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Der gute Pirat

Aus der Geschichte gelernt: Der Film A Story of Sahel Sounds erzählt von einem Labelmacher aus den USA, der Musiker aus Afrika veröffentlicht und Touren organisiert – mit DIY- und Fairtrade-Ethos statt kultureller Ausbeutung.

Still aus A story of Sahel Sounds (Neopan Kollektiv, Deutschland 2016)

Meine Bekanntschaft mit dem Label Sahel Sounds [1] begann mit einem Missverständnis: Ein befreundeter Musiker erzählte mir von einer Bandcamp-Compilation mit dem verheissungsvollen Namen Music from Saharan Cellphones. Ich nahm an, es handelte sich um Musik, die mit Telefon-Software produziert wurde, was ich mir sehr reizvoll vorstellte. Tatsächlich aber fand ich heraus, dass die Musik ein breites Band zeitgenössischer Musikproduktion abdeckt: von akustischer Gitarre und Handpercussions bis zu Fruity Loops-Beats und Autotune-Stimmen, von Tamashek-Blues bis Hip-Hop.

Bei den «Cellphones» im Titel handelte es sich also nicht um das Produktionsmittel, sondern um das Vertriebsmedium. Denn in der Sahelzone, so erklärten die Linernotes, wo Internetverbindungen dünn gesät sind, ist Bluetooth das gängige Mittel zur Datenübertagung – buchstäblich «peer to peer», von Telefon zu Telefon. Mp3s verbreiten sich so über den kompletten westafrikanischen Raum. «Hartkopien» auf Tapes, CDs oder gar Vinyl existieren nicht.

Bis Christopher Kirkley, ein US-Amerikaner, den die Wanderlust nach Kidal in Mali verschlagen hatte, begann, die Songs auf seinem Telefon zu sammeln, der Spur ihrer Urheber zu folgen, und sie schliesslich via Bandcamp zu veröffentlichen: natürlich als Mp3, aber auch auf Vinyl. Dass es sich dabei um in DIY-Studios produzierte, extrem komprimierte Dateien handelte, der von Kirkley angeheuerte Mastering-Ingenieur also einer Lo-End- eine High-End-Behandlung verpasste, ist paradox. Aber es machte die dünn klingenden Titel immerhin radio-, zum Teil sogar clubtauglich.

Still aus A story of Sahel Sounds (Neopan Kollektiv, Deutschland 2016)

Cover selbst zusammenkleben

Mittlerweile hat der Ruf des Labels in der Blogosphäre Kreise gezogen, die kleinen Vinyl-Auflagen finden international immer mehr Abnehmer, der ersten Compilation folgte eine zweite sowie Platten wie Harafinso, eine entzückende Zusammenstellung von Film-Songs aus dem Norden Nigerias. Kirkley begann, mit einzelnen Künstlern neues Material zu produzieren und für die Musiker Europa-Tourneen zu organisieren. Fünf Jahre später zieht der per Crowdfunding realisierte Film A Story of Sahel Sounds des Neopan Kollektivs ein vorläufiges Resümee.

History-Lesson learned: Der Titel des Films weist darauf hin, dass hier eine mögliche Geschichte des Ein-Mann-Labels erzählt wird, nämlich die des Einen Mannes: Kirkley ist Gründer, Geschäftsführer, A&R und Produzent, kümmert sich selbst um Marketing, Vertrieb und Promotion und klebt auch die Cover selbst zusammen. Alles mehr oder weniger am wirtschaftlichen Existenzminimum, alles im Sinne eines ethischen Überbaus, auf den der Film immer wieder zurückkommt.

Aus gutem Grund, denn wer heutzutage mit westafrikanischer Musik handelt, beerbt eine Industriepraxis, die von ethnographischen Aufzeichnungen über die Vermarktung von «Race Music» und «Exotica» bis zur Scheckbuch-Praxis herkömmlicher «Weltmusik»-Unternehmungen reicht. Ausnahmen wie das Blue Note Label bestätigten die Regel, dass die Künstler bei diesen Deals stets am schlechtesten abschnitten. Kirkley gehört mit seinem Geschäftsplan zu einer jüngeren Generation, die, ob vom Punk oder vom HipHop kommend, von DIY- und Independent-Ethik ebenso geprägt ist wie vom zeitgenössischen Fairtrade-Gedanken.

Subversive Praxis

Der Film zeigt und argumentiert zugleich: Die Kamera folgt Kirkley von seiner Küche auf die staubigen Pisten Malis und Nigers, nach Frankreich und Berlin-Kreuzberg. Man sieht, welche Strecken, Hindernisse und Sprachbarrieren und historischen Ballast Kirkley zu überwinden hat, und er macht seinerseits deutlich, was er von ihnen hält, indem er versucht, sie zu überwinden. «Wenn mich das zum Piraten macht», sagt er in einer der Interviewpassagen, «dann bin ich eben einer.» Für ihn hat die Idee, seine Privilegien – Pass, Kreditkarte und Hautfarbe – zu nutzen, um afrikanische Musiker auf einen Kontinent zu holen, der sich gerade mit allen Mitteln gegen einreisende Afrikaner wehrt, etwas Subversives.

Neben diesem Schwerpunkt liegt der Fokus auf den Musikern, mit denen Kirkley in den letzten fünf Jahren zusammengearbeitet hat: Allen voran der schlaksige Gitarrist Mdou Moctar, die ungleich schüchterne Gitarristin und Sängerin Fatou Seïdi Ghadi sowie Mamman Sani und Hama, zwei Keyboarder aus zwei Generationen. Sie sind – im Gegensatz zu den selbstbewusst auftretenden Rappern auf den Compilations – eher Einzelgänger, Singer/Songwriter, Künstlertypen mit Tiefgang und kommen damit Kirkleys sanftem Wesen entgegen.

Still aus A story of Sahel Sounds (Neopan Kollektiv, Deutschland 2016)

Gebrauchsanweisung für DIY-Projekte

Aber nicht nur Mdou Moctar, der von ihnen am meisten Erfahrung und Bühnenpräsenz mitbringt, schafft es nach Europa, auch Mamman Sani präsentiert im Film seine Keyboard-Elegien einem hippen, weissen Publikum. Ganz gleich, ob bei solchen Gastspielen oder den gänzlich anders gearteten ersten musikalischen Erstkontakten und privaten Auditions (bei denen freilich in schöner Umkehrung westlicher Industriestandards eher Krikely die Musiker zu überzeugen versucht als umgekehrt), sind die den Musikern gewidmeten Sequenzen gleichsam Höhepunkte und Teil der Argumentation.

Begegnungen mit Gruppen wie Les filles de Illighadad und Takamba Niamey Denn oder die Suche nach der Gitarrenlegende Mona machen deutlich, warum dieser schüchtern und besonnen wirkende Mann das überhaupt alles macht: Weil diese Musik ihn so sehr berührt hat, dass er nicht anders konnte, als sie zu teilen.

So lässt sich der Film auch produktiv als Gebrauchsanweisung für eigene DIY-Projekte lesen. Kirkleys Erfahrung legt nahe, dass dabei am überwiegend weissen Hipster-Publikum kein Weg vorbei führt, solange die Musik nicht an globalisierte Praxen wie Hip Hop, Jazz oder House andocken kann. Das könnte wichtig werden, wenn es darum gehen soll, die eingangs erträumte, auf Smartphones programmierte Popmusik dem lokalen peer-to-peer-Markt zu entheben und auf die Weltkarte zu setzen. Was zweifellos bereits irgendwo passiert.