrerseits an der Orchestrierung und der Schwierigkeit, das Orchester mit einer Rockband zusammenzubringen. Das habe im Produktionsprozess einige Probleme mit sich gebracht: Als die Songs geschrieben waren – bis ins letzte Detail mussten die Orchesterstimmen fixiert sein –, ging Heidi Happy zunächst mit ihrer Band ins Studio. Die besten Takes dienten als Vorlage für das Orchester Camerata Musica Luzern. Bei den Orchesteraufnahmen hörten die Instrumentalisten die Musik der Band zuweilen über Kopfhörer; zuweilen nur der Dirigent. Jedenfalls war die Aufnahme diffizil – «es war manchmal Horror», gesteht Heidi Happy. Dennoch überzeugt «Hiding With The Wolves» in der melancholischen Grundstimmung, in der knisternden Cheminée-Intimität, die da und dort durch ironische Noten kontrastiert wird – durch überzeichnete Melodramatik, Western-Klischees und wenn etwa Pferde durch den Rhythmus zu trampeln scheinen.

Musik und Bilder

Übrigens reiste Heidi Happy zuletzt tatsächlich in den Wilden Westen: Die Aufnahmen nämlich wurden in Los Angeles gemischt und gemastert. Und hier drehte Heidi Happy, die einst in Amsterdam audiovisuelle Künste studiert hat, mit einer Freundin gleich selber auch die Videoclips, in denen sie sich als Frontier-Pionierin in Szene setzen konnte. Die Sängerin findet, sie habe ihre jetzige Rolle noch nicht ausgereizt. Sie könne sich aber vorstellen, dereinst aus ihrer Heidi-Rolle wieder hinauszuschlüpfen – um sich dann weiter ins Spannungsfeld von Musik und Bildern vorzuwagen.

Das Album

Heidi Happy: Hiding With The Wolves (Two Gentlemen [2] / Irascible).

Dieser Artikel ist erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, am 25.03.2011