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Die Sehnsucht nach orientalischem Punk

No U Turn, Kaaiza Tin Moong, Sideeffect, Die Toten Hosen. So liest sich das Line-up einer stickig-schwülen Nikolausnacht im Kandawgyi Park in Yangon, der pop-kulturellen Hauptstadt Myanmars. Das Konzert mit dem Titel Die Toten Hosen in Myanmar – A Somewhat Different Anniversary ist die ist die spektakuläre Abschlussfeier eines Jubiläumsjahres zum Anlass von 60 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Myanmar. Veranstalter der Punk-Rock-Party ist niemand anderes als die deutsche Botschaft in Yangon. Programmatisches Ziel ist «West Meets East» / «Old Meets Young»; und in der Tat, im Konzert amalgamieren «Ost» und «West» auf zugleich denkwürdige wie fulminante Art und Weise.

Die Gitter zum Eingang der Freilichtbühne sind die materialisierten Erwartungen der Veranstalter: «Maximal 5000 Leute werden reingelassen, dann machen wir dicht». Doch auch mit Einbruch der Dunkelheit um halb sechs bleibt der übergrosse Ansturm aus. Beeindruckend ist jedoch die Präsenz deutscher Hosen-Fans, die deutlich über die Hälfte der etwa 3000 Konzertbesucher ausmachen. Aus ganz Südostasien sind deutsche Auswanderer und Südostasien-Backpacker für ein Wochenende nach Yangon gepilgert; aus Bangkok, Chiang Mai, Singapur, Kuala Lumpur oder Pnom Pehn.

Tote Hosen Fanclub JU-Bayern Ortsverband Ho Chi Minh City am 6. Dezember 2014 in Yangon – Foto: Friedlind Riedel

In den Berichten und Bildern, die das Konzert dokumentieren, liest und sieht man von diesen treuen Anhängern jedoch kaum etwas. Stattdessen schreiben Rolling Stones und Bild Zeitung, 6000 burmesische Punks seien erschienen [1] – und es ist diese deutsche Sehnsucht nach Punks in Myanmar, die vielleicht das Herzstück des «West meets East»-Konzerts ausmacht.

Neben der Überzahl deutscher Hosen-Jünger sind es vor allem neugierige junge einglobalisierte Yangoner und Yangonerinnern – «My Boss is German, he said I should go here» – oder erwartungsvolle Musiker und Musikerinnen. Unter diesen sticht die Handvoll Bilderbuch-Punks schwarz-rot-laut hervor. Bis in die Haarspitzen durchgestylt in Nieten-Kluft, mit Totenkopfapplikationen, Antifa-Buttons und roten Irokesen spielen die burmesischen Punks (alle männlich) gekonnt mit der Aufmerksamkeit des «Westens»: In Formation marschieren sie in den hinteren, leeren Teil der Freilichttribüne ein und geben ein paralleles Konzert – Head-banging zum schrägen Klang einer Miniaturgitarre, die wohl mehr als modisches Accessoire dient, denn als Musikinstrument. Die Blitze der Kameras und Strahler des Fernsehteams ZDF geben der Truppe den Rhythmus vor und begeisterte Touristen gehen für gemeinsame Selfies auf Tuchfühlung. Hier sind sie endlich, die burmesischen Punks, die vermeintlich offensichtlichen Rebellen gegen das Militärregime, junge Autonome von denen man bereits viel in deutschen Zeitungen lesen [2] konnte.

Video nicht mehr verfügbar.

Die Band No U Turn [3] nimmt den schweren Anfang, die auf die unbeleuchteten Ränge zurückgezogene Hosen-Gemeinde auf Yangon einzuspielen. Ob der geringen Resonanz irritierte deutsche Fans sammeln sich jedoch allmählich vor der Bühne um sich die unbekannten und doch irgendwie vertrauten Beats zunächst etwas unbeholfen, dann immer sicherer, einzuverleiben. Das sieht nach jeder Menge Spass und affektierter Kommunikation aus und zieht mehr und mehr Neugierige nach vorne. «Keine Ahnung wie die erste Band hiess, aber das war guter Punk» kommentiert hinterher ein Hosen-Fan.

Kaaiza Tin Moong, in Zwei-Mann-Formation mit Akustik Gitarre und Stage-Piano bietet ein Kontrastprogramm zwischen den beiden anderen Vorbands: Elaborierte Vorspiele und instrumentale Narrationen zwischen den Strophen, in Oktaven gedoppelte melodische Moll-Skalen auf dem Tasteninstrument und ein Spiel mit starken affektiven Brüchen zwischen den einzelnen musikalischen Teilen. Während das vielen der deutschen Punkrockern deutlich zu «alternativ» zu «Indie» und «irgendwie unpassend für ein Punkkonzert» ist, nimmt das Yangoner Publikum die emotionalen, langgezogenen musikalischen Phrasen mit lauten und ebenso sentimental gedehnten Zurufen auf.

Sideeffect – Foto: Friedlind Riedel

Campino – Foto: Friedlind Riedel

Sideeffect [4] brechen endlich das letzte Eis. Die Indie-Punk-Band, mit einem Sänger, der jede Menge Deutsch mit den überraschten Zuhörern spricht, schafft es, mit seiner Band musikalisch eigensinnig und doch souverän die Menge einzuheizen. Egal aus welchem politischen System man gekommen war, das Zucken in der rechten Hand auf Hüfthöhe beim vorpreschenden Gitarrensolo, das wilde Ganzkörperwackeln beim kulminieren der Songs in eingängigen Refrains, zieht sich quer durch die Menge. In der ausgelassenen Atmosphäre der prägnanten Songs sind alle «wir», Vorurteile und Verunsicherungen verwischen und lösen sich in gemeinsam gegrölten Refrains auf der Silbe «ohhhohohhooo» auf. Sideeffect ist das perfekte Vorglühen für die musikalische Hitzewelle Campino.

Dieser hat offensichtlich Burmesisch gelernt und einen beeindruckend umfangreichen Wort- und Phrasenschatz verinnerlicht, der zwar scheinbar nicht von den burmesisch sprechenden Zuhörern verstanden wird, aber immerhin eine Eindruck schindende Liebesgeste darstellt. In einem Mix aus Deutsch, Englisch und Burmesisch predigt er den Glauben an die Rebellion und die Verbrüderung in der «Fuck-you-all-Gesinnung». «Lie-Be», Silben, die in der Sprache Myanmars eine harter Kraftausdruck sind und so viel wie «Scheisse» oder «Fuck-off» bedeuten, sind dabei das Leitmotiv des Campinoschen Apells: «We do not sing about love we sing about Lie-Be!»

Tote Hosen Partygäste im Kandawgyi Park in Yangon – Foto: Friedlind Riedel

Die «Foreigner Band»

Der lokale Widerhall auf Campinos «Lie-bes»-Zurufe fällt schwach aus, nicht nur weil man es nicht versteht, sondern vielleicht auch, weil Yangoner Musiker andere Sehnsüchte und Ideale antreiben. Um das internationale Publikum nicht zu enttäuschen, waren durch die deutsche Botschaft gezielt Bands eingeladen worden, die kein sogenanntes Copy Thachin spielen, keine 1:1 abgekupferten anglo-amerikanischen, thailändischen oder japanischen Pop und Rock Songs, ein in Burma weit verbreitetes Genre, dass dem Ideal musikalischer (insbesondere melodischer) Innovation in der deutschen Popmusik zutiefst widerstrebt. Sideeffect, die kein Copy Thachin spielen, die es «geschafft haben» und schon in Deutschland oder Texas rockten, werden jedoch hier in Yangon als die «Foreigner Band» beargwöhnt, die auf NGO-Weihnachtsfeiern spielen und die einen kanadischen Manager haben. Ihre Musik klingelt in deutschen Ohren und intoniert den westlichen Traum der Rebellion gegen Unterdrückung und militante Bevormundung. Doch die ohrenscheinliche Selbstverständlichkeit, dass Punk-Rock mit politischer Rebellion gleichzusetzen sei, ist in Myanmar nicht unbedingt der (Normal-)Fall. In einer ausführlichen Ethnographie Burma‘s Pop Music Industry [5] beschreibt Heather MacLachlan etwa ein anderes Bild der populären Musikszenen Yangons, die das Narrativ der kulturimperialistischen Punk-Rocker verfehlt. Der musikalische und körperkultische Zeichendschungel der Pop- und Rockstars ist eben nicht international ein-deutig. In intensiven Gesprächen mit Musikerinnen und Akteuren der lokalen Musikindustrie wird vielmehr deutlich, dass eine gesellschaftspolitische Rebellion nicht das treibende Moment der Szenen ist [6] und dass traditionelle, oft buddhistische oder christliche Werte den Alltag der tätowierten Rockstars prägen. Warum auch nicht.

Yangon boomt. Heavy Metal- und Hardchore-Bands haben sich ihre eigenen Klangräume geschaffen. Galerien, Bars, Musiklabels, Kreativschuppen schiessen aus dem Boden. «Yangon ist Hip Hop Stadt», wird mir erklärt. Punks seien eigentlich ganz woanders, in Pyin Oo Lwin zum Beispiel. Aber warum stürzen sich Bild-, Text- und Ton-Journalisten auf die kleine Gruppe dieser vertraut klingenden und aussehenden Punks? Vielleicht weil diese den westlichen Traum von politischer Freiheit verkörpern? Vielleicht weil das übermässig fremde Land durch die Punks plötzlich so nahbar ist und mit den vermeintlich symbolträchtigen Sounds anschlussfähig für Campinos und Konsule? «Die müssen noch viel lernen, aber die sind ja schon erstaunlich gut» kommentiert «West» über «East» schweissgebadet nach der tropisch-schwülen Musikfete in mein Aufnahmegerät.

Kunsthistoriker Werner Kraus stellte in einem Vortrag im Goethe-Institut Yangon [7] die zentrale These auf, dass südostasiatische Staaten-im-Werden, oder besser im Loswerden der kolonialen Fremdherrschaft, ihre eigene Zivilisiertheit damals dadurch bewiesen (oder beweisen mussten), dass sie in eigenen Galerien eigene Kunstwerke präsentierten, die von Engländern und Franzosen als originäre «Kunst» anerkannt werden konnten und etwa keine schlechten Kopien europäischer Werke darstellten. Heute ist der rebellische Punker vielleicht auch ein solches (unfreiwilliges, freiwilliges oder bewusst inszeniertes) Ausstellungstück, das europäischen Respekt eintreibt und sich als Anerkennung international auszahlt, denn: rebellierende Minderheiten sind eben In und grosse Nummern auf World Music Festivals. Doch was ist mit den hunderten von HipHop-, Punk-, Hardchore-, Soft-Pop-oder Indie-Bands in Yangon, die nicht mit der Rückendeckung eines ausländischen Managers politische Kritik betreiben können oder wollen? Deren fehlende Wahrnehmung in westlichen Medien zeigt, wie selbsterfüllend ihre Strukturen und Prophetien sind. Das heisst nicht, dass alle Ganzkörpermusiker hier unpolitisch, konservativ oder unkritisch seien. Ganz und gar nicht. Aber die Party ist so viel mehr als eine einseitige Rebellion gegen ausgediente Normen und brutale Systeme und die Ambiguitäten sind so viel spannender als die Monotonie vergehender Diktaturen.

Im Artikel werden die Namen des Landes oder der Sprache Myanmar/myanmar und Burma/burmesisch vermischt gebraucht um die lokalen Inkohärenzen nicht durch eine ideologische Position linguistisch auszumerzen.