Vom Spiel mit Darstellungsformaten

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Eine kleine Geschichte des Norient Netzwerks - oder: Eine kleine Vor-Geschichte auf das 4. Norient Musikfilm Festival, das vom 10.1-13.1.2013 in Bern stattfindet.

Image des 4. Norient Musikfilm Festivals 2013 – Klischee, Kitsch oder Kunst?

Wie kann man Musik mit Worten beikommen? Das fragen sich Wissenschaftlerinnen, Journalisten, Musikerinnen und Fans schon lange, und immer öfter: Heute klingt jeder Track und flimmert jeder Videoclip nach ein paar Mausklicks aus den Lautsprecherboxen und über den Bildschirm. – Warum also noch darüber schreiben? Im Idealfall ist die Musik stärker als alle Worte und macht jeden geschriebenen Satz sowieso obsolet. Im schlechteren Fall braucht die Musik den Begleittext, um wenigstens auf Bildschirm oder Papier einen Schein von Wichtigkeit oder gar Genie zu versprühen.

Norient, das Netzwerk für Lokale und Globale Sounds und Medienkultur, feiert 2012 bereits seinen 10. Geburtstag. Seit zehn Jahren suchen wir nach neuen, alten und alternativen Darstellungsformen und –formaten, mit denen wir Musik besprechen, analysieren, in den Himmel loben und vermitteln. Wir mischen Podcasts und Texte, arbeiten mit Video und Fotografie oder schaffen neue Kombinationen, wie zum Beispiel audio-visuelle Performances. Ein wichtiges Darstellungsformat bilden unsere Veranstaltungen. Heute das Norient Musikfilm Festival, gestern und morgen verschiedene Konzerte und Veranstaltungsreihen.

2005 organisierten wir (damals Michael Pfister und ich) in der damals noch jungen Turnhalle im PROGR Bern Webradio-Nächte. Einmal monatlich spielten wir live Mediensounds und Musik aus einer bestimmten geographischen Region. Wir wollten die Barbesucherinnen und -besucher mit den hypermodernen und auch alten Sounds überraschen, die im Netz etwa aus Serbien, Indien oder Südafrika zu finden waren. Beim Mexiko-Abend «zerstritten» wir uns mit dem Barpersonal, denn wir spielten zu viele mexikanische Blaskapellen – und die erinnerten offenbar zu stark an die schweizerische Blasmusik. Und der wollte man ja eigentlich entfliehen – in dieser Bar wenigstens. Wir hingegen fanden irgendwie Gefallen am Spiel mit den «Geschmacksgrenzen».

In der Dampfzentrale Bern realisierten wir 2005 in unserer Konzert-, Performance- und Diskussionsreihe «Plan-B» eine andere Balkan-Party. Für einmal sollte nicht die kultivierte Balkan-Beat-Clubmusik aus den Boxen dröhnen, die in Europa allmählich hip wurde, sondern der Balkan-Pop, der tatsächlich gespielt wird, in den Diskotheken Südosteuropas. Wir luden die Diskothek La Palma aus Lyssach ein, den Abend zu gestalten – mit eigenen DJs, eigenem Catering und den eigenen Leuten (siehe http://discopalma.ch/). Berner Kulturfreunde waren auch hier nicht nur erfreut: «Kitsch und Trash» sei das – vor dem aktuellen Trend zu Trash-Pop und vor Müslüm war so etwas noch schwer möglich in Bern.

Heute scheint uns der Umgang mit Geschmackskulturen des «Ostens» und «Südens» verspielter. In den ersten drei Ausgaben des Norient Musikfilm Festivals konnten wir die schrägsten, popigsten und experimentellsten Musikszenen und Musiker vorstellen, und das Interesse war gross. Das Musikfilm Festival, so wurde uns schnell klar, ist ideal, um neue Klänge und Themen von nah und fern einem breiten Publikum zu zeigen. Die Filme wackelten dabei manchmal gehörig! – Der renommierte Bümplizer Professor Lö Trösenbeck hat übrigens bereits fürs 1. Norient Musikfilm Festival eine Doktrin des «Norient Style Filmmaking» festgelegt und uns damit quasi handlungsunfähig gemacht:

1. Teures Equipment ist sinnlos. Im Norient begibt man sich gerne in gefährliche Situationen. Teure Mikrofone werden gerne gestohlen. Ab und zu gibt es wüste Schlägereien oder zärtliche Intimitäten, die sich mit kleinen Handycams viel besser filmen lassen, als mit schweren Schulterkameras. Und sowieso, die Sonne oder Neonlicht sind zwar manchmal giftig, dafür aber ehrlicher als Scheinwerfer.

2. Das Schreiben von Filmfördergesuchen sollte weitaus weniger Zeit in Anspruch nehmen als das Rumhängen mit potentiellen Protagonistinnen des Films. Erlaubt ist der Konsum jeglicher Drogen und Getränke sowohl beim Gesuchschreiben als auch beim Rumhängen. Spannend sind Filme aber meistens erst dann, wenn soviel Protagonistenrumhängerei statt gefunden hat, dass alles erzählt wird, auch wenn die Kamera läuft. Eine Produktion kann noch so teuer sein, Vertrauen zwischen Filmemacherinnen und Verfilmten kann nicht gekauft werden.

3. Das Filmteam ist so klein, dass es in einem Fiat Cinquecento Platz findet. Je intimer der filmische Rahmen desto spannender die Geschichten, die erzählt werden. Und ein Fiat Cinquecento bietet optimale Gelegenheit dazu.

4. Spass muss sein. Auch im globalen Chaos ist der Witz das schönste Gedicht.

Ob das bloss eine Entschuldigung für schlechtes Filmemachen war, sei jetzt mal dahingestellt. Fakt ist: Beim Norient Musikfilm Festival grenzen wir Hoch- und Subkultur, «hochsubventioniert», «selbstsubventioniert» und «selbstausgebeutet», aber auch «West», «Nord», «Süd» und «Ost» nicht voneinander ab. Zum 4. Norient Musikfilm Festival laden wir deshalb zur Queer-Rap-Party mit Big Freedia aus New Orleans, zeigen Filme zu Death Metal und Satanismus in Norwegen und zu Chalga-Pop in Bulgarien, offerieren Strobo-Gewitter aus der imaginären Republik Kadebostan, und vieles mehr. Den Schwerpunkt bilden für einmal nicht Rap und Punk aus Afrika oder Nordafrika, sondern Metal, Jazz und Improvisierte Musik.

Zitat und Promoflyer aus dem 1. Norient Buch «Out of the Absurdity of Life – Globale Musik» (Traversion)

Pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum von Norient gibt es auch das erste Norient Buch (beim Traversion Verlag). Das Buch diskutiert Zeitfragen und Trends im globalisierten Musikschaffen zwischen Europa, Afrika, Lateinamerika, Asien und den USA. In Out of the Absurdity of Life – Globale Musik hinterfragen Journalistinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Fotografen Protest und Provokation in den USA, Ghana und England. Sie tauchen ein in die schrillen Partywelten von São Paulo, zeichnen die Neuerfindung des syrischen Synthesizer-Pops nach und diskutieren das Provokationspotenzial lateinamerikanischer Kopulationstänze. Den Zugang zu dieser globalen Musik suchen wir zwischen Journalismus, Wissenschaft und Blogkultur, auf Deutsch und Englisch. Wir arbeiten mit aktuellen Forschungsmethoden (multi-sited und digital Ethnography) und binden gleichzeitig andere Repräsentationsformen ein: Platten- und CD-Cover, Fotostrecken, Konzertposter und Promobilder. Denn Musik ist mehr als Musik: Musik ist auch Inszenierung, Image und Vermarktung

Einblick in das 1. Norient Buch «Out of the Absurdity of Life – Globale Musik»

Trailer und Hintergrundinformationen zum 4. Norient Musikfilm Festival gibt es hier.


 
Author:

Dr. Thomas Burkhalter is an ethnomusicologist, music journalist, and cultural producer from Switzerland. The founder and director of Norient, he published the book Local Music Scenes and Globalization: Transnational Platforms in Beirut (Routledge) and co-edited The Arab Avant-Garde: Music, Politics, Modernity (Wesleyan University Press), Seismographic Sounds – Visions of a New World (Norient) and Out of the Absurdity of Life – Globale Musik (Norient/Traversion). He works as a researcher and project leader at the University of Basel and the University of Arts Bern (HKB), financed by the Swiss National Foundation (SNF). As the director of the Norient Musikfilm Festival, a documentary filmmaker and audio-visual performer, he places emphasis on transdisciplinary approaches between theory and practice.

See CV, publications, films and projects: Here

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