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Overthrust: Exotismus im Death Metal

Die botswanische Death Metal-Band Overthrust [1] tourte 2016 auf Einladung des Hamburger Kampnagel Theaters durch Deutschland. Dabei trafen sie auf offene Ohren, aber auch geschlossene Weltbilder. War es womöglich der Kunst-Kontext des Theaters, der den Exotismus-Faktor offenbarte? Eine Reflektion.

Still aus der Dockumentarfilm-Serie ṢOJU (Photo © by ṢOJU, 2016)

Metal ist ein globalisiertes Phänomen. Das heisst nicht, dass der Stil in allen Ländern gleich stark vertreten ist. Der afrikanische Kontinent ist noch ziemlich unbekannt auf der Weltkarte des Metals. Bands aus Afrika tauchen in den Konzertkalendern kaum auf. Die Death-Metal-Band Overthrust stammt aus Botswana, wo es weder Vertriebe noch Labels noch professionelle Musikzeitschriften gibt. Ihr Debütalbum haben sie selbst produziert, sie organisieren ihre eigenen Gigs. Im Mai dieses Jahres haben sie das Overthrust Winter Metal Mania Fest [2] ausgerichtet. Dort spielen nicht nur Bands aus Botswana, sondern auch aus den Nachbarnationen Südafrika und Namibia. Oft sind auch Bands aus Europa zu Gast.

Das Quartett bekennt sich zu Vorbildern aus der US-amerikanischen und skandinavischen Metal-Szene. Im Interview mit Norient [1] unterstreicht Sänger Mosaka die Bedeutung Europas für das musikalische Selbstverständnis der Band. Bandleader Tshomarelo Mosaka zufolge seien sie sehr an Konzerten ausserhalb von Botswana interessiert. Ihr Sound ist die lokale Aktualisierung von einem globalen Sound. Obwohl sich die Mitglieder in digitalisierten Bewusstseins- und Traditionsströmen bewegen, sind sie international weitgehend unbekannt. Noch.

Bruch mit üblichen Umgebung

Denn mit der Einladung nach Hamburg, wo sie im Sommer 2016 zusammen mit der Kölner Black-Metal-Band Ultha auf dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel spielten, bekamen sie erstmals internationale Aufmerksamkeit. Das Publikum jedoch, war alles andere als eine typische Metal-Crowd, sondern ein Publikum, das dem Kunst- und Theater-Kontext entstammt. War jener Bruch mit der üblichen Umgebung eine Chance, den Blick auf die Abhängigkeiten von westlichen Ohren freizugeben, und den bis heute verbreiteten Drang, Musik lokal zu fixieren, zu dekonstruieren? Immerhin werden seit dem kommerziellen Erfolg von Sepultura aus Brasilien [3] in den 1990er Jahren Bands aus nicht-euroamerikanischen Nationen als Beweis einer besonderen Vielfalt in der Metalszene angeführt.

Letzteres erfuhr die Band ausserhalb des Theaters zu Genüge. Metal aus Afrika hat in der Fachpresse ein ganz anderes Echo als eine Band aus Frankreich. So war für die meisten Medien, die über Overthrust berichteten, die Herkunft stets von größerer Bedeutung als ihre Musik. Die afrikanische Herkunft der Band wurde trotz allem Anspruch von Metal, ein globaler Stil zu sein, zum kulturellen Kapital. In der Beschreibung des Kampnagel-Konzerts heisst es: Die Reihe In/Audible Sound [4] präsentiert drei musikalische Positionen aus Äthiopien, Botswana und Südafrika und initiiert einen Austausch mit musikalischen Counterparts aus Deutschland. In/Audible zeigt, wie vermeintlich «westlich» konnotierte Musik-Stile globale Phänomene waren und sind.

Kritisch betrachtet kommen Overthrust jedoch aufgrund eines nachwirkenden Exotismus-Diskurs nach Europa. In der Selbstwahrnehmung der Band identifizieren sich Overthrust mit einem Metal-Publikum. Auf Kampnagel wurde die Band vor allem in einen Kunst-Kontext integriert. Aber eigentlich wollen die vier vor allem ihre Musik spielen. Sie integrieren keine Elemente aus einem künstlerischen oder popkulturellen Diskurs. Die Parameter stammen aus dem Death Metal.

Metal ist «theory in practice»

Und dafür ist der Kunstkontext nicht notwendig. Die Band nutzt die Einladung nach Deutschland als willkommenes Zündungsmoment für neue Kontakte. Show und Ansagen sind auf Kommunikation mit den Fans ausgerichtet. Aber der Erfolg einer Band ist nicht allein durch konstante Leistung zu erreichen. Häufig hängt es von nicht beeinflussbaren Faktoren ab. Vielleicht führt Overthrusts Einladung nach Europa zu einer unvorhergesehenen Story: im Publikum steht der A&R-Verantwortliche von einem Major-Metal-Label. Nach dem Konzert sucht er die Band auf und bietet einen Plattenvertrag an. Vielleicht findet sich in dieser hollywoodtauglichen Szene eine Möglichkeit für die Band, auch jenseits ihres lokalen Kontextes bekannter zu werden.

Oder Overthrust verzichten auf eine Aktualisierung des globalen Death-Metal-Sounds, greifen stattdessen lokale Elemente auf und generieren einen weiteren Exot. Die Frage ist, ob sie sich dadurch nicht wieder von Erwartungen der Branche und der Fans abhängig machen würden. Als könne es Death Metal aus Afrika nicht geben. Es könnte auch sein, dass das veraltete Equipment der Band in ein paar Jahren zu einem Trademark-Sound führt, der breite Fanscharen ob seines archaischen Charakters begeistert.

Das Machen, so scheint es, ist im Metal-Kontext mehr Wert als das Reden. Doing Metal ist bei Overthrust eine «theory in practice»: Death Metal klingt im Prinzip in Botswana genau so wie in USA oder Deutschland. Im Metal-Diskurs ist die Einsicht, dass Metal ein vermeintlich «westlich» konnotierter Musik-Stil sei, nicht so sehr ausschlaggebend, als vielmehr die Macht der Gelegenheit. In der Szene herrscht die Überzeugung, dass sich Qualität durchsetzen wird, egal aus welchem Land. Häufig werden dabei die externen Faktoren ausgeblendet. Die für eine Metalband fremde Umgebung im Kampnagel Theater hat jene Faktoren wieder sichtbar gemacht und gezeigt: Metal ist nicht gleich Metal.