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Neues aus dem Paradies

Die Brasilianerin Cibelle ist ein Hippie-Kind mit Modelmassen und macht Musik zwischen schrillem Kitsch und linder Melancholie.

Die Paradiesvögel zwitschern, die Grillen zirpen, eine Orgel spielt eine liebliche Melodie. So beginnt die neue CD der brasilianischen Sängerin Cibelle, die sich auch gleich aus dem tropischen Setting zu Wort meldet. Sie heisst den Hörer im Las Venus Resort Palace Hotel willkommen, einer post-apokalyptischen Oase mitten im Paradies, und stellt die beste Show des Universums in Aussicht. Das ist die Ausgangslage für die musikalischen Abenteuer, die da folgen, auf diesem sonderbaren und doch ziemlich entzückenden Konzept-Tonwerk, auf dem die virtuelle Bauchtanztruppe mit der lasziven Cocktailbarsängerin über die Urwaldbühne turnt und wo der rockende Mambo-Wildfang mit der schwerblütigen Piano-Balladensängerin um die Wette schmachtet.

Ist von brasilianischer Musik die Rede, sind die gängigen Klischees schnell zur Hand: Die Idee der brechstangenfröhlichen Trommel- und Trillerpfeifenmusik im Verbund mit Boa-Federn und wackelndem Sitzspeck hat sich in den Köpfen der Ersten Welt festgesetzt. Cibelle tut so ziemlich alles, um diese Vorstellung der brasilianischen Kultur zu boykottieren. Fröhlich ist auch ihre Musik, doch es ist eine psychedelisch verdrehte Form der Fröhlichkeit, ein merkwürdig überkoloriertes Zerrbild der geläufigen Idee von südamerikanischem Lebensgefühl. Dahin gehende Vorstösse gab es in Brasilien schon öfter. Etwa in den späten Sechzigerjahren, als eine Kunst- und Musik-Avantgarde – die sogenannte Tropicalismo-Bewegung – ihr kulturelles Erbe mit verdrogter Hippiemusik verquickte. Helden dieser Szene wie Os Mutantes oder Ney Matogrosso sind bis heute aktiv geblieben, Musiker wie Beck, David Byrne, Devendra Banhart und sogar der selige Kurt Cobain gaben an, vom Freigeist des Tropicalismo beeinflusst worden zu sein.

Bewegte Vita, bewegende Stimme

Cibelle, die Tropicalismo-Seconda, dockt mit ihrem Konzeptalbum «Las Venus Resort Palace Hotel» (Crammed) in der Musikgegenwart wie in der Vorvergangenheit an, schüttelt die Rumbakugel mal zu aufbrausendem Surf-Rock, mal zu verträumtem Folk oder brasilianischem Pop, sie scheut weder den Kitsch noch den schrillen Witz und schafft es dennoch, aufreizende Musik zu bewerkstelligen. Die zwischen London und ihrer Heimatstadt São Paulo pendelnde Brasilianerin ist eine Frau mit bewegter Vergangenheit und bewegender Stimme; ein bisschen Hippie-Kind, ein bisschen Model-Schönheit und allem voran eine Musikerin mit einem grossen, wenn auch etwas zerzausten Plan im Kopf.

Dabei begann die Karriere der Cibelle Cavalli denkbar ungünstig. Sie war ein schickes Mädchen, nahm Schauspiel- und Gesangsunterricht, jammte ab und zu auf einer offenen Bühne in São Paulo, aber in der patriarchalischen brasilianischen Musikwelt interessierte sich niemand ernsthaft für ihre Fähigkeiten. Bis ein Zugereister sie singen hörte und unverzüglich ins Studio orderte. Der Mann nannte sich Suba, ein Austauschstudent aus Novi Sad, der gerade im Begriff war, die brasilianische Musik zu revolutionieren. Die beiden verkrochen im Studio, heraus kam das Album «São Paulo Confessions», bis heute ein Standardwerk elektronischer brasilianischer Musik. Ein Album, das von einem modernen, irritierenden, aber jederzeit anmutigen Brasilien erzählt. Und genau nach dieser Musik hatte Cibelle seit Jahren gesucht.

Szenenapplaus von der Folk-Sippe

Während Suba noch schnell das Erstlingswerk einer gewissen Bebel Gilberto einspielte, nahm Cibelle jeden Model- und Reklame-Job an, den sie kriegen konnte, mutwillig in Kauf nehmend, dass ihr Gesicht danach in der Branche dermassen verbraucht sein würde, dass sie ihre Karriere gleich aufgeben konnte. Egal, denn Cibelle und Suba planten etwas viel Grösseres. Auf eine ausgedehnte Tournee sollte es gehen, an einem neuen Album wollte man arbeiten – bis am 2. November 1999 im Studio von Suba ein Brand ausbrach und der Mann dabei ums Leben kam. Cibelle verlor auf einen Schlag ihren grössten Förderer, ihren Model-Job und ihren besten Freund – und sie gewann die Erkenntnis, dass das Leben mehr bereithält als Peace, Love und Honigkuchen. Cibelle machte weiter. Ihr Debüt-Album «Cibelle» verzauberte mit zart perlendem Elektro-Bossa, das Nachfolgewerk «The Shine of Dried Electric Leaves» war die Frucht ausgiebiger Jam-Sessions mit Hippie-Freunden aus aller Welt. Dafür bekam sie vornehmlich von der Neo-Folk-Sippe Szenenapplaus, Devendra Banhart besuchte sie öfters im Studio, sein Produzent hat nun fürs aktuelle Werk den Studio-Job übernommen. Nach Bern reist Cibelle ohne Hippie-Begleitung, dafür mit einem Korb voller Instrumente, einer Loopmaschine und jeder Menge guter Ideen, ihr Publikum zu bezirzen.

Dieser Text ist zuerst erschienen im Berner Bund [1].