Wenn in den Medien von Iran die Rede ist, dann drehen sich die Berichte meist um politische Provokationen, umstrittene Atomanlagen oder sittenstrenge islamische Revolutionshüter. Der Teheraner Musikproduzent Ramin Sadighi kann im Gespräch nicht verhehlen, dass ihm diese reduzierte Sichtweise auf sein Land weh tut. Wenn er im Ausland sage, dass er aus dem Iran stamme, blickten ihn die Leute manchmal an, also ob er in der Tasche ein Atomkraftwerk versteckt habe. Es komme manchmal sogar vor, dass Iraner, die sich etwa in den USA träfen, miteinander lieber Englisch als die Muttersprache Persisch sprächen.
Dieses negative Bild des Irans verdeckt nicht nur die positiven Seiten im Alltagsleben des 70-Millionen-Volkes, sondern auch eine grosse und lebendige Musikszene. Etwa jeder 70. Iraner lebe direkt oder indirekt von der Musik, betont Ramin Sadighi in ausgezeichnetem Deutsch. Die aktuelle kulturelle Isolation erkläre sich teilweise aus der Geschichte. Im Gegensatz etwa zu Indien, dessen Kultur im Westen recht gut bekannt sei, sei der Iran nie eine Kolonie gewesen.
Man sei bis zu einem gewissen Grad aber auch selbst schuld, weil bis heute viele Iraner die Reinheit der persischen Kultur erhalten wollten. Und diejenigen Musiker, die sich kulturell öffneten, passten sich oft zu stark an die Musik des Westens an, woraus ein Verlust an Eigenheiten wie etwa der Vierteltöne resultiere. Mit seinem Label Hermes Records will Ramin Sadighi jene – wie er zugibt – kleine Gruppe von iranischen Musikern fördern, die die Vielfalt der persischen Musiktradition sanft erneuern, teilweise im Austausch mit Kollegen anderen Kulturen. Das gelingt ihm mit seinen Produktionen ausgezeichnet, bringe ihm aber auch Kritik von Traditionalisten ein.
Ironischerweise haben die iranischen Musiker und Musikproduzenten aber offenbar weniger Probleme mit den Behörden – wie man im Westen vermutet – als mit den Marktbedingungen. Da die Urheberrechte im Iran nicht geschützt werden, müssen die Musiker alleine von den Einnahmen aus Konzerten und CD-Verkäufen leben; auch die Radio- und TV-Stationen zahlten keine Tantiemen. Schwerwiegender ist, dass wegen des fehlenden Urheberrechts die CD-Piraterie grassiert. Wegen der tiefen Preise dieser Produkte könne er für seine CDs nur rund 3 Euro verlangen, erklärt Ramin Sadighi. Er sei allerdings nicht so stark von der Piraterie betroffen, weil sein Label bei Musikliebhabern Respekt geniesse und er mit aufwendigen Booklets mehr biete. Tatsächlich erinnern die meist wunderschönen Covers – und manchmal auch das musikalische Kunstverständnis – an die Produktionen der Münchner Plattenfirma ECM.
Ramin Sadighi betont, dass sich die Arbeitsbedingungen für ihn kaum verändert hätten, seit der international umstrittene Mahmoud Ahmadinejad Präsident des Irans ist. Er habe einzig bei einer Compilation von Songs junger Rockbands einmal Probleme bekommen. Er habe die Bewilligung für dieses Projekt bereits zugesichert bekommen. Als aber internationale Medien darüber geschrieben und den Bands eine politische Bedeutung beimassen, die diese gar nicht hätten, habe man ihm die Pläne durchkreuzt.
Rockmusik an sich sei aber keineswegs tabu, wie manchmal behauptet wird, das zeige nicht zuletzt seine Produktion der Gruppe Barad. Es stimme auch nicht, dass Radio und Fernsehen keine westliche Musik mehr spielen dürften; insbesondere Instrumentalmusik werde durchaus ausgestrahlt. In den vielen Plattenläden könne man sich völlig legal auch Musik von westlichen Gruppen wie Pink Floyd oder Queen kaufen. Sobald ein Künstler allerdings als antiislamisch oder sexorientiert eingestuft werde, würden seine Platten verboten. Entsprechend kann es nicht überraschen, dass etwa die Musik von Marilyn Manson oder Eminem offiziell nicht erhältlich sei – auf dem Schwarzmarkt hingegen schon.
Liedtexte müssten eine Genehmigung des Kulturministeriums erhalten, bevor sie auf Tonträger veröffentlicht oder an Konzerten aufgeführt werden könnten. Deshalb hätten Musiker mit engagierten Texten vermehrt Probleme, seit Mahmoud Ahmadinejad Präsident ist. Die meisten wüssten sich aber anzupassen. Kaum Probleme gebe es auch für die beliebte Popmusik der vornehmlich kalifornischen Exil-Iraner, auch wenn sie von den Radio- und TV-Stationen nicht gespielt würden. Deren Kombination aus rein westlichen Popsongs und persischem Gesang könne über die allgegenwärtigen Satellitenschüsseln empfangen und auch überall gekauft werden – sie seien rein kommerziell ausgerichtet und die Texte meist harmlos.
Eine eigenartige Beschränkung gilt allerdings seit der islamischen Revolution von 1979. Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nicht mehr solo singen, weil dies gegen den Islam verstosse. Dies sei allerdings leicht zu umgehen und habe den Musikern sogar spannende neue Horizonte eröffnet, erklärt Ramin Sadighi verschmitzt. Viele Komponisten setzten in ihren Stücken nun polyphonen Frauengesang ein – ein Novum in der persischen Musiktradition.
Ramin Sadighi
Der iranische Musikproduzent wuchs in Wien auf. Kurz vor der islamischen Revolution im Jahr 1979, als Ramin Sadighi zwölf Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Teheran. Dort gründete der auch als Konzertveranstalter und Bassist tätige Sadighi Ende 1999 das Musiklabel Hermes Records, das mit seinen mittlerweile vierzig CDs zunehmend internationales Aufsehen erregt. Dazu trug auch die diesjährige Grammy-Nominierung des Albums “Endless Vision” von Hossein Alizadeh und Jivan Gasparyan viel bei. Ramin Sadighi ist auch Mitgründer des 2004 entstandenen Monatsmagazins “Culture & Music”
Hermes Records
Das unbetitelte Album der Gruppe Barad zeigt, dass iranischer Rock nicht eine Kopie westlicher Vorbilder sein muss, sondern sich auch mit persischer Musiktradition verbinden lässt.
Auf “Gypsy Moon” entführt der Multiinstrumentalist Mohammad Reza Aligholi mit traditionellen Motiven und Instrumenten wie Daf, Setar und Kamancheh auf eine magische Klangreise.
Das Album “Chehrenama” enthält bewegende Musik, die Kamran Rastegar u.a. in Anlehnung an Geschichten schrieb, die die zu Freiheit und Reformen aufrufende gleichnamige Zeitung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts veröffentlichte.







