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Poeten der Strasse

Calle 13 heisst eine der radikalsten Pop-Formationen Lateinamerikas. Mit Texten jenseits des Gringo-Mainstreams und mit grossem musikalischem Einfallsreichtum füllt die Band aus Puerto Rico die Stadien zwischen San Juan und Buenos Aires. Jetzt hat die Gruppe aus Puerto Rico ihr neues Album Entren Los Que Quieren herausgebracht.

Das Plattencover ziert ein selbst gebauter Sprengsatz, darüber ist der Schriftzug «Entren Los Que Quieren» zu lesen. «Jeder ist willkommen einzutreten, und wer nicht will, kann es lassen», sagt Eduardo José Cabra alias El Visitante schulterzuckend. Der 31-Jährige ist die eine Hälfte von Calle 13 [1], die andere bildet sein Halbbruder René Pérez alias El Residente. René ist der Mann im Rampenlicht, der Bad Boy von Calle 13.

Wütendes Plädoyer

Mit einem lauten Knall hat er die Band im September 2005 an das Pop-Firmament Puerto Ricos gerappt. «Querido FBI», verehrtes FBI, hiess der wütende Rap über einem scheppernden Beat, der die US-Ermittler für den Mord am 72-jährigen Filiberto Ojeda Ríos verantwortlich machte. Ríos war der Gründer der «Macheteros», einer Guerillagruppe, die für die Unabhängigkeit der Inselrepublik von den USA kämpfte. Er starb im Feuergefecht mit dem FBI.

Die inbrünstige Mordanklage und das wütende Plädoyer für die Unabhängigkeit waren das ins Internet gestellte Début von Calle 13. Dem folgte wenige Monate später das erste Album. Die Songs von Calle 13 kamen nun nicht nur in den einfachen Barrios, den Stadtvierteln von San Juan, an, sondern verkauften sich auch darüber hinaus wie warme Semmeln. Eine halbe Million Silberlinge gingen über die Ladentische – in einem Land mit 3,9 Millionen Einwohnern ist das keine schlechte Bilanz. Obendrein wurde die Single «Atrévete-te-te» zum karibischen Mega-Hit.

Dieser Erfolg ebnete den Halbbrüdern den Weg. Es folgten nun Konzerte in Mexiko, Argentinien oder Nicaragua. Doch der Auftritt im März in Havanna vor mehreren hunderttausend Fans auf der «Tribuna Antiimperilista» – gegenüber der amerikanischen Interessenvertretung war bisher der Höhepunkt. Auf dieser Bühne nahm Calle 13 die USA und den American Way of Live ebenso ins Visier wie auf ihrem vierten Studio-Album. Die Texte strotzen nur so vor Spitzen gegen das Establishment und gegen den Run auf US-Statussymbole. «Befrei’ dich von Klamotten, Marken, Etiketten!», rappt René Pérez in «Calma Pueblo». Er polemisiert auch gegen Polizeigewalt, ruft in «Vamo’ A Portarnos Mal» die Leute aus den Barrios zu Ungehorsam und Anarchie auf. «Wir sind anders», heisst es da. Statt gesellschaftlicher Ausgrenzung vertritt Calle 13 die Einbeziehung der Leute aus den Barrios. Das erklärt einen Teil der Popularität der Band, die die gesellschaftlichen Verhältnisse in Lateinamerika zwischen Feuerland und Ciudad Juárez aufs Korn nimmt. Solidarität mit den Zapatisten und mit den Müttern der Verschwundenen in Argentinien wie Kolumbien gehört genauso zu diesem Engagement wie die Ankündigung, das Geld, das das ungeliebte Plattenlabel den Musikern angeblich noch schuldet, in den Barrios von San Juan zu verteilen. Zuzutrauen wäre das den einfallsreichen Querdenkern. Die Halbbrüder von Calle 13 treten auch musikalisch einfallsreicher auf als die Konkurrenz. So fusionieren sie etwa Bollywood-Klänge mit Latin-Vibes, lassen Balkan-Rhythmen auf Cumbia und Salsa treffen.

Abstand zu Reggaeton

Vom Reggaeton hingegen, dem die Musikszene der Karibik derzeit dominierenden Genre, haben sie sich distanziert. Erneuerung ist eben Programm. Das hat unter anderem dazu geführt, dass Calle 13 unterdessen die grossen Bühnen mit Superstars wie Shakira teilt; überdies sind nun viele Gastmusiker bei den Aufnahmen mit von der Partie. Auf «Entren Los Que Quieren» singt etwa die peruanische Weltmusik-Diva Susana Baca mit – neben einer Handvoll anderer Latin-Stars.