Mit einem Musikprogramm zwischen Folklore und Swing, Tango und Punk lädt Zug zum vierten Akkordeon Festival. Auf fünf Bühnen stehen Meister aus Finnland, Weissrussland oder Argentinien – und natürlich der Innerschweiz.
Noch vor zehn Jahren wurden sie mancherorts belächelt, heute rennt man ihnen die Bude ein. Wer das Akkordeon professionell zu spielen vermag und bereit ist, diese Kunst auch weiterzugeben, sieht sich umworben von Heerscharen potenzieller Schülerinnen und Schülern. Gerade in Trendstädten wie Zürich gehört es fast zum guten Ton, Akkordeonstunden zu besuchen; ein untrügliches Zeichen dafür, dass das hierzulande lange folkloristisch genutzte Instrument Kultstatus erreicht hat.
«Die Schweizer Volksmusik hat sich entstaubt», nennt Stefan Widmer einen Aspekt dieses Akkordeon-Booms. Zudem habe das so schwere wie schwierige Instrument Eingang in Jazz- und Worldmusik-Projekte gefunden. Der Zuger Kulturveranstalter und sein Stanser Kollege Christophe Rosset haben diesen Trend frühzeitig erkannt und 2007 das Akkordeon Festival Zug lanciert. «Zug hat eine lebendige Akkordeontradition, weshalb unsere Idee sofort Anklang fand», sagt Widmer, betont aber, man setze explizit auch auf Innovation. «Wir wollen die ganze musikalische Bandbreite des Akkordeons aufzeigen.»
«Unerhört Hörenswertes»
Das in der Schweiz bisher einmalige Festival – ähnliche Veranstaltungen gibt es in Wien, Halle oder Rennes – zeichnet sich aus durch eine nicht nur attraktive, sondern auch durchdachte Programmierung. «Wir mischen internationale Grössen mit innovative Newcomern, aktueller Schweizer Volksmusik und unerhört Hörenswertem», umschreibt Stefan Widmer die Festivalrezeptur und nennt auch gleich eine seiner Favoritinnen der anstehenden Ausgabe: die Finnin Johanna Juhola, die erstmals in der Schweiz spielt – wohlgemerkt keinen schwülstigen Nordland-Tango. Den lässt sie mit ihrem Quartett Reaktori wohl in Zwischentönen anklingen, bettet ihn aber ein in östlich stolpernden Rumpelswing und elektronische Spielereien.
Auch Chango Spasiuk aus dem Stammland des Tango entlockt seinem Akkordeon andere als die erwarteten 5/4-Weisen. Aus dem Grenzgebiet von Argentinien, Paraguay und Brasilien stammend, adaptiert er den dortigen Chamamé. Diese ohnehin fröhliche Tanzmusik mit Wurzeln im Polka oder Walzer würzt er zusätzlich mit Jazz und Rock. Ein Fusionssound, der die argentinische Melancholie vergessen lässt.
In Stefan Widmers Kategorie «unerhört Hörenswertes» dürfte das Duo Gurzuf aus dem weissrussischen Minsk gehören. Akkordeonist Egor Zabelov und Drummer Artem Zalessky bringen opulente Klangkaskaden auf die Bühne, die weder Klassik noch HipHop, Folklore und Punk auslassen. Auf ganz andere Art nimmt Kepa Junkera seine Trikitixa zur Hand. Ein diatonisches Akkordeon, das beim Ziehen und Pressen jeweils anders klingt und mit dem er sich der Musik seiner baskischen Heimat annimmt. Auch Junkera mischt aber weitere Zutaten bei aus keltischer und skandinavischer Folklore, Blues und Jazz.
Haus- und Housemusik
Einen speziellen Bogenschlag macht das Quartett Folka. Die vier von Flües aus dem zugerischen Hünenberg spielen in klassischer Innerschweizer Volksmusikbesetzung und nehmen die Tradition der familiären Hausmusik auf. Doch Vater Roland wäre kein Jazzsaxer, wenn er seine Familie alte Ländler anstimmen liesse. Folka geht innovativ ans Werk und nennt das Resultat Alpin Groove Music.
A propos Tradition und Moderne: Den wunderbaren Tango Nuevo gibts in Zug dann doch noch zu hören. Das argentinisch-deutsche Quintett Tango Crash verfeinert diesen aber zum tanzbaren Clubsound nach Art des erfolgreichen Gotan Projekt. Housemusik also statt Hausmusik.
Die vierte Ausgabe des Zuger Akkordeon Festivals wird erstmals mit Gratiskonzerten auf der «Seebühne» am Landsgemeindeplatz eröffnet. Nebst Folka spielt dort Die Martha im Koffer aus Wien ihr bezaubernd-poetisches Programm für Kinder ab fünf Jahren. Festivalmacher Stefan Widmer: «Wir wollen die Akkordeonmusik unserem Publikum in unvergesslichen Konzerterlebnissen zu Gehör bringen.» Und das Eröffnungsprogramm sei gleichsam ein «Akkordeon-Amuse-Bouche».
CDs
Folka: Vollgas (Bergtöne/Phonag 2011)
Johanna Juhola: Fantasiatango (Texicalli Records 2010)
Chango Spasiuk: El Chango – very best of (2CDs Nascente / Smart Music 2010)
Kepa Junkera: Ultramarinos & Coloniales (Dro / Galileo 2011)
Tango Crash: Bailá querida (Galileo MC 2008)
Gabby Young and other animals: We’re all in this together (World Conn / Edel 2011)
Das Akkordeonfestival Zug findet vom Donnerstag 15.9 bis Sonntag 25.9 statt.
Mit dabei ist am 18.9 auch Jonas Kocher, gemeinsam mit Michel Doneda (Sopransaxophon) und Christophe Schiller (Spinett), über den norient vor kurzem einen Podcast produziert hat: “Tans pis pour les Étiquettes”










bitte schickt mir das programm 2012. danke