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In der Hitfabrik: Roman Camenzind

Der Produzent Roman Camenzind von der Schweizer Produktionsfirma Hitmill gibt jede Idee an die Musiker und Musikerinnen weiter. Und trifft immer wieder den Geschmack der Massen. Ein Kurzbesuch in der Hitfabrik.

Produzent Roman Camenzind von der Produktionsfirma «Hitmill» (Photo © Hitmill)

«Wie schreibt man einen Nummer-Eins-Hit?» – «Weiss ich nicht», sagt Roman Camenzind. Dabei hat er es schon einige Male getan. Sechs seiner Produktionen sind auf Platz eins der schweizerischen Musikcharts gelandet – niemand sonst im Land hat das geschafft. In Turnschuhen mit integriertem Dämpfungssystem führt der Zürcher durch das Studio, das er im Jahr 1997 gegründet und Hitmill [1] getauft hat. Die Hitfabrik – das ist wörtlich zu nehmen. Hier sind Baschis «Bring en hei», «Skyline» der Bieler Pegasus und Adrian Sterns «Amerika» entstanden.

Hitmill ist eine Produktionsfirma. Sie bietet «Services» an, von «Artist Development» bis hin zur «Post Production». Hier wird nicht nur Musik für die Hitparade konzipiert, sondern auch für Radiokampagnen und Werbespots. Die Hitmill-Zentrale liegt seit 2008 an der Zürcher Quellenstrasse, in einem dicht bewohnten Quartier. Das Studio ist auf Gummipuffern gebaut, einer Art Stossdämpfer für Häuser – die ideale Voraussetzung, um Musik machen zu können, ohne Lärmklagen zu riskieren.

Fixfertig mikrofoniert

Gerade eben hat Rapper Stress seine Session im grössten der vier Aufnahmestudios beendet. Er verlässt den Raum, und Camenzind lässt eintreten. Es riecht gut. Es gibt Tageslicht. «Alles ist fixfertig mikrofoniert und eingerichtet. Die Musiker können sofort loslegen», sagt Camenzind, der 1999 mit «Titelgschicht» seiner Band Subzonic seinen ersten Hit landete.

Setzt er sich selbst ans Schlagzeug, macht er das nie für ein eigenes Projekt. Steht am Familienfest ein Piano im Wohnzimmer und er wird aufgefordert, etwas vorzuspielen, wehrt er ab. Dann, im stillen Kämmerlein, tüftelt er an eigenen Tonabfolgen, nimmt sie mit dem iPhone auf und speichert sie ab, unter Arbeitstiteln wie «Ballade 80 BPM» oder «Uplifting Song». «Alle Ideen gebe ich an meine Künstler weiter», sagt Camenzind. Er behalte nichts für sich; auf der Bühne zu stehen, das sei nicht seins. «Mit den Musikern reden, Ideen entwickeln, das kann ich am besten.»

Übergestülpt?

Als Produzent interessiere ihn, «wo die Schnittstelle zu den Leuten liegt». Also der Punkt, an dem sich die Idee des Künstlers mit dem Geschmack der Masse trifft. Roman Camenzind ist Vermittler, und er sorgt dafür, dass ein Song wie Bliggs «Rosalie» entsteht. Besteht da nicht die Gefahr, jemandem ein Konzept überzustülpen, das ihm nicht entspricht? Camenzind schüttelt entschieden den Kopf. «Wir stellen den Künstler in den Mittelpunkt. Am wichtigsten ist, dass er unser Studio happy verlässt.»

Im Sitzungszimmer beantwortet Camenzind die letzten Fragen. «Arbeiten Sie auch mit Geräuschen?» – «Habe ich auch schon gemacht.» – «Was sind produktionstechnisch Ihre ästhetischen Prinzipien?» – «Intelligente Aussagen, verständlich verpackt. Mani Matter war ein Meister darin.» «Welche Bands hören Sie am liebsten?» – «Momentan Coldplay und Muse.» – «Hören Sie auch alternative Musik?» – «Kommt mir gerade niemand in den Sinn. Wen sollte ich mir anhören?» – «PJ Harvey.» Roman Camenzind verabschiedet sich und verschwindet in seinem Büro. Kurz noch streckt er den Kopf hinaus, PJ Harvey hat er wohl bereits gegoogelt. «Haben Sie mir einen Anspieltipp?», fragt er.

Dieser Text ist erschienen in der Musikbeilage der Wochenzeitung WoZ [2] Nr. 43/2014 vom 23.10.2014, redaktionell betreut von Thomas Burkhalter und Benedikt Sartorius.