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Flamenco auf Fernreise

Auf ihrem Album Traveller steckt Anoushka Shankar [1], die britisch-indische Sitar-Spielerin und Tochter von Ravi Shankar, ihre eigene, neue Reiseroute ab zwischen klassischer indischer Musik und Flamenco. Ich gerate bei dieser Gelegenheit auch ins Grübeln über frühere musikalische Brückenschläge dieser Art.

Die Chancen auf eine glückende, bestenfalls auch beglückende musikalische Allianz stehen an sich ganz gut, wenn sich der Flamenco nach Indien begibt. Also dorthin, woher, vermutlich vor allem aus dem nordwestlich gelegenen Punjab, die Roma einst nach Europa gelangt sein sollen, um ab dem 15. Jahrhundert auch in Spanien mehr schlecht als recht Fuss zu fassen. Von jeher leitete man von diesem historischen Nexus gerne alle nur denkbaren, teils gewagten, teils evidenteren Analogien zwischen der klassischen indischen und der originär andalusischen Musik ab. In einer frühen Begegnung zwischen Ravi Shankar [2] und Paco de Lucía [3], den beiden wohl weltweit bekanntesten ihrer Zunft mit grosser gegenseitiger musikalischer Wertschätzung, da fragte der Spanier den Sitar-Spieler, ob er Ähnlichkeiten zwischen indischer und Flamenco-Musik verspürte. Dieser bejahte das nicht direkt, verwies aber auf einen sehr populären Morgenraga namens Bhairavi, an den ihn viele Flamenco-Melodien erinnerten. Auch die etwaige Nähe zwischen dem Kathak-Tanz und dem Baile ist bis heute nicht ausdiskutiert.

Seit langem begeben sich auch die Instrumentalisten und Sänger aus Indien und Spanien auf die Suche nach möglichen, neuen und alten Anknüpfungspunkten. Ausgerechnet ein spanischer Rockgitarrist, Gualberto García Pérez [4], einst Kopf der Rock-Andaluz-Pionierband Smash, entdeckte – in den USA und nicht in Indien – die Sitar für sich und für den Flamenco. Dass dieses, neben den Tablas uns wohl populärste Instrument Indiens aus Gualbertos Sicht gewissermaßen den Cante ersetzen kann, ist u.a. auf seinem und Ricardo Miños Album „Con Trastes“ (1998) zu hören.

An direkten musikalischen Annäherungen zwischen Musikern aus Spanien und Indien bzw. Pakistan mangelt es natürlich auch nicht in der Flamenco-Geschichte. Leider bleibt es dabei bisweilen eher bei Annäherungsversuchen, deren Resultat nach forcierter Fusion klingt. Die musikalischen Welten finden letztlich nicht wirklich zusammen, bleiben mit ihrem Reichtum nebeneinander stehen. Etwa so – um im Bild der nach Chemie klingenden «Fusion» zu bleiben – wie die Flüssigkeitsschichten eines mehrfarbigen Cocktails. So geschehen (aus Sicht der Kritikeri!) beim Qawwali-Jondo-Projekt des pakistanischen Sufi-Sängers Faiz Ali Faiz [5] und dreier Lichtgestalten des aktuellen Flamenco, Duquende [6], Miguel Poveda [7] und Chicuelo [8]. Nicht nur rein optisch getrennt platzierten sich die durchweg brillanten Künstler beider Länder auf der Bühne. Auch musikalisch schien der jeweilige Respekt vor der Musik des anderen so gross, dass diese weitestgehend separat zelebriert und nur zaghaft durch kleine Scharniere miteinander verbunden wurde.

Kurioser Weise sind es mitunter eher unscheinbare Produktionen im Windschatten der grossen, bei denen man mit kreativer Courage interessante, gegenseitig befruchtende Verbindungen einzugehen vermochte: so bei Amalgama (Encuentro, 1995), einer Aufnahme diverser Spanier und des renommierten Karnataka College of Percussion [9], bei dem neben etlichen namhaften Flamencos auch der mit beiden Perkussionstraditionen vertraute Xavi Turull der Band Ojos de Brujo [10] mitwirkte. Und auch die 2005 veröffentlichte Plattenproduktion „Indialucía“ [11] sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Das gleichnamige Projekt unter Federführung des polnischen Flamenco-Gitarristen Miguel Czachowski [12] vereint Musiker aus Spanien, Indien und Polen, die sich durchaus auf Augenhöhe treffen und mit Gespür und Verstand, ohne zu fremdeln in einigen Tracks eine recht gelungene, ausgewogene Melange erzielen. Nicht minder behutsam, etwas, doch auch organisch geriet die vom britisch-indischen Musiker Nitin Sawhney [13] angeregte Zusammenarbeit zwischen Pepe Habichuela, dem Geiger Chandru und dessen Bollywood Strings (Yerbagüena, 2001).

Der Flamenco-Gitarrist aus Granada ist nun auch auf Traveller dabei – als Koautor und Mitspieler in dem Stück «Boy meets girl». Javier Limón, derzeit «Hans in allen Gassen» als Produzent, so auch von Anoushka Shankars Album, hätte ihr gerade die Akkordfolge einer Granaína gezeigt, erinnert sich die Sitar-Spielerin. Da begann sie, dazu wie von selbst einen Raga (Manj Khamāj) zu spielen, dessen Melodieform, Tonart und Schlüssel genau zu jenem palo passten. «So konnten wir zwei originäre Stile kombinieren, als hätten sie immer schon zusammen gehört. Eine mir wichtige technische Erkenntnis, die aber der Zuhörer nicht wissen muss. Es geht einfach darum, dieser süssen Unterhaltung zwischen der Sitar mit ihrem sehr hohen, weiblichen Klang und der Gitarre, die quasi den männlichen Part übernimmt, zu lauschen. Daher auch der Titel des Tracks.»

Diesem intimen «Mann-Frau»-Wortwechsel folgt eine Art Seguiriya mit einem alten Text, adaptiert und intoniert von der Cantaora Sandra Carrasco [14]. Die junge, neue Hoffnung am Flamenco-Himmel, gehört wie Concha Buika (sie sowie Duquende sind ebenfalls auf der CD zu hören) zu den «Musen» in Limóns Laboratorium. Ebenfalls dort entstand das gerade veröffentlichte Debüt der 30-jährigen Frau aus Huelva, mit dem sie die letzten Wochen konzertierte, wenn sie nicht gerade mit dem Traveller-Projekt durch Europa tourte. Mit dabei auch der Perkussionist Israel Suárez „Piraña“ [15] – als Cajonero ein zentraler Schrittmacher im jüngeren Flamenco, der insbesondere live, aber auch hier und da auf Shankars CD wichtige Akzente setzt. Und ebenfalls einer der spanischen „Travellers“, zumindest auf Tour, ist der Flamenco-Gitarrist (und Carrascos Ehemann) Daniel Jiménez “Melón” [16], der mit Enrique Morente arbeitete, mit Antonio Carmona, Raimundo Amador oder Niña Pastori.

Kaum Zeit zum Verschnaufen nach einer langen Bustour aus London, Anoushka Shankars Geburtsstadt, nach Berlin, geht es für die drei mit ihren indischen Kollegen schon wieder auf die grosse Bühne im Berliner Haus der Kulturen. Zwischen Tür und Angel versichern sie mir – übermüdet lachend – dass ihnen diese musikalisch wie menschlich natürliche, angenehme Erfahrung gut bekommen ist. Die Klangwelt sei schon recht besonders, meint Sandra Carrasco und fügt hinzu, dass sie keine Zweifel hätte, dass die Wurzeln des Flamenco auch dort, in Indien lägen. Aber klar müsse man diese Verbindung nicht überstrapazieren, jede Musik hätte schliesslich ihre eigene Ausprägung. Der Flamenco ist eine weite, alte Disziplin, deren Ursprünge, ja auch die arabischen, man nicht recht ausmachen könne. Ganz ähnlich klingt es beim Mastermind dieses Projekts. Man müsse in dieser Musik – der indischen Tradition wie im Flamenco – nichts verwässern oder konzentrieren oder verändern, so Shankar, beide trügen ja schon alles in sich. Als relative Flamenco-Anfängerin wollte sie diese sehr liebgewonnene Musik mit demselben Respekt behandeln wie ihre eigene und beide auf dem Album in ihrem eigenen natürlichen Rhythmus atmen lassen.

Was sich so schön und leicht sagt, gelang der traditionsbewussten wie zeitgenössischen Sitar-Virtuosin, die von Kindheit an die Lust am musikalischen Reisen von ihrem Vater lernte, letztlich auch. Die zwölf Stücke, teils allein oder mit Javier Limón komponiert, sind gut ausbalanciert, geben genügend Raum und Möglichkeiten zu einem tieferen musikalischen Austausch, bei dem am Ende doch stets das Charisma und die Vitalität der beiden musikalisierten Lebenskulturen zu spüren ist. Die Grenzen verschwimmen, ohne das Ergebnis nebulös erscheinen zu lassen. Selbst im markanten Spiel von Anoushka, das ihr Madrider Arbeitsgefährte so beschreibt: «Wenn sie ihre eigene indische Musik spielt, klingt das in unseren Ohren wie Flamenco. Wir alle, auch Paco, sagten öfters schon zu ihr, dass das doch wirklich Flamenco und sehr gut sei, was sie da spiele. Und sie entgegnete dann stets, dass das nichts als indische Musik gewesen sei.» Und von der ihr vertrauten Tradition aus begibt sich die Anglo-Inderin kreativ und verständnisvoll gen Tanguillos, in «Inside me», dem CD-Opener, der auch ihre erste Schwangerschaft reflektiert (ihr Sohn wurde in der Endphase des Mixens geboren).

Auch Bulerías gestaltet sie von flotter Hand, etwa die «Bulería con Ricardo» im Verbund mit Pedro Ricardo Miño. Der Pianist, den Anoushka Shankar als einen ihrer ersten und wichtigsten Flamenco-Mentoren schätzt, machte bereits auf ihrem Album Rise (2005) mit in dem faszinierenden Track «Soleá» und zuvor auch gemeinsame Sache mit Vater Ravi. Eine weitere Bulería auf Traveller liegt dann gestalterisch wiederum stärker in den Händen der exzellenten indischen Mitmusiker. Ein Sänger interpretiert eine 500 Jahre alte Sufi-Poesie, abgelöst von der Sitar, die einer Flamenco-Gitarre gleich zur ungebändigten, zweiten Solostimme wird. Sie spiele ihr Instrument, dass es manchmal eher nach (weiblichem) Cante klänge als nach Toque. Die Gitarristen können noch viel von ihr lernen, so Limón, dessen Musikverständnis sich nach eigener Aussage wohl auch stark verändert hat durch diese Arbeit.

Und – last but not least – hat Spanien jetzt eine junge Cantaora, der man ruhig auch mal eine Tanpura in den Schoss legen kann. Dieses indische Saiteninstrument, das den anderen Spielern eine Art Bordun-Grundton legt, zupfte Sandra Carrasco nämlich hier und da im Konzert ein wenig. Ein Harmonielehre-Kurs der anderen Art, aus dem sie, wie sie bekundete, mit ein paar neuen Inspirationen für die eigene harmonische Arbeit hervorgeht.

Hinweis: Dieser Artikel wurde uns von ANDA [17], der Zeitschrift für Flamenco zur Verfügung gestellt.