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Zensur als Marketingstrategie

Christiaan Virant gilt mit seinem Duo-Projekt FM3 als einer der wichtigsten Vertreter der Underground-Szene in Beijing. Im Gespräch äussert sich der Exilamerikaner, der seit zehn Jahren in China lebt, zu Kulturpolitik, Zensur und Lokalkultur im sich rasant wandelnden China.

[Thomas Burkhalter]: Im August 2008 hat die ganze Sportwelt nach Peking geblickt. Was bietet die Stadt denn popmusikalisch?
[Christiaan Virant]: Peking verändert sich rasend schnell. Das musikalische Angebot ist heute so vielseitig wie in jeder anderen Metropole in Europa oder den USA auch. Noch vor ein paar Jahren habe ich jede Underground-Band hier gekannt, unterdessen aber ist der Konzertkalender zu gross geworden. Die Vielfalt ist nicht mehr zu überblicken – man kann das Angebot aber allenfalls in offizielle und inoffizielle Strömungen unterteilen.

[TB]: Was läuft auf offizieller Seite?
[CV]: Das wäre mal die chinesische Popmusik, allen voran der Mando-Pop und der Canto-Pop aus Hongkong und Taiwan. Beide verfügen über einen so gigantischen Markt, dass sie sich um musikalische Innovation nicht zu kümmern brauchen. Ein hübsches Girl, ein hübscher Boy und ein hübscher Song reichen, um zwei, drei, bisweilen gar bis zu zwanzig Millionen CD zu verkaufen. Westliche Produzenten wollen chinesischen Pop als nächsten grossen Trend in den Westen importieren. Aber das interessiert hier niemanden. Viele meiner Freunde in der chinesischen Musikindustrie mögen sich nicht für ein Visum anstellen. Sie sind schon in China berühmt, was sollen sie sich um den Westen kümmern.

Die Subkultur

[TB]: Und was läuft in der Subkultur?
[CV]: Hier gibt es eine Fülle von Szenen und Stilen: Death Metal, Rock, Indie Rock, Punk, Elektronische Musik, Noise und Elektro-Akustische Avantgarde. Im Trend sind im Moment Sänger, die auf Gitarren oder manchmal auch auf chinesischen Instrumenten Lieder in ihren jeweiligen chinesischen Dialekten singen. Viele dieser Sänger stammen aus Provinzen in Westchina.

[TB]: Was sind die spannendsten Entwicklungen?
[CV]: Besonders spannend finde ich die Breakcore- Bewegung in Peking. Breakcore ist der neue Punkrock – wirre, radikale und ziemlich abgedrehte elektronische Beats und Sounds, nicht einfach zu goutieren. Viele Jugendliche hören und produzieren diese Musik. Einige Labels, zum Beispiel Shanshui, funktionieren völlig abseits der offiziellen Kanäle. Sie produzieren schräge Musik, gestalten T-Shirts und touren oft in Japan. Mir gefällt die Energie dieser Szene.

[TB]: Wer geht denn an diese Konzerte?
[CV]: Die chinesischen Untergrund-Musikszenen waren immer von Ausländern abhängig: Ob Punk, Rock, Heavy Metal oder elektronische Musik. In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren waren es ausländische Studenten, die ihren chinesischen Freunden westliche Kassetten vorspielten und so zur Entwicklung der Szenen beitrugen. Noch heute bedienen Rock- und Punkbands vor allem ein ausländisches Publikum. Zum Beispiel die Pekinger Girl-Punkband Hang on the Box. Ihre Konzerte werden zu sechzig Prozent von ausländischen Studenten besucht – auch wenn die Band dies bestreiten würde.

Thema Zensur

[TB]: Die Volksrepublik China sucht einen Weg zwischen wirtschaftlicher und kultureller Veränderung einerseits und politischer Stabilität andrerseits. Welche Rolle spielt in diesem Spannungsfeld die Zensur?
[CV]: Das ist keine einfache Frage. Im Westen sieht man den Sozialismus als eine monopolistische Kultur. Man denkt, da sei ein Kontrollorgan, das alles unter seiner Kontrolle habe. Kommunistische Regierungen verfügen aber über verschiedene Kontrollmechanismen: Als Zensurbehörden agiert neben dem Kulturministerium auch das Aussenministerium. Und da sind die Behörden, die Radio, TV und Printmedien überwachen. Wenn du ein Musiklabel führst, musst du dich und deine Produkte registrieren lassen, damit du deine CD in offiziell registrierten Läden verkaufen kannst. Ein Künstler soll mit seiner Kunst die Ideologien der Regierung stützen und nicht den Status Quo in Frage stellen. Punk- und andere Underground-Bands haben deshalb kaum Chancen, einen offiziellen Vertrieb zu finden.

[TB]: Was genau wird denn zensuriert?
[CV]: Jeden Tag werden von den Behörden neue Webseiten zensuriert. Einmal war die «New York Times» nicht mehr abrufbar. Dann das «Playboy»-Magazin – dafür blieb «Penthouse» online. Öffentliche Auftritte von Musikern werden indes nur sporadisch überwacht. Manchmal muss eine Band ihren Namen ändern, gelegentlich müssen Sänger vor ihren Konzerten ihre Texte an lokale Behörden abgeben. Sie tun dies, ändern die Texte auf Papier und singen dann trotzdem die Originalversion. So richtig funktioniert die Zensur nie.

Schlupflöcher

[TB]: Es gibt also Schlupflöcher?
[CV]: Das Kulturministerium kann ja nicht jede Band überwachen. Die Alternativ-Bands reichen ihre Musik erst gar nicht bei den Behörden ein, sondern nutzen alternative Kanäle. Zensuriert zu werden, ist sogar zu einer Marketingstrategie geworden. Jeder Schriftsteller und Filmemacher will sein Werk zensuriert sehen. Denn so ist ihm eine Auszeichnung im Westen schon fast gewiss. Der Westen liebt verbotene Chinafilme – ob sie nun gut oder schlecht sind. Der Filmemacher wird zum politischen Kämpfer stilisiert. Dabei arbeitet er einfach strategisch klug und kann sein Geld im Westen verdienen.

[TB]: Spüren sie im Vorfeld der Olympischen Spiele irgendwelche Veränderungen in der Musikszene, oder im Umgang mit der Szene?
[CV]: Sicherheit ist im Moment das grosse Thema. Gerade in den letzten zwei Monaten ist das Nachtleben eingeschränkt worden. Viele Restaurants, Bars und Klubs schliessen früher.

[TB]: Haben die Behörden Angst vor der Subkultur?
[CV]: Nein, nein. Diese Szene ist zu klein, als dass sie irgendeinmal die Massen erreichen würde. Es geht derzeit eher um Terrorbekämpfung. Für einige der Bands ist es im Übrigen gar nicht so schlecht, dass sie mal eine Konzertpause einlegen müssen. Denn im Gegensatz zu Bands in Berlin, die vielleicht dreimal pro Jahr in ihrer Heimatstadt spielen, spielen sie hier jede Woche im selben Klub. Jetzt finden sie endlich Zeit, richtig zu üben und ihre Musik weiterzuentwickeln.

[TB]: Klingt da so etwas wie Kritik an?
[CV]: Ich bin ein sehr kritischer Musikkonsument. Und ich habe in China bisher leider noch keine Band gehört hier, die ich als eigenständig, aufregend und wirklich überraschend bezeichnen würde. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt tolle Bands in all den verschiedenen Sparten, aber das gewisse Etwas fehlt bis jetzt. Das heisst aber nicht, dass da nicht noch etwas Neues, Originelles kommt: Alles verändert sich rasend schnell hier.

Chinesische Tradition

[TB]: In ihrem Duo Projekt FM3 arbeiten sie auch mit den Sounds chinesischer Instrumente. Interessieren sich auch die anderen Underground-Gruppen Chinas für das kulturelle Erbe Chinas?
[CV]: Die Jugend ist doch nirgends in der Welt wirklich an traditioneller, lokaler Kultur interessiert. Lokale Kultur gilt oft als konservativ, als veraltet. Und China ist nicht zwingend so, wie der Westen China sieht. China wird oft idealisiert: seine reichhaltigen Traditionen, seine Philosophie, seine Sprache. Wer geht heute in China noch in die Peking Oper? Touristen, einige ältere Chinesen und ein paar hartgesottene Fans. In den Musiker- Szenen Chinas findet man nur ganz wenige, die die Peking Oper oder traditionelle chinesische Stile in ihr Repertoire aufnehmen.

[TB]: Was für Auswirkungen könnten das derzeitige globale Interesse an China auf Ihre eigene Arbeit mit dem Duo FM3 haben?
[CV]: Für uns wird sich wohl nichts verändern. Wir arbeiten seit langem weltweit und touren sehr oft in Europa und den USA. Unsere Buddha Machine ist zu einem grossen Verkaufsschlager avanciert. Wir arbeiten im Moment in Hongkong an der zweiten Version dieser kleinen Box, aus der so wunderschöne, kurze und lange Bordun- Töne klingen. Wahrscheinlich sind wir die einzigen Underground-Musiker Chinas, die auch etwas Geld verdienen.

Zur Person

Der Amerikaner Christiaan Virant lebt seit zehn Jahren in Peking. Gemeinsam mit seinem Partner Zhang Jian gründete er 1999 das Duo FM3, das heute als eines der führenden und «chinesischsten» elektroakustischen Ensembles des Landes gilt. Das Duo formt unter Einbezug traditioneller chinesischer Instrumente minimalistische Klang- und Soundlandschaften. CDs von Christiaan Virant sind unter anderem auf dem Berner Musikernetzwerk Leerraum.ch. erhältlich.