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Wenn aus Bomben Clubbeats werden

Der libysche Bürgerkrieg auf dem Dancefloor: Matthew Herbert hat sein neues Album aus Kriegsgeräuschen gesampelt. Ein radikales Konzept mit beklemmend schönen Momenten.

Stimmen, ein Pfiff und ein flatterndes Geräusch wie von einem Rotor. Dann detoniert die Bombe. Nur sechs Sekunden dauert die Sequenz, die der Kriegsfotograf Sebastian Meyer am 11. März 2011 aus Libyen nach London zu Matthew Herbert schickte. Er hatte das Tondokument in der Schlacht um Ras Lanuf aufgenommen, am Tag, als die Kleinstadt für zwei Wochen wieder unter die Kontrolle der Regierungstruppen geriet. Die Bombe, die man hört, kam aus einem Flugzeug aus Ghadhafis Armee.

Aus dem Tondokument ist ein Album geworden: Matthew Herbert isolierte aus der Datei einzelne Geräusche zu kurzen und kürzesten Samples und manipulierte sie dann zu den drei durchnummerierten Stücken des Albums. Im Studio waren aber auch drei weitere Musiker, welche die gesampleten Geräusche mit Gitarre und Perkussion sozusagen «coverten». Das Ergebnis heisst «The End of Silence» und dauert 53 Minuten und 16 Sekunden. Es ist der lange Nachhall einer kurzen Explosion. Und es ist nicht das, was man ein Hörvergnügen nennt, aber eine elektronische Musik, die aus ihrem radikalen Konzept auch beklemmend schöne Momente kreiert.

Die Geschichte anhalten

Schon länger arbeitet Matthew Herbert daran, den Club zur Geräuschzone umzubauen. «One One» war 2010 sein Selbstporträt, collagiert aus Sounds und Stimmen, die er vorher selber eingespielt hatte. «One Club» (2010) bestand aus Samples, die er in einer einzigen Nacht auf einem Dancefloor aufgenommen hatte, und für «One Pig» (2011) dokumentierte er das Leben eines Schweins, nahm seine Geburt und seine Schlachtung auf, ging dann in die Fleischfabrik und hörte schliesslich auch hin, als das Tier gegessen wurde.

Mit all diesen Arbeiten teilt «The End of Silence» den strikten Reality-Ansatz. Und macht dann das Gegenteil: Die drei Stücke verdichten ihr Material nicht, sie strecken es auf die mehr als 500-fache Länge. «Ich wollte die Pausentaste drücken», erklärt Matthew Herbert, «und in der stillstehenden Geschichte herumgehen.» Und weitläufig ist sie, die Exkursion durch einen kurzen Ausriss der Weltgeschichte, wie er auf den Bildschirmen jeden Tag dutzend- und hundertfach vorbeipixelt. Schwer zu sagen, wie man diese Musik hören würde, wüsste man nicht um ihren Ursprung. Sie lenkt Aufmerksamkeit und Gedanken rasch und konzentriert auf diesen einen Bombenabwurf in Libyen.

Und damit auf alles, was man darüber nicht weiss und was in den sechs Sekunden des Dokuments nicht zu hören ist. Gut möglich, dass das Album so zum Soundtrack einer Internetrecherche über die Schlacht wird, in der sich an jenem Märztag die Rebellen und die Regierungstruppen gegenüberstanden. Und doch weiss man danach nicht viel mehr, als dass Sebastian Meyer, der Fotograf, damals unverletzt geblieben ist. Wer aber sind oder waren die Menschen, deren Stimmen man hört? Wer pfiff, und kam die Warnung rechtzeitig?

Die Bombe kehrt immer wieder

Die Musik wirft also ganz konkrete Fragen auf. Das unterscheidet sie von im Grunde genommen ähnlichen musikalischen Projekten aus anderen Kriegen und Katastrophen: So wurden die «Disintegration Loops» von William Basinski zum imaginären Soundtrack der Fernsehbilder von den Terroranschlägen in New York. Der Klangkünstler hatte am 11. September 2001 daran gearbeitet, alte Magnetbänder zu digitalisieren, die sich bei der Wiedergabe aber auflösten. Die so entstandenen Aufnahmen hörte er sich dann auf dem Dach seines Hauses an, während in der Nähe die Türme zusammenkrachten.

Genauso gespenstisch hört sich «Eye Tracking Test» an: Für das Stück mass der Japaner Masaki Batoh die Hirnströme einer Bekannten, während er ihr Bilder der Erdbeben- und Atomkatastrophe von Fukushima zeigte. Am Computer wandelte er die Daten dann in Musik um. Man findet das Stück auf «Brain Pulse Music» (2012), kombiniert mit rissigen Impressionen über alte japanische Totengesänge und Gebete. Bei Basinski wie auch bei Batoh mutet die Musik wie der Versuch an, sich nach der Katastrophe wieder zu regen.

Bei Matthew Herbert aber gibt es nur ein Drinnen, kein Danach. Die Bombe kehrt wieder. Und die Kriegsgeräusche werden verdreht, verstärkt und verzerrt, man könnte auch sagen: vergewaltigt. Die Musik ist selbst da noch hart und spröd, wo sie am Rand der Stille schwelt. Jetzt, da die Geschichte angehalten hat und mehr ist als sechs Sekunden auf CNN, ist gut zu hören, dass sie voller Sinn und Irrsinn ist und auch voller Pausen davon.

Der Sound des Krieges

Als M.I.A. vor fünf Jahren für «Paper Planes» die Ladebewegung eines Gewehrs samplete und cool in ihre Beats einklickte, warf man ihr vor, Kriegs-Chic in die Hitparaden zu tragen. Und klar, man kann es auch für kitschig halten, wie Matthew Herbert in Hipster-London über fernen Kriegslärm meditiert: Herbert aber weiss, dass er dieses Risiko eingeht – und macht genau dies zu einem der Themen seiner Platte: Wie schnell und folgenlos die Weltgeschichte am Popkonsumenten vorbeizieht.

Dabei geht es aber kaum um eine Anklage eskapistischer Clubvergnügen. Als Jimi Hendrix in Woodstock die amerikanische Nationalhymne aufführte, als handle es sich um ein Flächenbombardement, da verhöhnte er auf der Stromgitarre das amerikanische Desaster in Vietnam. Sein Auftritt war aber auch eine ohrenbetäubende Rückkoppelung, in welcher der Sound des Kriegs im revolutionären Rockrausch von 1968 aufging – und umgekehrt. Als Hendrix fertig war, sah das Gelände von Woodstock tatsächlich aus wie ein Krisengebiet.

«Die Sechziger hatten so viele Verletzte hervorgebracht, ihr Krieg und ihre Musik so lange Energie aus derselben Leitung gezapft, dass sich die Vietnam- und die Rock-’n’-Roll-Veteranen nicht einmal zusammenzutun brauchten», schrieb Michael Herr, Kriegskorrespondent in Vietnam, 1978 in seinen Memoiren: «Draussen auf der Strasse konnte ich sie nicht auseinanderhalten.»

Pop im Dienst

Es war dann in den Siebzigerjahren vor allem das Kino, das in seinen Vietnamdramen nicht nur den Schrecken des Kriegs bebilderte, sondern auch die heimliche Faszination der Heimatfront für die rauschhaften, entgrenzten Sinneszustände der Kämpfer. Die Rockmusik aber wurde in den Kriegsdienst eingezogen: Einen Tag vor Beginn des zweiten Irakkriegs im März 2003 peitschten sich auf dem Flugzeugträger US Constellation die Soldaten zu «We Will Rock You» von Queen auf. Später wurden in Guantánamo die Gefangenen mit Hardrock gefoltert, und Jennifer Lopez sang auf einem US-Stützpunkt in Pakistan: «Life is meant to be big fun / You’re not hurting anyone.»

Pop ist auch ein Kriegsgeräusch. Jimi Hendrix hat es geahnt, Matthew Herbert weiss es. Der verstörendste Moment von «The End of Silence» kommt im zweiten Stück. Aus dem Fall-out der Bombe steigen minimale, fast schon coole Clubbeats auf. Und man beginnt wenn nicht zu tanzen, so doch mit dem Kopf zu nicken.

Dieser Artikel erschien erstmalig im Tagesanzeiger [2].