Marcelle, regiert bei dir beim Auflegen eher Kopf oder Gefühl?
Ich habe so viel Übung, dass ich weiss was funktioniert. Und da ich noch nie zweimal das gleiche Set aufgelegt habe, würde ich sagen: Gefühl. Mag es auch manchmal lustig wirken, was ich da mache – dahinter stecken unglaublich komplizierte Prozesse: Wie legt man drei Platten aus drei verschiedenen Stilarten simultan auf? DJing ist ja eine ziemliche Männerwelt und mir kommt es so vor, als sei sie arg auf eine bestimmte Technik forciert. Es gibt so viele Regeln, wie man auflegen soll. All diese Klischees wie zum Beispiel der Beat zu sein hat, das hemmt doch nur. Natürlich bin ich sehr konzentriert, aber ich habe meine eigenen Regeln, meine eigene Art von Disziplin gefunden. Ohne Phanstasie geht da nichts.
Wie sieht denn diese Marcelle-Freiheit konkret aus?
Ich bin immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Zum Beispiel Ende März in der Berner Dampfzentrale war ich der Meinung, ich wäre für einen Tanzabend gebucht worden. Vor Ort erschien mir dann aber die Atmosphäre viel experimenteller. Ich habe also spontan den Anfang meines Sets geändert und zunächst Glocken und Geräusche aufgelegt. Das war eine ganz besondere Spannung, die vielen Leuten gefallen hat.
Wenn dein Set dann am Laufen ist, was erfährst du durch die Art wie die Leute tanzen über deine Musik?
Oft erwarten die Leute einen bestimmten Stil. Aber diese Schubladen langweilen mich. Ich denke, alle Musik gehört zusammen: eine afrikanische Platte kann noch viel mehr Punk sein als eine so genannte Punk-Platte. Ich möchte auch immer einen Schritt weiter sein als mein Publikum, es sollte nie ahnen können, was als nächstes kommt. Interessant ist: wenn ich eine Drum ‘n Bass Platte auflege, dann tanzt jeder. Doch dann habe ich sofort das Bedürfnis das zu brechen, dann darf es auf keinen Fall mit Drum ‘n Bass weitergehen. Da mische ich zum Beispiel eine ganz tolle neue afrikanische Platte hinein: Die Leute tanzen weiter und legen wie von selbst ihre Vorurteile ab, welchen Stil sie denn eigentlich mögen und welchen nicht. So ein Auftritt ist wie eine Reise durch die Welt, nur dass zu Beginn niemand die Destinationen kennt, ich auch nicht! Ich bin davon überzeugt, dass die einzelnen Stile an Qualität gewinnen, wenn man sie gegeneinander setzt oder miteinander mischt. Das ist doch irgendwie Politik, oder?
Wie meinst du das?
Musik war für mich schon immer mehr als Unterhaltung. Es ist ein Versuch von Freiheit. Ich will auch im Alltag offen und unabhängig sein und diese Einstellung spiegelt sich in meiner Musik. Da ist aber auch eine andere Message: Am DJ-Pult verbinde ich Kulturen miteinander und die Leute tanzen, ohne zu wissen woher die Musik stammt. Bei meiner kommende Platte, die im September beim Label Klangbad erscheint, verbinde ich in einem Moment Breakcore, Free jazz und afrikanische Beerdigungsmusik. Daraus ensteht etwas vollkommen Neues, was so schön ist, dass ich richtig Gänsehaut bekomme. Diese Verbindung halte ich für politisch.
Wo sind die Grenzen des Eklektizismus?
Alles mit allem geht natürlich nicht. Ich habe ja, so simpel das klingen mag, meinen Geschmack. Ich besitze unglaublich viele Schallplatten, aber unglaublich viele habe ich auch nicht – das heisst in der Vorauswahl trennt sich schon die Spreu vom Weizen. Allgemein mag ich Rock nicht so, mit diesen Macho-Gitarren… (lacht), oder Indierock – was seit langem schon nicht mehr für «independent» steht, sondern für eine Ansammlung von Gitarrenklischees. Ich muss bei der Kombination der Musiken immer die Balance finden und wissen, wie weit ich gehen kann. Aber dafür verlasse ich mich auf mein Gefühl für Stimmungen und schaue mir das Publikum haargenau an.
Wie sehr hängt das vom jeweiligen Club ab?
In Bern waren sie am Anfang nicht sonderlich offen, ich habe aber das Publikum während des Sets für mich gewonnen. Nahc meinen Sets sagen dann viele, dass sie so etwas noch nie gehört haben, dass sie dieser ewige Mininaltechno langweilt, dass sie sich nicht bewusst waren, dass es auch anders sein kann! Zum Beispiel in Wien, Berlin und Hamburg, wo ich Resident Djane bin, da kennt mich das Publikum schon und da kann ich die Experimente natürlich viel weiter ausreizen. Ich verstehe natürlich auch, wenn die Leute bei meiner Musik flüchten, denn es ist schon irgendwie heftig. Wenn man gewohnt ist den ganzen Abend nur in der Minimaltechno- oder Electrotrance zu schwelgen, dann ist meine Mischung schon ein ziemliches Kontrastprogramm.
Du hast eine unglaubliche Sammlung von 15.000 Platten. Wie findest du dich darin zurecht?
Sie sind alle nach Stil sortiert: afrikanisch, Dub, Industrial, Dubstep, Postpunk und so weiter. Aber weil ich so viel neue Platte kaufe, komme ich mit dem Sortieren nicht so richtig hinterher. Doch das hat auch seinen Reiz: es ist immer eine Überraschung wenn ich im einem bestimmten Regal darauf stosse.
Warum bist du eine Vinyl-Fetischistin?
Ich bin mit Vinyl aufgewachsen und mag die ganze Ästhetik: zum einen ist der Klang einfach viel besser. Aber auch die Hüllen sind doch viel schöner als so eine kleine CD-Hülle oder so eine seelenlose Mp3-Datei. Wenn ich bei einem Set die Platten wechsel, gibt es auch etwas zu sehen für das Publikum. Dann merken sie, dass ich mich wirklich bemühe und nicht nur auf irgendeine Computertaste drücke.
Was stört dich an der Digitalisierung?
Djing ist heutzutage so wahnsinnig einfach geworden. Jeder kann sich aus dem Netz alles Notwendige herunterladen und sich DJ nennen. Ich finde durchaus, dass deswegen die allgemeine Qualität der DJs gesunken ist. Wenn es so leicht ist an Musik zu kommen, ist man auch weniger kritisch. Meistens kaufe ich jede Platte selber, das setzt voraus, dass ich mich auf eine Suche begebe, kritisch bin und nur das beste kaufe. Man sollte nicht immer den einfachsten Weg wählen.
Du mischst Sounds von tschechoslowakischen Massendemonstrationen, Glockenklänge, Froschgequake und Dampflokomotiven in deine Musik. Wo bekommst du solche Platten her?
Die meisten Platten die ich kaufe sind ganz neu, ich kaufe sie in Plattenläden in ganz Europa. Diese Massendemonstrations-Chöre habe ich von einem Flohmarkt in Bratislava. Flohmärkte mag ich sehr, denn da findet man solche abgefahrenen Platten. Und auch dieser kommunistischen Chorgesang sollte man als Klang ernst nehmen. Erstaunlicherweise entfaltet er sich wunderbar mit den Beats einer Platte aus Zaire. Und das will ich provozieren: Dass zwei völlig verschiedene Welten aufeinandertreffen und etwas ganz neues entsteht. Diese Kombination ist übrigens auf meiner zweiten Klangbad-Platte aus dem Jahre 2010 zu hören.
Treffen da auch andere Klangästhetiken aufeinander?
Das ist eben auch so eine Vinyl-Ästhetik. Für mich ist das ein riesen Unterschied ob eine Platte in Afrika aufgenommen wurde oder ob eine afrikanische Band iin einem europäischen Studio war: da sind immer diese fürchterlichen Synthesizer dabei. Wenn man dann in einem teuren Studio ist, scheint wohl die Verlockung der ganzen Technik sehr gross zu werden… doch am Ende klingt es dann meistens sehr glatt. Ein Grund, warum ich diese Musik so aufregend finde, ist doch irgendwie gerade ihre Rohheit.
Wie bist zum Djing gekommen?
Als ich 14 war hatte ich keine Eltern mehr. Ich bin 1962 geboren und 1976/1977 entstand in den Niederlanden die Punkbewegung, die mich unglaublich inspiriert hat. Davor gab es vor allem schrecklichen Prog-Rock und viel bombastische Scheisse. Damals ging es mir sehr schlecht. Die Musik war dabei eine Art Trost, sie hat mir geholfen zu überleben.
Wie ging es dann weiter?
Da ich schon immer ein Faible für Sprachen hatte und gut schreiben konnte, habe ich lange als Journalistin gearbeitet. Ich habe auch Politik und Englisch studiert aber nie abgeschlossen, weil ich es immer schwierig gefunden habe wirklich ambitioniert zu sein. Die musikalische Ader konnte ich vor allem in meinen Radiosendungen ausleben. In Clubs habe ich anfangs nur ab und zu aufgelegt, denn irgendwie war mir diese DJ-Welt zu hart.
Wann hast du dann entschlossen, dich auf diese Welt doch einzulassen?
Ich war lange mit John Peel befreundet. Als er 2004 gestorben ist, kam plötzlich sehr viel Interesse für meine Radiosendungen aus England.
Wurdest du als seine Nachfolgerin gesehen?
Naja, es wurde gesagt, ich hätte mit der Art und Weise wie ich meine Stile mixe eine ähnliche Attitude wie John Peel. Seine Nachfolgerin zu sein würde für mich aber vor allem bedeuten, mein eigenes Ding durchzuziehen und Peel nicht einfach zu imitieren. Es geht darum, seinen Geist zu übernehmen, originell zu sein. Es geht mir um die Schöpfung und um das Verlegen von Grenzen. Die Behauptung, dass früher alles besser war, kann ich nicht mehr hören. Es wird immer tolle und spannende Musik gemacht, dafür sollte man offen sein!
Neben dem auflegen machst du ja auch Radiosendungen und hast das Duo Fodderstompf. Wie unterscheiden sich diese »Identitäten»?
Bei meinen Sendungen präsentiere ich die neuesten Platten, kombiniert mit früheren Sounds aus meine Sammlung – es ist eine Art Musikdokumentation, die ich in den Moderationen kombiniere. Live rede ich nicht und lege auf drei Plattenspielern simultan auf, wobei mir ständig ‘verrückte’ Ideen kommen. Wenn ich mit dem Kölner Percussionisten Holger Mertin als Fodderstompf arbeite, geht es noch ein Schritt weiter. Es ist so ein Avantgarde-Projekt, das ich sehr mag. Auch dort treffen verschiedene Welten aufeinander: Er hat eine Ausbildung an der Musikhochschule und ich bin völlig «Do it yourself». Da er nicht einfach nur bei mir mitspielt, wird das Ganze zu einem richtigen Klangerlebnis. Ich habe sehr viele Platten dabei und wir fangen an zu improvisieren. Auch hier ist viel möglich und wir nehmen uns die Freiheit auf das zu warten, was uns unsere Intuition einflüstert.
Radiosendungen:
jeden Dienstag live von 20.00 und 22.00 Uhr live auf www.dfm.nu. Wiederholung immer Donnerstagnacht auf www.fro.at von 0.00 und 02.00 Uhr
Herunterladen auf www.anothernicemess.com
jeden Monat drei Stunden auf Dandelion Radio in London: www.dandelionradio.com (Sendung im Loop)
jeden ersten Mittwoch Sendung auf FSK Hamburg (auf deutsch) von 23.00 und 01.00 Uhr www.fsk-hh.org







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