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Kapstadt im Festivalfieber

Seit 13 Jahren ist es am letzten März-Wochenende in Kapstadt Zeit für «Africa’s Grandest Gathering», so die Selbstbeschreibung des Cape Town International Jazz Festival [1]. Der Begriff «Jazz» wird dabei – wie fast überall in Afrika – extrem grosszügig ausgelegt. Neben «echtem» Jazz gibt es da auch R&B, Afro-Pop, diverse Spielarten von Weltmusik und Dancefloor-Taugliches wie Hiphop oder Kwaito.

Nachdem die ursprüngliche Spielstätte, das Good Hope Centre, das etwa 7’000 Menschen fasst, aus allen Nähten platzte, wechselte das Festival 2004 ins gerade eröffnete Cape Town International Convention Centre, das für 20.000 Besucher zugelassen ist. Und selbst das stößt inzwischen an seine Grenzen: Nachdem das Festival schon seit 2009 ausverkauft war, gingen in diesem Jahr bereits drei Wochen vor dem ersten Konzert die letzten Eintrittskarten über den Counter. Festival-Direktor Rashid Lombard und seine Kollegen hoffen daher auf eine zügige Umsetzung der bereits angekündigten Erweiterung des Convention Centre. Das ist als Veranstaltungsort deshalb ideal, weil es in einem einzigen Komplex fünf Bühnen Platz bietet (zwei davon Open Air). Besucher müssen so nur einmal am Eingang auf Messer oder andere Waffen untersucht werden, um die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten, angesichts von Südafrikas Kriminalitätsrate ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Das Festival ist dabei weit mehr als nur eine Serie von Konzerten. Hier trifft sich einmal im Jahr alles, was Rang und Namen in Südafrikas Musikindustrie hat, man genießt die Shows, entwickelt Ideen für neue Projekte und schließt Verträge. Auch in anderer Hinsicht hat sich Kapstadts grosses Musik-Event zu einem ökonomischen Faktor entwickelt, denn nur gut ein Drittel des Publikums kommt aus der Region. Ein weiteres Drittel reist aus anderen Teilen Südafrikas an, vor allem aus der kleinsten aber wirtschaftlich stärksten Provinz Gauteng um Johannesburg und Pretoria. Der Rest kommt aus den Nachbarländern, sowie aus anderen Teilen Afrikas und der Welt. Immerhin erklärten die Festival-Experten der Website melodytrip.com das Kapstädter Event zum viertbesten Jazzfestival der Welt – nach New Orleans, Montreal und Monterey und noch vor Kapstadts früherem Partner-Festival North Sea in Rotterdam. Zu Recht, denn nicht nur vom Programm her, sondern auch was die perfekte Organisation betrifft, könnte so manches europäisches Festival von den Südafrikanern noch einiges lernen. Die daher rührende Attaktivität des Cape Town International Jazz Festival für auswärtige Besucher schlägt sich nieder in ausgebuchten Flügen und Hotels, in den Bilanzen von Restaurants, Autovermietungen etc. Bürgermeisterin Patricia de Lille erzählt mir, dass dadurch umgerechnet etwa 50 Millionen Euro pro Jahr in die Kassen Kapstädter Unternehmen fließen.

Das eigentliche Festival findet am Freitag und Samstag statt, aber schon Tage vorher gibt es diverse Veranstaltungen im Umfeld. Zum Beispiel Kurse für Musik-Journalismus und Musik-Business, eine Foto-Ausstellung mit Musiker-Porträts (diesmal von Fotografen aus Südafrika und Angola), und am Mittwoch Abend gibt es ein siebenstündiges Open Air-Konzert auf dem Greenmarket Square mitten im Stadtzentrum für alle, die keine Festival-Karten mehr bekommen haben oder sich ohnehin keine leisten könnten.

Zum zweiten Mal schon waren Mitarbeiter der renommiertesten Jazz-Hochschule überhaupt gekommen, vom Berklee College of Music in Boston, das regelmässig Stipendien vergibt. An zwei Tagen mit Auditions konnten junge südafrikanische Musiker vorspielen und sich damit für eines der heiß begehrten Stipendien bewerben.

Von Anfang an folgte das Festival dem Grundsatz, zu gleichen Teilen einheimische und ausländische Künstler zu buchen. Und das Publikum wusste auch in diesem Jahr die Local Heroes durchaus zu schätzen. Stars wie Bassist Marcus Miller, R&B-Sänger James Ingram oder die Reggae-Veteranen der Gruppe Third World wurden zwar frenetisch bejubelt. Ebenso viel Interesse gab es z.B. aber auch für Dorothy Masuka, eine der wenigen noch aktiven Sängerinnen aus der Generation von Miriam Makeba, mit der sie über ein halbes Jahrhundert lang eng befreundet war. Dorothy Masuka ist aber nicht nur als Interpretin eine lebende Legende, sondern auch als Autorin, deren Songs im Repertoir vieler Kolleginnen und Kollegen zu finden sind. Einer davon ist Hugh Masekela. Er zelebrierte vor 10’000 Fans eine Hommage an seine Ex-Frau «Mama Africa» Miriam Makeba und hatte dazu prominente Gäste eingeladen: Thandiswa Mazwai wurde bekannt als Frontfrau der berühmten Kwaito-Band Bongo Maffin. Zolani Mahola singt in Südafrikas erfolgreichster Pop-Gruppe Freshlyground; und Vusi Mahlasela ist Südafrikas prominentester Liedermacher mit einer goldenen Stimme. Angefangen hatte er in den 1980ern als Lyriker. Im Schriftstellerverband traf er die Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, die sein musikalisches Talent erkannte, ihm eine Gitarre kaufte und Gesangsunterricht bezahlte. Auch international hat Vusi Mahlasela Karriere gemacht; sein aktuelles Album wurde in den USA von Taj Mahal produziert mit Angelique Kidjo als Gast.

Jazzpuristen kamen in Kapstadt auf ihre Kosten beim Kontrabass-Superstar Ron Carter, beim Sänger Kevin Mahogany, beim puertoricanischen Saxofonisten David Sanchez, einem musikalischen Ziehsohn von Dizzy Gillespie, mit Lionel Loueke aus Benin an der Gitarre und auch bei zwei Klavier-Trios: vom Chinesen Xia Jia und vom Kubaner Alfredo Rodriguez, der Klassiker von seiner Heimat-Insel virtuos auseinandernahm und neu zusammensetzte. Unter dem Motto «Brubecks Play Brubecks» traten drei der vier Söhne von Dave Brubeck mit Stücken des Vaters und eigenen Kompositionen auf: Am Piano Darius, der älteste, der zwei Jahrzehnte lang Musikprofessor an der Uni in Durban war, Chris an der Bassgitarre und Schlagzeuger Dan Brubeck.

Kapstadts grosse mosambikanische Musikszene war vertreten durch den Saxofonisten Moreira Chonguica und sein Afrofunk-Projekt und die Gruppe Hassan’adas des Perkussionisten John Hassan mit Afro-Latin-Sounds. Zu den interessantesten Festival-Konzerten gehörte das des weissen Pianisten Adam Glasser, dessen Vater 1959 musikalischer Direktor von «King Kong», Südafrikas erstem schwarzen Musical, war. Anfang der 1970er emigrierte die Familie nach London, wo Adam Glasser vor 20 Jahren die chromatische Mundharmonika als Zweitinstrument entdeckte. Nach Kapstadt kam er mit der ebenfalls seit Jahrzehnten in London lebenden Sängerin Pinise Saul und verschiedenen Musikern aus Johannesburg um den exzellenten Gitarristen und Arrangeur Bheki Khoza.

Fast ins Wasser gefallen wäre die für 18.30 am Samstag vorgesehene Show des angolanischen Liedermachers Gabriel Tchiema und seiner Band. Sie waren mittags mit einer Maschine aus Luanda in Johannesburg gelandet, hatten aber Probleme mit dem Anschluss-Flug und trafen erst 21.00 in Kapstadt ein. Aber wieder einmal wurde das Cape Town International Jazz Festival seinem Ruf gerecht, eines der bestorganisierten Festivals der Welt zu sein: Gabriel Tchiema konnte trotzdem auftreten, wenn auch auf einer anderen Bühne und erst 0.45.

Hatte das Kapstädter Festival in seinen ersten fünf Jahren im Rahmen einer Partnerschaft mit dem niederländischen North Sea Jazz Festival von den Kenntnisse und Fertigkeiten der europäischen Kollegen profitiert, geben Rashid Lombard und sein Team schon seit einigen Jahren ihre Erfahrungen an Festivalmacher in anderen Teilen Afrikas wieder. Kooperationen gibt es bereits mit Festivals in Mosambik, Angola, Nigeria und Botswana. Als nächstes ist ein jährliches Event in Namibia geplant.

Das Sahnehäubchen auf der südafrikanischen Festival-Torte 2012 kam für mich am Tag danach. Kapstadt litt in den letzten Jahren nicht nur unter dem Tod vieler wichtiger Musiker wie Winston «Mankunku» Ngozi, Robbie Jansen, Hotep Galeta oder Tony Schilder, sondern auch unter einem Club-Sterben, das selbst legendäre Läden wie Manenberg oder The Green Dolphin erfasste. Seit Ende Dezember 2011 aber hat die Stadt wieder einen echten Jazz-Club: The Mahogany Room in der Buitenkant Street. Gegründet nach dem Vorbild des Londoner Ronnie Scott’s vom Trompeter Lee Thompson, vom Schlagzeuger Kesivan Naidoo und dessen Cousin Lawson Naidoo, der fürs Geschäftliche zuständig ist, hat der Club zwar nur 50 Sitzplätze, bietet aber ein Programm, das in erster Linie auf künstlerische Qualität achtet. Und einen Tag nach Festival-Ende trat im Mahogany Room ein ganz besonderes Duo auf: Hugh Masekela und Larry Willis. Beide hatte sich 1961, in den ersten Tagen ihres Studiums an der Manhattan School of Music in New York kennengelernt und sind seitdem enge Freunde. Wie Hugh Masekela erzählte, ärgerte er sich damals mächtig über das Verdikt vom Jazz-Papst Leonard Feather, der mehrmals verkündete, Masekela könne gar keinen Jazz spielen. Als dieser mit Miles Davis darüber sprach, meinte der nur: «Solange er deinen Namen richtig buchstabiert, gib nichts darauf, was er sonst noch über dich schreibt!»

Vor ein paar Jahren hatte Hugh Masekela miterleben müssen, wie sein Label Chissa vom Geschäftsführer, dem er völlig vertraut hatte, unter erheblichen Verlusten vor die Wand gefahren wurde. Danach hatte er mit dem Kapitel «eigene Plattenfirma» endgültig abgeschlossen – dachte er. Denn seinem Neffen Pius Mokgokong gelang es im letzten Jahr, den Onkel umzustimmen. Die erste Veröffentlichung auf HOM (House of Masekela) ist eine 4-CD-Box «Friends» mit Jazz-Standards – immerhin ist Leonard Feather seit Jahren tot –, eingespielt von Hugh Masekela (Flügelhorn und Gesang) mit Larry Willis (Piano), der dazu 2011 mehrmals nach Südafrika kam. Und die erste Live-Show dieses Duos ging am Tag nach dem Cape Town International Jazz Festival über die Bühne vom Mahogany Room, unplugged, abgesehen von einem Gesangs-Mikrofon. In dem kleinen Raum mit der von einer Stehlampe erleuchteten Bühne herrschte fast Wohnzimmer-Atmosphäre, um so intensiver das Konzerterlebnis. Nur 50 Zuhörer statt 10.000 wie im Convention Centre, aber was für ein Abschluss dieses musikalischen Wochenendes!

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