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Neuer Schnauf in alten Falten

Marcel Oetiker ist der erste studierte Schwyzerörgeler der Schweiz. Am Festival Alpentöne in Altdorf hat er dieses Jahr seine neueste Komposition vorgestellt.

Marcel Oetiker mit seinem Nonett am Festival Alpentöne (Scriptum, Raffi Brand/Ueli Bachmann)

Manchmal wird ihm selbst klar, dass das alles etwas kompliziert ist. Dann lacht Marcel Oetiker [1]. Und sagt, das sei es auch für ihn. Und für die anderen Musiker seines Nonetts, mit dem er in Altdorf seine neueste Komposition aufgeführt hat, «sóerbaird». Aber es sei eine menschliche Reaktion, eine bestimmte Notenfolge oder einen Klang für unspielbar zu halten, meint der 33-jährige Schwyzer, das Instrument selber wisse davon nichts. Und genau darum gehe es; darum, dass die Musik im Instrument beginne. Nicht im Kopf, sondern im Schwyzerörgeli, 18erli, Standardmodell. In seiner Diplomarbeit für die Hochschule der Künste in Bern hat Oetiker die Möglichkeiten der kleinen Handorgel analysiert – und ist dabei weit über das Urchige hinaus gegangen. Aber hören wir selbst.

Marcel Oetiker bei der Klangexpedition Ton&Tal im August 2013 (siehe auch Multimedia-Reportage auf Norient) @ Kathrin Schulthess

Es klingt zunächst nicht unbedingt kompliziert. Eher streng und vielleicht etwas protestantisch, gemessen am gächen Vergnügen, das so ein Schwyzerörgeli auch bereiten kann. Die neun Musiker sitzen konzentriert hinter den Notenständern und legen eine Partitur aus, in der die Volksmusik, wenn überhaupt, in einzelnen, präzis ausgezirkelten Tonfolgen anklingt. Die ersten Zuschauer verlassen den Saal; später werden sie sagen, sie könnten mit Neuer Musik halt nichts anfangen. Aber das ist nun mal das, was diesen Musiker heute interessiert. Der konzeptionelle Zugang. Der Versuch, sein Instrument in neue Zusammenhänge zu stellen und seine Spielmuster auf Flöte, Barockgeige oder Posaune zu übertragen. In der Ländlerwelt spielt er ab und zu auch noch auf – der erste Master, den unsere Bildungslandschaft auf dem Schwyzerörgeli hervorgebracht hat. In der Freizeit, wie er sagt, an der Chilbi oder in der Beiz. «Das eine ist Arbeit, das andere Vergnügen.»

Musik statt Mythos

Marcel Oetiker stammt aus dieser Welt. Er ist in Altendorf in Ausserschwyz aufgewachsen, wo er wieder lebt. Sein Götti ist Hans Oetiker, ein bekannter Bassist der Ländlerszene. Jung spielte er auch Rockgitarre, beinharten Metal, und er wurde folglich ausgelacht, als er aufs Schwyzerörgeli wechselte. Volksmusik war damals noch nicht cool, es gab noch die Swissair, aber keine Swissness. Bis heute gefällt ihm in der Ländlermusik die Demut: «Schau sie dir an, wie sie auf der Bühne hocken und sich kaum bewegen. Aber hinter diesem stoischen, bescheidenen Spielen steckt ein unglaubliches Spezialistentum. Es klingt einfach, aber hintenrum gibts all diese genialen Verknüpfungen – fast wie bei Bach.»

Zwei Jahre lang studierte Oetiker bei Markus Flückiger, dem bekanntesten Schwyzerörgeler der neuen Volksmusik. Wo der aber mit der Hanneli-Musig oder den Hujässlern den Anschluss suchte an eine alte anarchische Zeit, bevor diese Musik reglementiert und in Stilen festgezurrt wurde, trieb es Oetiker in die andere Richtung. Er spielte bei Goldbärg, einer Combo, die Hip-Hop mit Volksmusik verband, und auf dem Album Widertäktigs trieb man die alten Weisen schon mal über einen Elfvierteltakt. «Ich kann mit der Geschichte nicht viel anfangen», sagt er, «vieles ist eine Projektion aus heutigem Blickwinkel. Ich kann musikalisch nur belegen, was ich selber erlebe. Mich interessiert die Sache, hier und jetzt.» Das Instrument, nicht seine Tradition. Die Musik, nicht der Mythos.

Marcel Oetiker bei der Klangexpedition Ton&Tal im August 2013 (siehe auch Multimedia-Reportage auf Norient) @ Kathrin Schulthess

Wind- und Blasgeräusche

Tatsächlich, wie Marcel Oetiker das kleine Örgeli ins Zentrum seiner Bemühungen stellt, das hat etwas von der Demut, die er bei den Ländlermusikern gesehen hat. Das Instrument ist nicht eingeschränkt, der Musiker ist es, und das ist es, was das alles kompliziert macht. Aber auch aufregend: Die grossartige Soloplatte, die Oetiker herausgebracht hat, zeigt, wie ausschweifend sich die Klänge und die Stimmungen des Schwyzerörgeli vor sich her treiben lassen. Diesen Stücken steckt noch das Alte in den Knochen, aber da ist auch der Einfluss der Avantgarde, der Klassik und des Freejazz – oder von Metalbands, die ihre brutale Energie aus den vertracktesten Rhythmen gewinnen.

«Mich interessiert Musik, die innovativ ist, aber trotzdem nicht mit der Tradition bricht», sagt Oetiker. «Weil ich mit dem Schwyzerörgeli neue Sachen mache, meinen die Leute immer, ich wolle sie provozieren. Aber die Revolution interessiert mich sehr viel weniger als die Evolution.» Und die ist nun mal ein kompliziertes Unterfangen, in all ihren Mutationen, von denen man erst noch sehen wird, wohin sie führen.

In seinem Trio, seinem Septett und jetzt in seinem Nonett verfolgt Marcel Oetiker seine Vision einer neuen Örgelimusik. Das verlangt nach Konzentration und ist nicht immer zum Lachen. Dann aber tun sich tatsächlich neue Welten auf. In den schönsten Sequenzen von «sóerbaird» blitzt die Volksmusik wieder auf, steigt auf aus den Wind- und Blasgeräuschen der Celesta und den alten Örgelifalten. Die Partitur verdichtet sich zu einem – extrem verlangsamten und verzogenen – Kringeln wie aus einem Ländlerstück. Die Chilbi aber, an der es spielen könnte, die ist nur geträumt. Ein Brauch, hinter dem man in surrealen Szenen her rennt.

Dieser Artikel erschien erstmalig im Tagesanzeiger [2].