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VON ANGOLA ÜBER PORTUGAL IN DIE WELT

Kuduro: Ein Stil aus Angola setzt sich durch

Eine neue Musik macht die Runde. Sie nennt sich Kuduro, stammt aus Angola und hat in Wirklichkeit bereits eine lange Geschichte. Das Buraka Som Sistema aus Lissabon schickt sich nun an, den Kuduro zu modernisieren.

Es herrscht Business as usual im Club in der Nähe des Cais do Sodre, einem der Ausgehknotenpunkte von Lissabon: Der DJ spielt Orishas, Sean Paul und 50 Cent, und die vornehmlich dunkelhäutige Klientel trinkt alkoholische Süssgetränke aus schmalen Gläsern, übt sich im Flirten und im Kleingespräch.

Auf einmal ertönt eine Sirene, und das vertraute Hitparaden-Programm wird von einem harschen Beat aus einem preisgünstigen Rhythmuscomputer gestört. Das Stroboskop wird eingeschaltet, das Publikum jubelt, lässt Flirtpartner und Drink stehen, stürzt auf den Tanzboden und beginnt sich wild zum kantigen, afrikanisch anmutenden Takt zu verrenken. Dieser wird von einem zornigen portugiesischen Sprechgesang akzentuiert, zuweilen zirpt ein Synthesizer – mehr braucht es nicht, um den kollektiven Taumel auszulösen. Wir schreiben das Jahr 2001, und die Musik, die bereits damals zum Fundus jeder portugiesischen Disco zählte, nennt sich Kuduro.

Hartes Gesäss

Angeschwemmt wurde der Kuduro aus Angola, wo irgendwann in den späten Neunzigerjahren damit begonnen wurde, übers Internet aufgeschnappte House-Tracks mit afrikanischen Beats aus dem Drum-Computer zu unterlegen. Bald wurde ein wilder Tanz dazu erfunden, und weil dieser – vornehmlich für die Gesässmuskulatur – derart anstrengend war, nannte man den Stil Kuduro, was gemeinhin mit «hard ass» übersetzt wird.

Es dauerte nicht lange, bis sich diese eigentümliche Musik in den lusitanischen Agglomerationen verbreitete. Etwa eine halbe Million Ausländer leben in Portugal, die meisten davon stammen aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien Afrikas, die erst nach der Nelkenrevolution Mitte der Siebzigerjahre in die Unabhängigkeit entlassen wurden. Neben den Einwanderern von den Kapverdischen Inseln bilden die Angolaner die zweitgrösste afrikanische Gemeinde in Portugal. Doch während die Kapverder wie auch die Brasilianer ein ungetrübtes Verhältnis zu ihrer Heimat pflegen, was sich im Hochhalten der eigenen Folklore in ihrer neuen Heimat niederschlägt, ist die Lage der Angolaner in Portugal eine weit komplexere. Nach der Unabhängigkeit ihres Landes brach in Angola ein Bürgerkrieg aus, der dem Land 26 Jahre lang Tod und Verwüstung bescherte. Heimatgefühle kennen die meist in schlecht beleumundeten Vororten Lissabons lebenden Angolaner keine, sie fühlen sich weder ihrem ungeliebten Exil noch ihrem Geburtsland zugehörig. Doch so sehr diese Entwurzelung den Alltag der Angolaner verkompliziert, ist er der beste Nährboden für den Kuduro, diese Musik der Jugend, die zwischen zwei Welten gefallen ist. Im Kuduro treffen raue, zuweilen fast primitiv anmutende Elektrorhythmen auf repetitive Sprechgesänge, wie man sie in ähnlicher Form auch in der afrikanischen Folklore findet. Kuduro ist eine Kollision der Kulturen; Hi-Tech trifft auf Archaisches, der Furor der Dritten Welt vermengt sich mit den radikalsten Spielformen europäischer Clubmusik zu einer wuchtigen ernsten Tanzmusik, weit weg von der tropischen Feierlichkeit von Ragga und Reggaeton.

Das neue grosse Ding

Bis vor Kurzem wurde der Kuduro ausserhalb von Angola und Lissabon kaum wahrgenommen. Und heute soll er das «neue grosse heisse Ding» sein, so jedenfalls tönt es derzeit aus London. Grund dafür ist die Debut-CD «Black Diamond» der Gruppe Buraka Som Sistema aus Lissabon. Spricht man mit Rui Pité, einem der Gründer der vierköpfigen Band, so ist das Staunen über diesen plötzlichen Hype spürbar: «Wir haben irgendwann unsere Tracks auf Myspace gestellt, bald darauf meldete sich der DJ und Produzent Diplo und informierte uns über seine Absicht, unsere Musik in der Welt zu verbreiten.»

Die Mannen und Frauen von Buraka Som Sistema sind Kuduro-Spätzünder, doch ihre Karriere geht im Sauseschritt voran: 2006 wurde das Kollektiv gegründet, dessen Mitglieder sich teils schon seit der Schulzeit kennen. Ein Jahr später eroberte es mit der Single «Yah» die portugiesischen Charts, 2008 wird das Som Sistema an den MTV Europe Music Awards ausgezeichnet, kommt beim honorigen Londoner Konzertveranstalter Primary unter Vertrag und spielt an den grössten Festivals Europas.

Ein Quantensprung in der Entwicklung des Kuduro, der sich in Portugal und Angola auch heute noch vornehmlich im Underground abspielt und eher ein DJ- als ein Band-Thema ist: «Es ist für einen Aussenstehenden noch heute schier unmöglich, an die angesagten Kuduro-Tonträger zu kommen», sagt Rui Pité. «Man findet sie nicht auf iTunes oder in den Fnac-Läden in Lissabon. Kuduro ist unabhängig geblieben, was damit zusammenhängt, dass eine Musikindustrie in Angola nicht, in Portugal kaum mehr existiert.»

Weil offenbar doch die Gefahr besteht, dass unter den langjährigen Kuduro-Untergrundkämpfern Neid und Missgunst aufkommen könnte, will sich das Buraka Som Sistema auch nicht als Botschafter des Kuduro verstanden wissen: «Wir waren zwar immer von dieser Musik gefesselt, und sie dient als Grundlage vieler unserer Tracks, doch wir haben sie stets mit anderen Stilen angereichert», führt Rui Pité aus. Tatsächlich gibt ihr Debüt-Album nur bruchstückhaft die Urkraft des Kuduro wieder. Sie wird immer wieder unterfüttert mit Elementen aus dem Dubstep, dem Grime, dem brasilianischen Baile Funk oder – wenns ganz schlecht kommt – mit Klängen aus dem Euro-Trance.

Nötiger Kick

So darf man beileibe nicht mit allem einverstanden sein, was dieses Album anbietet. «Auf einem durchschnittlichen Kuduro-Album finden sich zwei gute Tracks», wirft Rui Pité ein, «der Rest ist unbrauchbar.» Auf dem Album von Buraka Som Sistema finden sich immerhin fünf sensationelle Tracks. Da ist der muntere Agressiv-Leader «Sound of Kuduro», auf welchem die sri-lankische Techno-Aufmüpferin M.I.A. mitwirkt, da ist das Paradestück «Kalemba (Wegue-Wegue)», in welchem Kuduro mit technoiden Bässen unterlegt wird, da sind das tribal-technoide «Skank & Move», der kantige Kuduro-Knaller «D...D...D...D...Jay», und da ist der vergleichsweise entspannte Hit «Yah!», mit welchem die Band erstmals auf sich aufmerksam gemacht hat. Der Rest, das sind oft ziemlich billige Dancefloor-Spielereien, die eine flatterhafte Geschmackssicherheit in der Sound-Wahl offenbaren. Buraka Som Sistema ist ausgerechnet dann am stärksten, wenn es sich am wenigsten vom Kuduro entfernt, wenn der aggressive portugiesische Gesang sich mit trockenen Beats duelliert, wenn die Effektkisten geschlossen bleiben und der musikalische Verzierungswille unterdrückt wird. Eine Frischzellenkur braucht der Kuduro also nicht. Umso nötiger ist der Kick, den der Kuduro der immer einfältiger werdenden hiesigen Clubmusik verpassen wird.

 

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