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Berns singende Vielfalt

Vom braven «Lehrergesangsverein» über den traditionsliebenden «Corale Ticinese di Berna» bis zur frechen Schwulen-Gesangstruppe «Schwubs»: seit über 150 Jahren schliessen sich unterschiedlichste Bernerinnen und Berner zum gemeinsamen Singen zusammen. Anlässlich des 150. Geburtstags des Oratorienchors wird nun die klingende Geschichte und Gegenwart der fast 100 Stadtberner Chöre in der Ausstellung «150 Jahre Chorleben in Bern» kartografiert. Die Schautafeln und Hörstationen in der Berner Dreifaltigkeitskirche zeigen eindrücklich, dass die Freizeitbeschäftigung «Chorsingen» keineswegs altbacken ist.

Collage mit den Namen der Berner Chöre [1’45]
aus der Klassiksendung «Ostinato» auf RaBe [1] 95.6 Mhz vom 16.3.2012

Singen macht glücklich, hält jung und gesund – so tönt es in den Mottos der fast 100 Stadtberner Chöre heute. Rund 200 Jahre früher formulierte die «Musikalische Gesellschaft Bern», dass durch das «Studium der vorzüglichsten Gesangstükke der musikalische Geschmack […] geläutert, berichtiget und veredelt» werde. Diese Bekenntnisse an das gemeinsame Singen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung «150 Jahre Chorleben in Bern». Bei der Recherche strahlte der Kuratorin Cristina Urchueguìa [2], Assistenzprofessorin am Berner Institut für Musikwissenschaft, die ungebrochene Begeisterung der ChorsängerInnen immer wieder entgegen: «Das Singen im Chor ist beständiger Teil ihres Lebens und zugleich eine Art von sozialem Engagement, das die Stadt Bern stark prägt.»

Musik und Geselligkeit

Wie sich ernsthaftes Engagement und pure Singfreude paaren, lässt sich in der Ausstellung auch akustisch nachspüren. An einer Hörstation erklingen 2 1/2 Stunden Berner Chorgesang – der Ohrenschmaus reicht vom südafrikanischen Lied «Thulasizwe» des Hebammenchores Midwife crisis [3] über «Aus der Traube in die Tonne» des Postmännerchores Bern bis zu Auszügen der Uraufführung von Mahmoud Turkmanis Musiktheater «L’orient n’existe pas [4]» des Unichors [5].

Die Reise durch die Chorgeschichte begleiten vier Schautafeln, in der Zahlen, Fakten und Anekdoten anschaulich aufgearbeitet sind. Ans Licht geholt wurden die Archivschätze von Studierenden und Mitarbeitenden des Berner Instituts für Musikwissenschaft. «Es war eine spannende Arbeit» erzählt die Co-Kuratorin Edith Keller [6], «wie eine Wundertüte, denn man stösst auf völlig unerwartete Quellen. Wenn man die Briefe in der alten Handschrift liest, werden die Singbegeisterten von damals wieder lebendig. Man hört und sieht sie singen, reisen und feiern.»

© Männerchor des Eisenbahner: circa 1925

Vom Privaten ins Öffentliche

Das Singen, Reisen und Feiern verband sich besonders in den Männerchören, bei denen der anschliessende Biertrunk so manchem Mitglied zu beruflichem Erfolg verhalf – «networking» zu Zeiten der Schweizer Staatsgründung. Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft begann das Berner Chorwesen aufzublühen. Doch warum erst so spät? Die baskische Musikwissenschaftlerin Cristina Urchueguìa erklärt: «Das hat mit der spezifischen Musikgeschichte der Schweiz zu tun, in der es lange Zeit Musikverbote im Gottesdienst und im öffentlichen Raum gab.» Die Reformatoren Zwingli und Calvin galten als wenig musikfreundlich und so bewegte sich das kollektive Musizieren erst ab Ende des 18. Jahrhunderts aus den privaten Kreisen hinaus in die Öffentlichkeit.

Seismograph der Gesellschaft

Ende des 19. Jahrhunderts kamen Quartier- und Arbeiterchöre hinzu. Die gebündelten Stimmen waren fortan aus dem kulturellen Leben der Hauptstadt nicht mehr wegzudenken. Wie die Ausstellung eindrücklich dokumentiert, erklangen sie bei jedem wichtigen Anlass von der Einweihung des Kulturcasinos bis zum Universitätsjubiläum. Das Berner Chorleben ist daher alles andere als trockene Vereinsgeschichte: Cristina Urchueguìa nennt es einen «Seismographen der gesellschaftlichen Entwicklung».

Der Corale Ticinese di Berna © Corale Ticinese di Berna

Im 20. Jahrhundert traten Schallplatte, Radio und Film mit dem Chorsingen in Konkurrenz. Auch verschoben sich die Gründe für den Zusammenschluss im Zeichen der Musik: Im Arbeiter Frauenchor Bümpliz [7] brachten (ergänzend zu den Arbeiter-Männerchören) ab 1918 auch Frauen ihre politischen Ideale zum Ausdruck, während sich 1929 im Zuge der Schweizer Binnenmigration singfreudige Tessiner zur «Unione ticinese Berna» vereinigten. Eine Art klingende Gewerkschaft war der 1909 gegründete Lehrgesangsverein – ein halbes Jahrhundert vor der Einführung des Frauenwahlrechtes zelebrierte dieser gemischte Chor die Gleichberechtigung.

Der Lehrergesangsverein im Rüttihubelbad 1923

Umdenken in den Achtzigern

Heute heisst der Lehrgesangsverein Konzertchor Pro Arte [8]. Cristina Urchueguìa erkennt in der Entscheidung zur Umbenennung 1987 den Zeitgeist: «Der Chor wurde gegründet, um Lehrern und Lehrinnen ein Freizeitangebot zu machen. Das war irgendwann nicht mehr nötig, so dass sich der Chor mit neuem Namen von seiner Tradition lossagte». Auch andere Berner Chöre reformierten sich in den achtziger Jahren, selbst wenn sie noch junge Pflänzchen waren: Die 1973 in Bümpliz aus den Kreisen der Stadtberner Jungsozialisten gegründete Politkabarett-Gruppe Linggi Schnure [9] drohte bereits 1981 auseinander zu fallen – die politische Arbeit durch das Singen selbstkomponierter Dialektlieder und traditioneller Arbeiterlieder brauchte mehr organisatorische Struktur.

Die "Linggi Schnure" 1986

Singen wie einst und je

Das Bedürfnis, sich in Chorfamilien zusammenzufinden, ist heute keineswegs geringer geworden und spiegelt die Vielfalt der Gegenwart wider. So ist die Gründung des Schwubs [10] (Schwule Berner Sänger) ein Markstein der schwul-lesbischen Bürgerrechtsbewegung. Auch die Globalisierung bereichert das Berner Chorleben, so dass asiatische und lateinamerikanische Lieder mittlerweile ebenfalls zum Berner Chorrepertoire gehören. «Heute wird mehr denn je gesungen», lautet Cristina Urchueguìas Fazit nach dem Projekt, «um Nachwuchs braucht man sich also nicht zu sorgen».

Der Frauenchor der Berner Reitschule 2009


Die Schwubs (Schwule Berner Sänger) mit ihrem Programm «Ja, ich will» 2009 im Berner Schlachthaus


Jodlerklub Maiglöggli beim Wettkonzert anlässlich des 45. Bernisch Kantonalen Jodlerfests 2009 in Gstaad


Die Berner Singstudenten unter der Leitung von Andreas Marti singen das Renaissance-Trinklied «Tourdion» von Pierre Attaignant.

Dieser Artikel ist in einer kürzeren Version in der Berner Zeitung [11] vom 8. März 2012 erschienen.

Die Klassiksendung «Ostinato» auf Radio RaBe [12] vom 16.03.2012 hatte die Chorausstellung zum Thema (ganze Sendung hier [13]):