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Kontroverser Troubadour

Die politischen Botschaften von K'Naan sind normalerweise jenseits von Schwarz und Weiss. Bei der FIFA-WM sah das aber anders aus. Ein Augenschein bei einem Konzert in Zürich.

K'Naan in Zürich (Fotos Thomas Burkhalter)

Aus dem somalischen Rapper K’Naan ist endgültig ein Popstar geworden. Sein Video zum Track «Waving Flag» – der Coca-Cola-Spot – flimmerte an der FIFA-WM in Südafrika Tag und Nacht weltweit über alle Medienkanäle. Das brachte ihm auch Kritik ein.

Vor der WM hatte K’Naan auf seinen Alben mit seiner zerbrechlich wirkenden Rapper-Stimme seine persönliche und kritische Sicht der Welt dargelegt. Afro-amerikanische Popkultur und traditionelle Lieder aus Somalia waren in seiner Musik organisch verwachsen. Die Videos wirkten so, als wollte K’Naan unsere Sehnerven überreizen: Da standen somalische Piraten plötzlich neben den Klischee-Piraten von Walt Disney, Löwen und Elefanten neben somalischen Kriegern und Bürgerkriegsszenen, die Beatles neben Stars der afrikanischen und afro-amerikanischen Musikgeschichte – Bob Marley oder Fela Kuti. «Das ist unsere Welt. Es ist in Ordnung, Spass zu haben» rappte K’Naan dazu und zeigte uns differenzierte und nicht widerspruchsfreie Bilder von Krieg und Armut.

Für den Fussball-WM-Mix von «Waving Flag» sind Armut und Krieg jetzt ausgeblendet und durch lachende, Fußball spielende Kinder ersetzt. Die ursprüngliche Version des Tracks (vom Album «Troubadour») wurde auf verschiedenen Ebenen angepaßt: Der Hip-Hop-Beat ist mit «afrikanischen» Trommeln ergänzt; im Background klingt neu ein «afrikanisch» anmutendes Gesangssample («Huh»); und im Songtext geht es nicht mehr um Gewalt in Somalia, sondern um den Stolz und die Lebensfreude der Menschen Afrikas. Ob Ausverkauf oder nicht: Kultureller Widerstand und Mainstream-Kultur sind heute vielleicht enger verschränkt denn je. K’Naan sucht das ganz grosse Publikum. Man wünscht sich und ihm, dass er dabei auch in Zukunft seine sonst sehr pointierten Positionen nicht vergißt.

Beim Konzert im Kaufleuten in Zürich (30.8.2010) war das so: K’Naan zeigte sich als versierter Entertainer und engagierter Künstler. «Waving Flag» spielte er nur in der alten Version. «Heute spielen wir das Stück, wie wir es wollen», sagte er dem Publikum, das immer wieder den veränderten Refrain der Coca-Cola-Hymne anstimmen wollte. K’Naan erzählte vom Krieg in Somalia und vom grossen Glück, dass er heute als Künstler die Welt bereisen könne.

Video «Waving Flag»

Die ursprüngliche Version vom Album Troubadour

Das Video für die FIFA-WM wurde übrigens multi-lokal vermarket. Für jede Region wurde ein separates Video mit jeweils einem lokalen Popstar produziert. Hier zwei Versionen.

Für die Arabische Welt singt Nancy Ajram.

Video nicht mehr verfügbar.

Für Spanien übernimmt David Bisbal den Ball.

Als Kontrast: Zwei ältere Videos von K’Naan: Somalia und T.I.A

Literatur-Tipp

Ismaiel-Wendt, Johannes; Stemmler, Susanne (2009): Barfußästhetik einer afrikanischen Diaspora: Das Körnige der Stimme K’naans. In: Hörner, Fernand; Kautny, Oliver (Hg.): Die Stimme im HipHop. Untersuchungen eines intermedialen Phänomens [1]. Bielefeld: Transcript-Verl. (Studien zur Popularmusik), S. 73–87.

Norient Querverweis

Lese zu K’Naan auch den Hintergrundtext «Weltmusik 2.0: Zwischen Spass- und Protestkultur» [2].