- Norient - http://norient.com -

«We Don’t Care About Music Anyway…»

Samstag 15.1.2011. Japanische Multi-Instrumentalisten, Laptop-Musiker und Free-Jazzer suchen nach Verbindungen zwischen ihren experimentellen Sounds und der japanischen Konsumgesellschaft. Ein Film von Cédric Dupire, Gaspard Kuentz und Noa Garcia-Kisanuki. Im Rahmen des 2. Norient Musikfilm Festivals [1] (12-15.1.2011).

Cédric Dupire, Noa Garcia-Kisanuki und Gaspard Kuentz realisieren We don’t care about music anyway… [2] als eine Mischung aus Dokumentarfilm und Selbstinszenierung der im Film portraitierten experimentellen Musikerinnen und Musiker aus Japan: Sakamoto Hiromichi [3] (Cello), Otomo Yoshihide [4] (Gitarre, Turntables), Takehisa Ken [5] (Gitarre), Yamakawa Fuyuki [6] (Multi-Instrumentalist), Numb [7] (Laptop), Saidrum [8] (Laptop), L?K?O? (Turntables), Goth-Trad [9] (Selbstgebaute Instrumente). We don’t care about music anyway… ist in seiner Machart angelehnt an den Kultfilm «Step Across the Border» [10] über den Musiker Fred Frith, gedreht von Nicolas Humbert und Werner Penzel. Die drei Regisseure zeigen japanische Musikerinnen und Musiker, die gängige Definitionen in Frage stellen: Was ist Musik? Was darf sie sein? Oder: Wie muss Musik klingen, um als Musik wahrgenommen zu werden? Der Filmtitel We don’t care about music anyway… ist denn auch an diese Diskussionen angelehnt: Klang steht im Zentrum. Klang – oder Sound – soll in seiner endlosen und reichen Vielfalt erlebbar werden. Musik besteht aus Klängen. Klang darf alles. Klang ist alles.

Dieser starke Fokus auf den Klang ist wunderbar – und leider oft unüblich. Der Film profitiert auch von den portraitierten Musikern, die allesamt wichtige Exponenten der Musikszene in Japan sind. Sie decken einen kleinen, aber äusserst wichtigen Bereich des Musikschaffens dieses Landes ab. Sie sind international bekannt und touren weltweit in ihren jeweils spezialisierten Nischenszenen. Das sind beste Voraussetzungen für einen tollen Dokumentarfilm.

Zwei Fragen bleiben für mich allerdings offen: Vielleicht überlassen die Filmemacher den Musikern zu sehr das Feld, wenn sie sie in wiederkehrenden Sequenzen an einem runden Tisch zusammen diskutieren und philosophieren lassen. Das ist zwar ein interessanter Kunstgriff, vielleicht aber wäre die eine oder andere – durchaus auch kritische – Rückfrage gut gewesen. Die Musiker diskutieren darüber, wie Japan ist und funktioniert. Hier stellt sich für mich die eigentliche Frage: Lässt sich Japan so auf eine Einheit reduzieren? Ich bin selber als Musiker durch Japan getourt. Und aus meiner Sicht sind die Unterschiede zwischen den Städten Tokio, Osaka und Sapporo genau so gross wie zwischen Belgrad, Bern und Paris. Ist es wirklich nötig, den Mythos des ach so fremden Japan immer wieder zu bemühen – und das Land für aussenstehende Zuschauer so schwer begreifbar darzustellen? Aus meiner Sicht ist es nicht so, dass Japan nicht zu verstehen wäre. Als Ganzes allerdings ist der Film ein interessantes Ton- und Zeitdokument. Alleine schon diesen Künstlern bei ihren Klangtüfteleien zuzuhören und zuzuschauen, ist wunderbar.