Das Groove-Festival in Tel Aviv sucht einen Zwischenweg zwischen Internationalität und Multikulturalität der israelischen Musikszenen. Raue Funk-Grooves jenseits der bekannten James-Brown-Nummern sollen in die Gegenwart übersetzt werden.
The Apples sind in Tel Aviv eine Institution. Ideen und Überbau, die sich in diesem Festival entluden, stammen zu einem maßgeblichen Teil aus ihren Reihen. Hier lohnt es sich, ein bißchen weiter auszuholen. Ohne dass es Plakat oder Internetauftritt groß herausposaunen würden: Das Festival ist eine Erfindung der Macher des Labels Audio Montage: Von ein paar prominenten Ausnahmen abgesehen, haben die meisten Beteiligten des Abends dort veröffentlicht oder sind in irgendeiner Weise mit dem Haus assoziiert. Gegründet von Zack Bar und den Apples-Musikern Ofer Tal (alias DJ Schoolmaster) und Uri Wertheim (alias Mixmonster) steht Audio Montage, wie das Festival, für Groove-Musik made in Tel Aviv, die nach Ansicht von DJ Schoolmaster, einer wandelnden Musik-Enzyklopädie mit der wahrscheinlich unerschöpflichsten Plattensammlung der Stadt, ihrerseits Teil des neuen Funk-Movements ist. Ein internationales Phänomen, dessen Beginn Schoolmaster genau datieren kann: „1992 erschien Maceo Parkers – ‘Life on Planet Groove’, die letzte perfekte Funk-Platte ihrer Generation. Im Jahr darauf erschien ‘Practice What You Preach’ der Münchner (!) Poets of Rhythm – die erste Funk-Produktion der neuen Generation, die sich auf den analogen Sound der 60er bezog. Das war die Wasserscheide.“ Seitdem tüfteln von New York bis Sydney, von Berlin bis Tokio, Funk-Verehrer an der neuen Formel – einen authentischen, rauen Groove jenseits der bekannten James-Brown-Nummern in die Bedingungen der Gegenwart zu übersetzen. The Apples sind dabei so etwas wie der lokale Außenposten der Bewegung.
Die internationale Szene
Musiker aus Tel Aviv mischen – von den ausgezeichneten Orchestern und Tanzkompanien ganz abgesehen – in jeder popkulturellen Strömung der globalisierten Welt mit. Jazz-Musiker wie die beiden Avishai Cohens (es gibt einen Bassisten und einen Trompeter gleichen Namens) oder der Pianist Yaron Herman verfolgen erfolgreiche internationale Karrieren. Ebenso bespielen israelische DJs wie Shlomi Aber oder Guy Gerber den internationalen Techno-Circuit, und mit DJ Borgore hat die Stadt auch einen höchst erfolgreichen Repräsentanten im jungen Dubstep-Gebiet.

Was alle genannten Musiker gemeinsam haben: Der Erfolg führte sie übers Ausland: Die USA und/oder Europa sind nach wie vor die notwendigen Stationen für internationale Aufmerksamkeit. Im Jazz mag gelten, was Yaron Herrman im Interview (mit Sound & Recording) zu Protokoll gab: „Um Erfolg zu haben, musst du reisen. Du musst mit den Besten spielen“. Ein anderer Grund für Musiker, dauerhaft außer Landes zu beleiben, mag in der politischen Situation begründet sein: Nicht alle gehen dabei so weit wie der Saxofonist Gilad Atzmon, der mit seiner erbitterten Haltung die eigene Musik noch übertönt. Aber es gibt eine Tendenz, nach der Musiker lieber sich selbst repräsentieren als ihr Land.
Re-arranging The 20th Century-Gilad Atzmon & MusiK
Brain Drain
Die Konsequenz aus Individualisierung und Wanderlust ist ein musikalischer brain drain für das Land, in dessen TV-Programmen ebenso nach dem Superstar gesucht wird, wie es auch einen Big-Brother-Container gibt. Dagegen setzt das Festival – bewusst oder unbewusst – das Bild einer originär lokalen Community, die diese Lokalität auch musikalisch umsetzt. Ist die Herkunft eines Produzenten im traditionell angloamerikanisch definierten Sound der Club-Musik in aller Regel kaum am Sound erkennbar, scheinen die Macher des Festivals mit Funk (und verwandten Groove-Phänomenen der 60er und 70er) einen Schlüssel gefunden zu haben, der Weltmusik 2.0 eine persönliche Note hinzuzufügen. Keine dieser Bands (mit Ausnahme der hebräischsprachigen) hätte NUR SO in Israel entstehen können – zusammen genommen allerdings bilden sie eine Matrix, die die heterogenen Ethnizität ihrer Stadt recht präzise wiedergibt. Die kulturelle Blickrichtung USA/UK (Funk, Soul, DJ-Kultur) findet sich in diesem Melting Pot ebenso wieder wie die musikalische Einflüsse Griechenlands, des Balkan, der Türkei, Äthiopiens, Russlands, des Klezmer, der sephardischen Musik, und auch der arabischen. Wobei letztere konsequenterweise in einem seltsamen Zustand der gleichzeitigen An- und Abwesenheit verbleibt: Arabische Musiker spielten auf der Bühne keine Rolle, aber alle DJs hatten einen arabischen oder türkischen Song im Set, der auch ohne Unterschiede vom Publikum abgefeiert wurde.

Spass statt Politik
Politik spielt offenbar ohnehin eine marginale Rolle: Im Gegensatz zu Rap-Bands wie HaDag Nachash oder System Ali, die sich unermüdlich im Hier und Jetzt verorten, geht es der Groove-Szene ganz einfach darum, „die Leute zum Tanzen und zum Lächeln zu bringen,“ wie Zack Bar betont. „Es geht um Spaß und Happiness, und ist dahingehend vielleicht etwas naiv. Es gibt in Israel genug Dinge, über die man sich Sorgen machen muss, dies ist ein Weg, zu entkommen. Wir feiern nichts als die Musik.“ Auch insofern repräsentiert die aktive Szene, zusammengehalten von gut zwei Dutzend Musikern, DJs und Aktiven, das Lebensgefühl in der „Bubble“ Tel Aviv, wo die Uhren ein bisschen anders ticken als im Rest des Landes. Die Handvoll israelischer authentischer Funk-Songs aus den 60ern du 70ern, auf die die DJs sich heute berufen, stach damals schon heraus aus einem mehrheitlich explizit patriotischen Populärmusikprogramm der Armeebands und TV-Stars des Landes. An diese, vielleicht naive und eskapistische, vielleicht auch utopistische Tradition knüpfen The Apples an, wenn sie für ein Feature Yoram Arbel auf die Bühne holen, der trotz des Erfolgs seiner Single „Ani etsba et ha’shalechet be yarok“ (Übers.: „Ich male die Herbstblätter grün an“) vor vierzig Jahren vor allem als Sportmoderator von sich Reden machte.

Und mögen Boom Pam, Balkan Beat Box und Kutiman in Europa die bekannteren Namen tragen, so war dieses Konzert auch vor allem ein Heimspiel für die Apples. Ihr Auftritt hätte ihre Idole Coldcut wohl ebenso stolz gemacht wie JBs-Posaunisten Fred Wesley, dem sie eine Hälfte ihres jüngsten Albums „Kings“ widmeten. Die Band besteht aus einer bestens eingespielten Rhythmusgruppe und einer vierköpfigen Bläserformation. Anstelle von Leadsängern, Gitarren oder Keyboards aber agieren bei ihnen, im Zentrum des Geschehens die DJs Schoolmaster und Erez Todres und feuern von vier Plattenspielern die Hooks, Breaks, Refrains und Stimm-Samples ab, die ihre Stücke prägen. Kutiman hospitierte mit beeindruckendem Orgel-Solo in rhythmisch vertrackten Song „Ani, Ata veHoo“ vom Album „Kings“. Das Publikum sang und sprang, mit dem Material offensichtlich bestens vertraut, an den richtigen Stellen mit, selbstverständlich auch bei der unvermeidliche Krönung des Auftritts: Der Apples-Version von Rage Against The Machine’s „Killing In The Name“, an diesem Abend mit dem Acapella von Public Enemys „Bring The Noise“ garniert.

Es lag nun an Boom Pam, diese Energien – und das Publikum – im Raum zu halten, immerhin ging es auf drei Uhr zu. Mochten die hinteren Reihen sich auch lichten, in der vorderen Hälfte der Halle war davon nichts zu merken. Boom Pam lieferten ein eindrucksvolles Beispiel von Powerplay auf Gitarre, Schlagzeug und Tuba. Ihre effektive Mischung aus Surf, Balkan und Metal/Rock ist hinlänglich bekannt, aber die Energien, die sie – auch hier blieben Gäste nicht lange aus – auf der Bühne freisetzten waren rauer, spontaner und kraftvoller als jede ihrer bisherigen, etwas gefälligeren Veröffentlichungen. Das neue Album auf Audio Montage setzt diesen Kurs übrigens überzeugend fort. Unterdessen verabschiedeten glückliche Veranstalter am Ausgang ihre Gäste. Nicht alles, so hört man, ist perfekt gelaufen, aber für die Zuschauer waren die Probleme hinter den Kulissen kaum wahr zu nehmen. Sie erlebten einen langen, tanzbaren Abend, ohne Durchhänger oder Leerlauf und mit vielen großartigen Momenten und einer gewaltigen Lichtshow.
Die Groove-Szene Tel Avivs präsentierte sich als vielschichtig, eigenständig und familiär, musikalisch ebenso kompetent wie offen, stolz auf sich und ihre Stadt, und auch – die Resonanz auf „Killing In The Name“ sein mein Zeuge – nicht frei von kritischem Bewusstsein. Die gleichzeitig mit dem Festival veröffentlichte Sampler-CD „Mediterranean Grooves and Raw Sounds“ bietet einen Überblick über die Funk-Aktivitäten in Tel Aviv von A wie Audio Montage All-Stars über B wie Boom Pam bis Y wie Yoram Arbel. „CD und Festival waren ein Experiment für uns,“ sagt Zack Bar, „ein Underground-Phänomen auf Mainstream-Ebene zu präsentieren.“ – ohne öffentliche Förderung oder Marken-Sponsoring, wie hinzugefügt werden sollte. „Ich hoffe, wir können eine Tradition daraus machen.“
Teil 1 zum Groove-Festival gibt es Hier.









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