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Danke, dass ich den Krieg noch einmal hören darf

Drei Uhr in der früh. Der Sternenhimmel dröhnt, vibriert. Es ist, als würde er über mir zusammenbrechen. Irgendwo da oben im Dunkeln fliegen israelische Kriegsflugzeuge. Wo genau? Keine Ahnung. Links? Rechts? Irgendwo. Aber ich höre sie kommen, und wegfliegen. Ich höre mit jeder Pore. Immer und immer wieder durchbrechen sie die Schallmauer: Zuerst eine Mark erschütternde Detonation, dann knallt es drei, vier Mal. Erleichterung, wenn diese Explosionen endlich stoppen, Angst davor, dass es wieder kracht.

Nach gut anderthalb Stunden ist endlich Ruhe; die Flugzeuge sind abgezogen. Nur das übliche Surren der elektrischen Drähte und Transformatoren ist noch zu hören. Und mitten in diesem Surren plötzlich ein gigantischer Knall. Dumpf. Tief. Mit enormem Nachhall von den Bergen. Abgefeuert von einem israelischen Kriegsschiff, das irgendwo draußen auf dem Meer liegt, nehme ich an. Meine Partnerin und ich eilen zum Fernseher – Südbeirut ist getroffen, sagt CNN. Wir werden Libanon verlassen, über die Nordgrenze, entscheiden wir spontan. In Syrien werden wir abwarten, bis dieser Krieg vorbei ist, dann zurückkehren. Ich sollte jetzt auf die Terrasse raus und diese Nacht mit meinem MP3-Rekorder aufnehmen, dokumentieren. Doch ich wage nicht, schaulustig zu sein. Es soll nicht meine letzte Aufnahme sein, denke ich, plötzlich abergläubisch geworden. Seit Monaten sammle ich nun schon Musik, Geräusche und politische Reden aus dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990). Ich interviewe Musikerinnen und Musiker, die im Bürgerkrieg geboren wurden, und untersuche, wie die Hörerinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend ihr heutiges musikalisches Schaffen prägen. Diese Aufnahme aber lasse ich sausen.

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen. Vögel zwitschern. Es ist, als hätten sie die Flugzeuge verdrängt. Allein die gigantische, schwarze Rauchfahne am Horizont zeugt davon, dass Krieg ist. Im Taxi fahren wir an die libanesische Nordgrenze. Immer wieder schaue ich zum Meer hin, habe Angst, dass da draussen irgendwo ein Kriegsschiff liegt und mit einem riesigen Knall die Strasse wegbombt – die Strasse nach Damaskus wurde gestern zerstört; will Israel das Land komplett zuschliessen? Jedes Geräusch lässt mich hochfahren. Das wird noch zwei Tage lang so sein. Die Ohren sind sensibler als sonst. «Ist Krieg gutes Hörtraining?», habe ich einen Musiker noch vor ein paar Tagen gefragt, nachdem er mir mit leuchtenden Augen eifrig erzählt hatte, wie er als Kind jeden Flugzeugtyp, jede Bombe, jede Rakete, jedes Kaliber allein vom Sound her hatte benennen können. Er habe genau gewusst, ob von ihm weg oder auf ihn zu gefeuert wurde. «Machte es ziiisssssch, so flog die Bombe genau auf dein Haus zu und du musstest schleunigst an einen sicheren Ort.»

Die syrischen Beamten an der Grenze sind ausgesprochen freundlich. Aber sie haben alle Zeit der Welt. Eine Freundin aus Holland wird hier in ein paar Tagen vier lange Stunden auf ihr Visum warten. Wir sind früh dran, zum Glück. Nach einer Stunde fahren wir weiter, ins syrische Küstenstädtchen Tartus, wo wir bald auch ankommen. Wir sind erschöpft, traurig, wütend. Das Rauschen des Meeres hier, das Palaver in den Männercafés, das «Welcome»; der Buben und Mädchen, alles stört mich. Schon bald sitzen wir im Internet-Café – wie fast immer in den nächsten Tagen.

Mazen Kerbaj [1] hat einen Web-Blog aufgeschaltet: mazenkerblog.blogspot.com [2]. «Danke, dass ich den Krieg noch einmal hören darf», schreibt er zynisch. Kerbaj wurde 1975 geboren, mit dem libanesischen Bürgerkrieg. Er sei nostalgisch nach jener Zeit, sagte er mir in Interviews: «Jeder sehnt sich zurück nach seiner Kindheit, und meine Kindheit spielte sich nun mal im Krieg ab. Ich kannte nichts anderes.» Kerbaj ist heute Pionier der frei improvisierten Musik in Beirut. Bekannt ist er zudem für seine Comics und Karikaturen – auf seinem Blog liefert er jetzt Kostproben seiner Kunst im Stundentakt. Eben spielte er noch mit seiner Trompete in Europa, auch in der Schweiz. In diesen Tagen hätte er eigentlich in die USA fliegen sollen, was wohl nicht klappen wird – der Flughafen ist kaputt gebombt. Kerbaj’s Soloauftritte mit der Trompete haben mich immer wieder beeindruckt. Kerbaj nutzt alle möglichen Spieltechniken: Er spielt mit und ohne Mundstück, manchmal bläst er durch einen langen Schlauch, den er sich um den Bauch schlingt, oft nimmt er dabei seine Trompete senkrecht zwischen die Beine, legt Blechdosen auf den Trichter und variiert zwischen Blas-, Saug- und perkussiven Geräuschen. Auf seiner Solo CD «brt vrt zrt krt t» hören wir seine Trompete zischen, grunzen, gurgeln, in höchsten und tiefsten Lagen, oft mehrstimmig, rhythmisch immer präzis. Der Trompetensound im Stück «Tagadagadaga» erinnert an die Salven eines Maschinengewehres. In «Taga of Daga» rattern die Rotoren eines Hubschraubers, scheint es. Es war der befreundete österreichische Trompeter Franz Hautzinger, der Kerbaj auf die Ähnlichkeiten zwischen seinen Sounds und Kriegsmaschinen aufmerksam gemacht hatte. Seither grübelt Kerbaj darüber nach, wie denn die Kriegssounds aus seiner Kindheit mit seiner heutigen Musik zusammenhängen. Früher habe er gegen die libanesische High Society, gegen Konservatorium und klassische Trompetenschule, rebellieren wollen, jetzt merke er, dass es nicht nur dieses Abgrenzen war, dass ihn zu John Coltrane, Evan Parker, zu Peter Brötzmanns Album «Machine Gun – Automatic Gun for Fast and Continuous Firing» und zu anderen Musikern des Free Jazz und der frei improvisierten Musik hingezogen hatte. «Wahrscheinlich imitiere ich auf meiner Trompete die Geräusche aus meiner Kindheit. Ich habe zudem eine spezielle Beziehung zu Stille. Stille ist zwar ein Synonym für Frieden, aber Stille war immer auch bedrohlich: Ein Warten auf den nächsten Bombenhagel.» Wie genau die Beziehung zwischen seinen Erinnerungen und seiner heutigen Musik beschaffen ist, das konnten weder Kerbaj noch ich erklären. Ich werde wohl ein paar Bücher zu Soundpsychologie lesen, dachte ich noch.

Der Fernseher im Internet-Café zeigt das Ausmass der Katastrophe: Ein zerbombtes Wohnhaus, mitten in der Stadt. Ein gigantischer Krater, mitten in der Strassenkreuzung. Und immer wieder die gigantischen Rauchwolken über dem Flughafen. Ich lese Online-News: BBC, Reuters, den libanesischen Daily Star, die israelische Zeitung Haaretz. Neben mir spielt ein Junge Karate-Spiele auf dem Computer. Ich halte diese schrillen, hohen Frequenzen kaum aus. Via Internet-Telefon erreiche ich Rana Eid. «Ich will schlafen, Kaffee trinken, sterben, Haschisch rauch, Musik hören, …» hat sie vor zwei Jahren auf ihrer CD rezitiert, eine Art Monolog mit Geräuschen aus Beirut. Jetzt klingt sie aufgelöst, beinahe hysterisch. Eid vertont fast alle wichtigen libanesischen Filme – es werden immer mehr, hätte ich vorgestern noch geschrieben. Als der Himmel während der israelischen Invasion 1982 vibrierte und Bomben auf Westbeirut fielen, da hat sich Eid als Kind jeweils einen Walkman über die Ohren gestülpt und Musik gehört: Die majestätischen Ornamentierungen der ägyptischen Diva Umm Kulthum, die besänftigenden Lieder der Libanesin Fairuz, und die politisierten Musiktheater ihres Sohnes Ziad Rahbani. Eids Vater war Kommunist. Grosse, bärtige, ungepflegte Männer seien jeweils in der Wohnstube gesessen und hätten mit lauten Stimmen heftig diskutiert, erinnert sie sich. Zuerst hätte sie Angst gehabt, dann sei sie mehr und mehr in die Welt ihres Vaters eingetaucht und hätte die politischen Lieder von Marcel Khalife, Ahmad Kabour und Khaled el Haber auswendig gelernt. Nach dem Krieg wollte sie keine Musik mehr hören. Während ihres Studiums an der Uni aber begann sie mit Freunden, Bekannten und Fremden über Kriegserinnerungen zu sprechen. Sie nahm die Gespräche auf. «Mich fasziniert, wie Spannung und Lage einer Stimme wechseln, wenn ein Mensch erzählt», erklärte sie in einem Interview. Später begann Eid, die Geräusche ihrer Stadt aufzunehmen – Geräusche, an die ich jetzt auch zurückdenke: Fussgänger, die dem Taxifahrer zurufen, wohin sie fahren wollen. Mal bestimmt und laut, mal zögernd, schüchtern: «Achrafieh!», «Basta», «Mathaf», «Tabaris!». Das spezielle Quietschen der Reifen auf dem Beiruter Asphalt, das so anders klingt als bei uns. Hupgeräusche aus allen Richtungen – in Beirut fährst du mit den Ohren, hat Mazen Kerbaj einmal gesagt. Stotternde Mercedes-Motoren, die ihre besten Tage vor zwanzig Jahren hatten, als sie noch Schweizer Strassen befuhren. Das Surren der vielen elektrischen Drähte, das mich in den ersten Tagen in Beirut nicht Einschlafen liess. Das Klingen der Kirchenglocken, der Ruf des Muezzins zum Gebet. Das Hämmern und Bohren aus dem rasant wachsenden Stadtzentrum, das die halbe Stadt überzieht. Und vieles mehr. Eid wollte Sound-Archiv ihrer Stadt aufbauen, daraus sei allerdings leider nie was geworden. Bald arbeitete Eid immer erfolgreicher als Sound-Designerin für Film und Video. Sie gab Workshops für die Sound-Software «Pro Tools». Das Ohr sei ihr wichtiges Organ, sagte sie einmal. Mit ihrer Arbeit versuche sie langsam die Wunden des Krieges zu heilen. «Ich weiss nicht, wie ich dieses Toben am Himmel aushalten soll», sagt sie jetzt am Telefon: «Alle Erinnerungen kommen zurück. Ich will weg hier und will gleichzeitig bleiben. Da ist meine Familie. Ich weiss nicht, was ich tun soll.»

Der Fernseher wurde inzwischen auf «Al Manar» umgeschaltet, den Hizbullah Sender. Nasrallah erklärt Israel den Krieg. Wie kann er das, frage ich mich. Ist er selbstzerstörerisch? Oder kümmert er sich kein bisschen um seine Heimat? Auf seine Rede folgen Videoclips. Laute, schrecklich pompöse Musik. Auf jeden Schlag zeigt der Clip einen Bombeneinschlag. Hizbullah-Krieger laden ihre Kanonen, die so unberechenbar nach Nordisrael hinein fliegen – ganz im Gegensatz zu den israelischen Raketen, die genau treffen, aber selten das richtige Ziel. Frauen mit Kopftüchern verwerfen ihre Hände über dem Kopf und schreien ihren Schmerz über den Verlust eines Nahestehenden in die Welt hinaus. Ein kräftiger, arabischer Chor preist die Stärke und Tapferkeit der Krieger und singt von Land und Boden. Am Ende des Clips schwenkt die Kamera auf den Felsendom in Jerusalem, das ultimative Ziel. «Uns geht es gut, wir sind in unserer Wohnung in den Bergen. Hier ist es sicher. Wir sehen uns bald», schreibt Cynthia Zaven – sie macht Soundinstallationen – per SMS. Vor dem Café zieht eine Schar jugendlicher Syrer vorbei: «Hizbullah, Nasrallah, Bashar al-Assad!», skandieren sie.

Ich denke an Raed Yassin [3]. Letzte Woche habe ich einen ganz Tag lang mit ihm diskutiert und Musik ausgetauscht. In seinem dreiundzwanzig Minuten langen Werk «Featuring Hind Rostan» hat er Musik, politische Reden, Kriegsgeräusche, Werbespots, Radio-Jingles und Fernsehmelodien aus dem libanesischen Bürgerkrieg zu einer eindringenden Soundcollage verpackt. Hörerinnerungen, die viele Libanesinnen und Libanesen aus ihrem Gedächtnis streichen wollten, die aber noch immer sehr nah sind. Es sei sehr schwierig gewesen, diese Archivaufnahmen überhaupt zu bekommen, erzählte Yassin. «Auch die Radio- und Fernsehstationen mögen nicht in jene Zeit zurückschauen.» Im Stück hören wir die christlichen Milizenführer Samir Geagea und Bachir Gemayel reden, manchmal unterbrochen durch den letztes Jahr ermordeten Kommunisten-Führer Georges Hawi oder den Clan-Leader der Drusen, Walid Jumblatt. Dazwischen immer wieder Fetzen von Funk, Jazzrock, Synthesizer Pop, die damals in Beirut gespielt wurden – trotz Krieg: Discos und Clubs florierten in jener Zeit; die Partygemeinde wollte tanzen, wollte vergessen. Werbespots von verschiedenen Radiostationen bereichern die Collage. Sie stehen in absurdem Kontrast zum Alltag, in dem die libanesischen Krieger und Zivilisten in jener Zeit lebten: «Ich habe selten Zeit, herumzusitzen», sagt eine amerikanische Stimme, «und ich habe selten Zeit für eine richtige Mahlzeit. Darum esse ich Snickers. Ohne Snickers geht’s nicht.»

Es soll während des Bürgerkriegs rund zweihundert Radiostationen gegeben haben. Jede Gemeinschaft, jede Miliz hatte ihren eigenen Sender, der laufend informierte, wer welche strategischen Schritte gemacht hatte, wer getötet worden war, welche Strasse gerade befahrbar war und welche nicht. Nach dem Krieg wurde das Fernsehen wichtiger. Wenn ich jetzt, inzwischen im Hotelzimmer, durch «Future TV», «LBC», «Télé Liban», «NBN» und andere libanesische und arabische Sender zappe, finde ich denselben Mix, den ich in «Featuring Hind Rostan» gehört habe. Schlechte Popvideos, schlechte Seifenopern und immer wieder Krieg. Einfach alles dreissig Jahre später.

«Hi Tom, wir haben wieder ein Blutbad hier», schreibt Gharo Gdanian von der Death Metall Band Weeping Willow [4] per SMS: «Ich bin zuhause und dresche wütend auf meine Gitarre ein. Hoffe auf bessere Zeiten.» Noch heute träume er manchmal vom Krieg. Er schaue Horrorfilme, Happyends möge er nicht, hat Gdanian vor einer Woche erzählt: «Meine Musik spielt auf der dunklen Seite des Lebens, der Song Remains of a Bloodbath handelt von Beiruts wüster Vergangenheit. Ich habe in meinem Leben einiges gesehen.»

Weeping Willow ist – oder war? – der extreme, laute Flügel einer aufstrebenden, subkulturellen Musikszene in Beirut. Am anderen Ende der Skala war vielleicht Ziyad Sahhab. Mit ihm habe ich eben noch das Stück «Ma ana bahibb ar-Rawwaq» analysiert. Eine arabische Oud, ein arabischer Qanoun, eine Geige, Gitarre und E-Bass spielen diese so wunderbar verzierte und doch behutsam sich entwickelnde Melodie. Sahhab singt über sie hinweg mit seiner tiefen, Leonard Cohen Stimme, dass er aus Fehlern lernen und sich in Ruhe weiterentwickeln möchte. Sahhab versucht, seinen persönlichen künstlerischen Weg zu finden. Wie viele Musiker hier: Zeid Hamdan mit seinen Trip-Hop Gruppe Soap Kills [5] und seiner Post-Rock Band «The New Government [6]»; Hayaf Yassine mit seiner selbstgebauten Santur, auf der er alte arabische Musik spielt; Rayess Bek [7], der davon rappt, dass sich die verschiedenen Religionsgemeinschaften in Libanon noch immer voller Misstrauen begegnen; die Pianistin Joelle Khoury [8], die immer wieder internationale Komponisten und Musiker zu Workshops einlud und vor zwei Wochen mit einem Orchester aus klassischen Musikern, Free Jazzern und Jazzern Kompositionen von John Cage spielte. Nach dem Konzert war sie überglücklich und meinte, dies seien die seltenen Momente, für die es sich gelohnt habe, so lange zu kämpfen. Alle diese Musiker – und einige mehr – gründeten eigene CD-Labels, vernetzten sich international und entschieden sich dafür, in Libanon zu bleiben und etwas aufzubauen. Sie waren in guter Gesellschaft. Die Zivilgesellschaft wurde grösser, unabhängige Medienplattformen wie indymedia Beirut, die Schwulen- und Lesben NGO Helem, Naturschutzorganisationen und viele mehr sprachen Tabus und neue Themen an. Sie wollten Schritt für Schritt vorwärts gehen, glaubten aber nicht mehr an die grossen politischen Fragen. Zwar beteiligten sich an den Massendemonstrationen, die im letzten Frühjahr zur Bildung einer neuen Regierung führten, aber sie trauten den Politikern nicht, die bereits im Krieg dirigiert hatten und sich in letzter Zeit versöhnlich zeigten. Den National Dialogue, der in den letzten Monaten immer wieder alle politischen Clan-Führer des Landes – inklusive Nasrallah – an einen Tisch geführt hatte, empfanden viele als Theater. Es scheint, sie hatten Recht. Liefen die Reformen zu langsam? Wird Libanon jetzt dafür bestraft? Oder wäre dieser Krieg ohnehin nicht zu verhindern gewesen?

Diese aktive Szene ereichte immer breitere Bevölkerungsschichten. Sie war drauf und dran, dieses Land zu verändern. Der eher düstere intellektuelle Film «A Perfect Day» von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige etwa wurde in den Multiplex-Kinos der grossen Beiruter Shopping Malls gezeigt, im Herzen also der libanesischen Konsumwelt, die vielen Intellektuellen und Künstler so auf die Nerven geht. «Mit extremem Konsum verdrängen die Libanesinnen und Libanesen die Erinnerungen an den Bürgerkrieg», schreibt Samir Khalaf, Soziologe und Professor an der Amerikanischen Universität Beirut. Die jungen Künstler haben dieses und andere Tabuthemen immer öfter angesprochen. Sie haben es geschafft, damit erste Brücken zur breiteren Bevölkerung zu schlagen. Diese Brücken – wie auch jene aus Stein – sind nun erst einmal brutal kaputt gebombt worden.

Waren all die Aufbaubestrebungen für die Katz? Ich ärgere mich über die Weltgemeinschaft, die redet und redet, und nichts tut. Und wenn, dann das Falsche!? Humanitäre Hilfe nach Libanon, gleichzeitig Waffen nach Israel. Inzwischen sind wir in Amman. Im books@café, dem lokalen Szenetreff, finden wir Zeid Hamdan. Er habe in Beirut ein Benefizkonzert organisiert, sagt er. Und jetzt sei er hier, um arbeiten zu können. Übermüdet sieht er aus. Demnächst spiele er mit «The New Government» in Kairo: «Wir müssen Geld sammeln, für die über 500’000 Vertriebenen». Auch Mazen Kerbaj arbeitet ununterbrochen. Er hat auf «Kriegsmusik» umgestellt und improvisiert auf seiner Trompete zu den Sounds der Bomben – die israelischen Piloten nennt er Soundkünstler. Immer und immer wieder trifft er sich mit Raed Yassine und Sharif Sehnaoui. Wie soll es nur weitergehen, mit der freien Impro Szene Beirut?

Wir ziehen noch diese Woche nach Damaskus weiter, entscheiden wir. Zurück in Richtung Libanon. Der Schlüssel zu unserer Beiruter Wohnung steckt noch in unserem Koffer; wir hoffen noch immer, dass wir ihn bald wieder rausnehmen können.

Dieser Artikel ist in der Wochenzeitung Die Zeit erschienen
Fotos Thomas Burkhalter