«Tangos Paralelos» verbindet Musik, Poesie und Philosophie. Heute und morgen bringt der Musiker Daniel Zisman sein Stück als Livehörspiel zur Uraufführung. Eine Begegnung.
Man könnte meinen, es sei still geworden um Daniel Zisman, schienen sich seine Auftritte doch in den letzten Jahren auf jene im Be-Jazz-Club in den Vidmarhallen zu beschränken. In seinem lichtdurchfluteten Arbeitszimmer in Köniz jedoch sinnierte Zisman fernab des Publikums über den Zyklus des Lebens, über Quantenphysik, die amerikanische Fernsehserie «The Twilight Zone» und über den argentinischen Dichter Enrique Santos Discépolo. Seine Gedanken flossen ein in ein Musiktheater, das nun konzertant uraufgeführt wird und als Livehörspiel Sprechtext, Gesang, Musik und Projektionen auf der Bühne vereint: «Tangos Paralelos». Michael Schacht, der im Radio jeweils dem Privatdetektiv Philipp Maloney seine Stimme leiht, führt durch die Handlung und durch die vom «Kammerorchester 676» interpretierten Lieder (Solisten: Aida Albert, Gabriel Chamé Buendía und Fernando Tavolaro).
Die konzertante Version steht für Zisman nicht im Schatten einer möglichen szenischen Umsetzung von «Tangos Paralelos»: «Es ist eine spannende Herausforderung, das Visuelle im Verborgenen zu halten. Dynamik und Zeitlichkeit erinnern an eine Radiosendung.»
Reise durch die Zeit
«Tangos Paralelos» spielt selbst mit Zeit und Raum. Zentral dabei ist das Nebeneinander zweier Tangowelten in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires – die der Sechzigerjahre und die der Zwanzigerjahre. Schon als Kind war Daniel Zisman von Zeitreisen fasziniert und verschlang Bücher wie «Zurück in die Zukunft» von Robert Zemekis. Überlegungen zu verschiedenen Existenzebenen beschäftigen ihn bis heute: «Was ist die Realität? Wie viel davon können wir erfassen? Ist das Irreale der einzige Ausdruck für Wirklichkeiten, die uns unbekannt sind?», fragt sich der Argentinier, der beim Reden immer ein sanftes Lächeln auf den Lippen hat.
Momentaufnahmen
Solche abstrakte Gedanken bringt Zisman in «Tangos Paralelos» in eine komödiantische Handlung: «So ist das Thema besser zu verdauen.» Im Zentrum des Stücks steht der Komponist Santos Crespo, der aus dem Buenos Aires von 1965 verschwindet und am selben Ort um 1925 auftaucht. Dort begegnet er den Protagonisten seiner Tangolieder, die sich in ihrem vorgezeichneten Schicksal gefangen fühlen. Rückwirkend möchte er sodann dem von ihm geschaffenen Bauernbub, der Prostituierten, der Verlassenen und dem Strassenmusiker zu einer friedvolleren Wirklichkeit verhelfen. Diese dramaturgische Idee ermöglicht Zisman, Stimmungsbilder zu zeichnen: «Ich möchte mit Musik ausdrücken, was im Inneren der Charaktere geschieht, und so Momentaufnahmen der menschlichen Lebenswelten in Buenos Aires schaffen.»
Argentinien-Nostalgie
Daniel Zisman wurde 1954 in einer jüdischen Familie im Stadtteil Villa Crespo von Buenos Aires geboren. So beherrscht er den für dieses Quartier typischen Dialekt, in dem er das Libretto von «Tangos Paralelos» geschrieben hat: «In dem Stück habe ich Eindrücke meiner frühen Jugend verarbeitet.» Das Handwerk zur Umsetzung seiner Erinnerungen hat sich Daniel Zisman an den Stationen, die auf sein Violinstudium in Argentinien folgten, angeeignet. Nach Siena, Rom, Moskau, Gstaad und New York kam er 1980 nach Bern, wo er 23 Jahre als erster Konzertmeister des Berner Sinfonieorchesters das musikalische Leben der Bundesstadt mitprägte. Seine zunehmende Tätigkeit als Tangomusiker empfindet Zisman keineswegs als Kurswechsel: «Die Arbeit unterscheidet sich ausschliesslich darin, dass ich nun mein eigener Komponist und Dirigent bin. Ich mache ja trotzdem von früh bis spät wunderschöne Musik.»
Die Aufführungen
Urauffürung in der Pfundschüür im Kulturhof Schloss Köniz am 23. und 24. Juni 2011, jeweils 19:30. Mehr Informationen gibt es beim Verein tiempoSur.
Dieser Text ist zuerst erschienen in der Berner Zeitung (23.6.2011)








