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Rapper aus Gaza beim Konzert in Syrien

Im Gazastreifen haben inspirierte junge Musiker für ihren Freiheitskampf eine unkonventionelle Waffe gefunden. Sie tötet nicht, doch geht sie unter die Haut und in die Gehörgänge: Rap-Musik. In Syrien spielt die Band zum ersten Mal vor einem arabischen Publikum ausserhalb Gazas – in einem palästinensischen Flüchtlingslager nahe der nordsyrischen Stadt Aleppo.

«Da Arabian Revolutionary Guys» (DARG), wie sich die palästinensischen Hiphopper nennen, poltern die Holztreppe im Null-Sterne-Hotel Arab League in Aleppo runter, in verwaschenen, tief sitzenden Jeans und übergrossen T-Shirts mit dem Schriftzug ihres Bandnamens DARG TEAM [1] in Englisch und Arabisch, darüber locker das karierte Palästinensertuch: vier Sänger oder MC, wie man in der Szene sagt, zwei DJ und der Manager, alle zwischen 20 und 24 Jahre alt. Hip hop mag aus den schwarzen Ghettos der USA stammen, ist aber längst globalisiert und hat sogar den hermetisch abgeriegelten Gazastreifen erreicht. Rap funktioniert auch auf Arabisch. Dass die Guys überhaupt – mit Bewilligung der Hamas-Regierung – aus Gaza ausreisen durften, Schengen-Visa und syrische Visa erhielten, ist eine Geschichte für sich.

Nun geht’s im Minibus der UNRWA (UNO-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge) hinaus aus der Stadt Richtung Flüchtlingslager Neirab, unweit des internationalen Flughafens von Aleppo. Auch der Fahrer scheint mit seinem ruppigen Fahrstil bereits den hektisch drängenden Rhythmus des Rap zu spüren. Die Musiker nehmen es gelassen. Sie haben schon stärkere Erschütterungen erlebt.

Das Lager Neirab war 1948 mit der ersten Flüchtlingswelle aus Palästina auf dem Gelände der ehemaligen Militärbasis der französischen Besatzungssoldaten entstanden. Inzwischen ist es zu einer kleinen Stadt mit 20’000 Palästinenserinnen und Palästinensern herangewachsen, das grösste Flüchtlingslager in Syrien. Die Armut und Platznot sticht sofort ins Auge. Dicht an dicht stehen die kleinen, aneinander gebauten Häuser, Hütten und Baracken, die weder der Sommerhitze, noch der beissenden Kälte im Winter standhalten. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung kennt Palästina aus eigener Erfahrung. Die meisten sind in Neirab geboren und haben hier wieder Kinder bekommen.

Im weitläufigen Garten des Jugendzentrums führt ein Kiesweg an wild wuchernden Kletterpflanzen vorbei zum Metallgerüst einer Bühne. Dort soll das kurzfristig geplante Konzert der Rapper aus Gaza stattfinden. Die Idee dazu ist ein paar Tage zuvor entstanden, als Darg Team im Rahmen der von der Schweizer Botschaft organisierten «Schweizer Karawane» nach der Vorführung des Dokumentarfilms Aisheen. Still Alive in Gaza [2] (siehe Artikel [3] auf norient) in der Altstadt von Aleppo auftrat. Das vital gerappte «Felastin hurr – Free Palestine» elektrisierte besonders die Palästinenser im Publikum. Das sollten ihre Freunde im Neirab-Lager auch hören können. Im Gespräch nach dem Konzert einigten sie sich schnell mit den Musikern und einem UNRWA-Mitarbeiter, im Lager einen Abend mit Filmvorführung und Konzert durchzuführen. Die Genfer Autorin und Filmemacherin Beatrice Guelpa, die den Film zusammen mit Nicolas Wadimoff realisierte hatte, würde die Tour begleiten.

Auf Werbetour durch staubige Gassen

Es ist 17 Uhr, in zwei Stunden sollte die Filmvorführung beginnen, und es gibt noch viel zu tun. Während freiwillige Helfer Plastikstühle in Reihen aufstellen, die Bühne aufbauen, Verstärker und Lautsprecher montieren, ziehen die Musiker zusammen mit Beatrice Guelpa durch die engen, staubigen Gassen, um die Bewohner persönlich zum Gaza-Filmabend mit Konzert einzuladen. Für eine professionelle Ankündigung mit Plakaten und Flugblättern hat die Zeit nicht gereicht. Besonders die alten Leute sind gerührt über den Besuch aus ihrer verlorenen aber nie vergessenen Heimat. Die alte Aisha im grau-violett gemusterten Kleid und weissen Kopftuch – sie muss über 90 sein – sitzt auf einer Matte am Boden eines kleinen Raums und zieht einen der jungen Rapper an den Armen zu sich, streicht ihm mit den Händen übers Gesicht und fragt, wie es heute aussieht in Palästina. Dann beginnt sie von ihrem Dorf im Norden des heutigen Israel zu erzählen. Dort habe sie 1936 geheiratet, sagt sie und blickt zu ihrem Mann, der stumm auf einem Plastikstuhl sitzt. «Diesen Tag werde ich nie vergessen.» Über fünfzig Jahre hat sie bereits im Neirab-Flüchtlingslager verbracht, mehr als ein halbes Leben. Doch ihre Erinnerungen sind klar und deutlich, und die will sie den jungen Männern aus Gaza mitgeben. Beim Abschied sagt sie: «Kommt wieder, und bringt nächstes Mal etwas Erde aus Palästina mit.»

Als der Film mit einstündiger Verspätung beginnt, sind bereits mehr als die Hälfte der Stuhlreihen vor der Freilichtbühne besetzt. Und von hinten drängen immer mehr Menschen nach. Kleine und grössere Kinder, Mädchen in Sommerkleidern, übermütige Jungs in Jeans und bedruckten T-Shirts und Erwachsene bis ins hohe Alter, einzelne Männer mit weissem gehäkeltem Palästinenserkäppi, Frauen mit Kopftuch und ohne. Auch die UNRWA-Managerin für Nordsyrien und der Schweizer Konsul aus Aleppo geben sich die Ehre.

Sharon, der Pavian

Der Dokumentarfilm Aisheen. Still Alive in Gaza zeigt Gesichter und Geschichten aus dem Alltagsleben der Bevölkerung, wie man sie in der journalistischen Berichterstattung nie zu sehen bekommt: Eine Gruppe Jugendlicher beim Besuch im Zoo, wo sie einen immer wieder kreischend ans Käfiggitter springenden Pavian verrückt machen, indem sie ihn anfeuern: «Komm Sharon, komm!» Oder: Eine Frau, die sich beschwert, weil sie bei der Gasverteilung leer ausgegangen ist und nicht weiss, wie sie jetzt kochen soll. Und: Zwei Rapper des Darg Team, die sich in einer Live-Radio-Sendung in Gaza mit Fragen und Kritik von lokalen Hörern auseinandersetzen.

Die Musiker haben auch den Soundtrack zum Film gemacht. Doch jetzt – kaum ist das letzte Bild erloschen – springen Bassam, Antar, Mady und Sam auf die Bühne und legen los, mit einem kehligen «Ghaz-za!» Angetrieben von elektronischen Rhythmen werfen sie ihren Bericht ins Publikum: «Unsere Zeit zu sprechen ist gekommen. Danke für eure Unterstützung, aber die Realität sieht anders aus. Ghaz-za! Das Gewehr haben wir weggelegt und stattdessen das Mikrophon ergriffen. Nach 23 Tagen Krieg mit Kampfflugzeugen, Panzern und Granaten, verbrannt von Phosphorbomben. Gaza ist eine Seifenoper des Todes. Ghaz-za!» Dann ertönt aus den Lautsprechern Flugzeuglärm, das Krachen von Explosionen, anklagende Frauenstimmen. Auf der Bühne wehen zwei Palästinenserfahnen im syrischen Abendwind.

Vom Kleinkind bis zum Greis

Die älteren Leute im Publikum sitzen aufrecht auf ihren Stühlen und lauschen den ungestüm vorgetragenen Worten, als kämen sie direkt vom Propheten. Diese Musiker erzählen aus erster Hand. Mehrere Frauen haben Tränen in den Augen. Die Jungen dagegen lassen sich vom wild drängenden Rhythmus der Musik anstecken. Sie tanzen und heben ihre Mobiltelefone über die Köpfe der anderen, um einen Schnappschuss der Stars auf der Bühne einzufangen. So eine Show gibt es hier nicht alle Tage. Die Zusammensetzung des Publikums ist für ein Rapkonzert unüblich breit gefächert. Alle Generationen sind hier, vom zweijährigen Kind, das aufgeregt zwischen den Sitzreihen herumstapft, bis zu den ganz Alten, die sich auf ihre Kinder und Enkel stützen. Alle sind sie auf der Suche nach ihrer verlorenen Heimat Palästina. Alle pflegen Erinnerungen, auch wenn sie diese nur vom Hörensagen kennen. Die meisten haben dieses Land nie gesehen. Was wissen sie über den Alltag in den von Israel besetzten Gebieten, was wissen sie von der Realität heute?

«Sie haben keine Ahnung, was bei uns in Gaza abgeht», sagt Fadi, der Manager der Band, nach dem Konzert beim Tee. Aus seinen Gesprächen mit palästinensischen Flüchtlingen, die seit Generationen fern von der Heimat leben, weiss er, was für ein idealisiertes Bild sie sich machen und bewahren. Darg Team kritisiert in seinen Songs nicht nur die Gewalt durch die israelische Armee, sondern auch die Missstände im Alltag von Gaza. Durch und durch von der revolutionären Haltung des Hiphop geprägt, lehnen die Musiker jede Herrschaft ab, auch die der eigenen Führung. Doch davon war an diesem Abend nichts zu hören. «Wir haben im Neirab Camp ein moderates Programm gespielt. Die Leute hier könnten unsere Kritik an den eigenen Zuständen nicht verstehen. Wir wollen ihnen nicht ihre Hoffnungen zerstören», erklärt Fadi.

Kritik wie sie auf der CD We also have a dream – free Palestine zu hören ist, im Stück «Demaktori». Der Titel ist ein ironisches Wortspiel über Demokratie und Diktatur, eine ätzende Anklage der Hamasregierung. Das klingt so: «Nach aussen demokratisch, im Innern diktatorisch. Ein falsches Wort, und wir sind verloren. Wir haben nur zwei Optionen: erlaubt oder verboten. Unsere Regierung hat eine permanente Grippe, und wann immer sie hustet, haben wir zu leiden. Es reicht. Demaktori.»

Darg Team eckt an – sowohl bei der konservativen Bevölkerung, die den Hiphop als westlichen Import ablehnt, wie bei der Obrigkeit. Das schafft Probleme. Zwei der Musiker sind bereits im Gefängnis gesessen – nicht in einem israelischen sondern in einem palästinensischen. «Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir machen weiter», sagt Fadi. Mit ihren selbstbewusst vorgetragenen Songs vermitteln die Musiker eine Stärke, die den bewaffneten Kampf und das Märtyrertum hinter sich lässt. Im Namen der Revolutionary Guys steckt das arabische Wort ‚Darg’ für Treppe. Und so gehen diese Rapper vor- und aufwärts, Schritt für Schritt, langsam aber unbeirrbar. Mikrophon statt Gewehr? Revolutionär.

Hintergrund: Palästina-Flüchtlinge in Syrien

Die Palästina-Flüchtlinge in Syrien sind der syrischen Bevölkerung rechtlich fast gleich gestellt. Im Gegensatz zu ihren Landsleuten in Libanon dürfen Palästinenser in Syrien ihren Wohnort frei wählen, Wohnungen oder Häuser kaufen und alle Berufe ausüben. Nur die syrische Nationalität bleibt ihnen verwehrt. Sie erhalten von der UNRWA eine Identitätskarte (ID) als Palästina-Flüchtlinge. In Syrien bestehen 12 palästinensische Flüchtlingslager, die vom UNO-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge UNRWA (United Nations Relief and Works Agency) betreut werden. Neirab, 13 Kilometer nördlich von Aleppo gelegen, ist das grösste Lager. Auf einem halben Quadratkilometer leben fast 20’000 Personen. Gemäss UNRWA-Statistik machen die 26- bis 45-jährigen den grössten Anteil an der Bevölkerung aus. Hauptprobleme in Neirab sind Armut, Arbeitslosigkeit und Drogenabhängigkeit.

Der Text erschien erstmals am 5. November 2010 im online-Magazin Neuland [4]