Italienische Kinoklassiker wie «La Strada», «La Dolce Vita» und «8 ½» von Federico Fellini oder «Der Leopard»* von Luchino Visconti wären undenkbar ohne die Musik des Mailänders Nino Rota (1911-1979). Der impulsive Rundum-Komponist wäre dieses Jahr 100 geworden.

Federico Fellini und Nino Rota.
In den Bergen Siziliens treibt ein Hirte seine Schafherde durch das trockene Gras. Al Pacino – in der Rolle des Paten Michael – wandert mit seinen beiden Begleitern auf das Bergdorf Corleone zu. In dieser Szene des legendären Mafia-Films «Der Pate» von Francis Coppola erklingt erstmalig das schwärmerische Motiv der Liebe. Die weltberühmte Melodie wandelt sich in «Der Pate II» zum sizilianischen Lied «Brucia la luna n’cielu», fehlt auf keiner Filmmusik-Compilation und schleicht sich auch in Soli von Guns N‘ Roses.
Das als «The Godfather Theme» bekannte «Tema d’amore» ist aber selbst ein «Recyclingprodukt»: 1958 setzte es der Komponist bereits für Eduardo Filippos Komödie «Fortunella» ein. Bei der Oscar-Verleihung 1973 wird ihm dies zum Verhängnis. In allerletzter Minute zieht die Jury seine Nominierung in der Kategorie «Beste Filmmusik» für «Der Pate» zurück. Ein Jahr später war sie weniger zimperlich und verlieh Rota den Academy Award für den zweiten Teil der Mafia-Triologie.
Karrierestart als Wunderkind
Giovanni – kurz Nino – Rotas Musikerfamilie wies ihm früh den Weg: Achtjährig begann er zu komponieren, mit zehn glorifizierte ihn die internationale Presse als «italienischen Mozart-Nachfolger», mit zwölf wurde er am Mailänder Konservatorium aufgenommen. Mit zwanzig stieg er ins Schiff nach Amerika, um am Curtis Institute in Philadelphia für zwei Jahre Komposition und Dirigieren zu studieren – und in der goldenen Zeit des amerikanischen Kinos seine Leidenschaft für Gary Cooper, Charly Chaplin und Greta Garbo zu entdecken.
In der Nachkriegszeit boomte die italienische Filmindustrie, versprach schnelles Geld und grossen Ruhm. Rota reizten aber nicht die Verheissungen, sondern ausgerechnet die Grenzen des audiovisuellen Mediums: «Ich bin eher ein unsicherer Typ, der langsam komponiert und sich gerne ablenken lässt. Beim Film wurde ich nun gezwungen, mein Ideenreichtum vorhandenen Zielen unterzuordnen», sagte er 1978 rückblickend.
An die Zügellosigkeit von Rotas Impulsivität weiss sich Fellini zu erinnern: «Plötzlich, mitten im Gespräch legte er die Hände auf die Klaviertasten – und weg war er, wie ein Medium. Er hörte nicht mehr zu, als würde jeder Kommentar den kreativen Fluss verhindern.» Die wilden Improvisationen bildeten das Fundament für Rotas Vertonungen der bewegten Bilder: Vorausgesetzt, er hatte die Melodien nicht – wie so oft – direkt nach seinen Geistesblitzen wieder vergessen. Nicht uneigennützig schleuste Fellini sodann ein Tonbandgerät in den Proberaum.
Rotas Arbeit mit Fellini
Rota und Fellini verband nicht nur langjährige künstlerische Zusammenarbeit, sondern auch eine tiefe Freundschaft. Fellini erzählte, dass sein Anteil am Schreiben der Partituren gross war. Er hätte hinter Rota am Klavier gestanden und präzise bestellt, welche Art von Musik er für welche Filmminute wolle. Rota sah das ein wenig anders: mit Fellinis Anweisungen konnte er wenig anfangen und reihte pianistisch Kompositionsideen aus seinem mentalen Archiv so lange aneinander, bis Fellini etwas gefiel. Dann gab er ihm das Gefühl, er habe ihn zutiefst inspiriert.
Es war aber auch der bildnerische und dramaturgische Charakter von Fellinis Filmen, der von Rota eine eigenständige und zugleich massgeschneiderte Musik forderte, wie er 1964 sagt: «Ich habe nie den Eindruck, den Film lediglich zu untermalen. Vielmehr glaube ich, dass ich Musikstücke schreibe, die dann mit dem Film verschmelzen.» Bis zu seinem Tod 1979 komponierte Rota die Musik für nahezu jeden Film des neorealistischen Regisseurs.
Von Kritikern verkannt
Nino Rotas lyrisch-puristischer Stil ist von dramatischen Effekten geprägt und nimmt Anklänge vergangener Epochen auf. Indem er sowohl den grossen Meistern der Musikgeschichte als auch der Tonalität treu bleibt, steuert er gegen den Trend seiner experimentellen Zeitgenossen Luigi Nono, Luciano Berio und Bruno Maderna. 1964 erklärt er: «Die moderne Musik ist zu kopflastig geworden. Sie ist keine Sprache mehr, die der Zuhörer versteht. Meine Musik ist nicht leichter als die, die in der Vergangenheit komponiert wurde, sie ist aber leichter als die nicht-filmische, die heutzutage in den Konzertsälen und Theatern kursiert.» Die damalige Musikszene belächelte den zum ewigen Filmmusik-Komponisten Abgestempelten und seine Ästhetik wird als «altbacken» kritisiert.
Bis heute bleibt immer wieder auf der Strecke, dass Rota für die Konzerthäuser ebenso produktiv war wie für den Film: 150 Werke von Kammermusik über Sinfonien bis zu Opern sprechen für sich und verraten, wie betörend der Mailänder auch ohne die von ihm so geschätzten Grenzen des Films komponieren konnte. In Bern kommt nun sein Oratorium «Mysterium» von 1962 zur Schweizer Erstaufführung. Und schon dadurch wird am Mythos gekrazt, Rota sei «nur» der Komponist jener Melodie, die in der Szene mit der Schafherde erklingt…
Aufführungen von Nino Rotas «Mysterium» vom Berner Gemischten Chor, den SwissairVoices, dem Jugendchor St. Laurentius und dem Orchester Santa Maria Luzern am 4. November 2011 um 19.30 in der Französischen Kirche Bern und am 5. November 2011 um 20 Uhr im Grossmünster Zürich.
In einer kürzeren Version erschien dieser Artikel zuerst in der Berner Zeitung vom 3. November 2011.
* Link (Il Gattopardo): http://www.youtube.com/watch?v=heFjWqNx87M





