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Wo bleibt der Culture Clash?

Im Dokumentarfilm Bonfires and Stars trifft ein Moskauer Electronica-Musiker auf tscherkessische Volksmusiker, um mit ihnen zu musizieren. Statt des erwarteteten «Culture Clash» entsteht eine Kollaboration auf Augenhöhe, die jedoch nicht konfliktlos ist.

Still aus Bonfires and Stars (Sasha Voronov, Russland 2016)

Culture Clash: So übertitelt Carmen Gray ihre Rezension von Bonfires and Stars von Sasha Voronov im Calvert Journal [1]. Das lässt Ungutes vermuten – so auch die Grundkonstellation des Films. Der junge Moskauer Electronica-Künstler Fyodor Pereverzev aka Moa Pillar wird vom ebenfalls in Moskau ansässigen Filmkollektiv Stereotactic in die Föderationsrepublik Kabardino-Balkarien im Nordkaukasus geschickt. Seine Mission: vor Ort musikalische Kollaborationen mit tscherkessischen Volksmusikern eingehen, begleitet von einem Filmteam.

Mittelsmann dieses Experiments ist Bulat Khalilov aus Nal’chik, Kabardino-Balkariens Hauptstadt, der sich als Radiomacher und Mitbegründer des Labels Ored Recordings kaukasischer Volksmusik verschrieben hat. Pavel Karykhalin, Mitbegründer und Produzent bei Stereotactic, fasst das so zusammen: «Wir haben uns gefragt, was passieren würde, wenn wir einen Typen aus dem modernen Moskau in einen tiefverwurzelten traditionellen Kontext verfrachten und schauen, wie er sich einbringt».

Arroganz meets Unbedarftheit?

Das klingt nach Technologie meets Tradition, Metropole meets Natur, Arroganz meets Unbedarftheit, Kosmopolit meets Hinterwäldler, Zentrum meets Peripherie – nach Hierarchien und schliesslich nach «Culture Clash», aber vor allem nach Geschichtsklitterung: «Ein tiefverwurzelter traditioneller Kontext»? Immerhin gehörte Kabardino-Balkarien knapp sieben Jahrzehnte zur Sowjetunion und war Teil ihrer umfassenden kulturrevolutionistischen Modernisierung und Musikpolitik. Das kommt nicht vor, weil es wohl nicht ins Bild passt.

Der Film könnte lächerlich werden, es könnte einem aber auch das Lachen vergehen. Und am Ende wird einer der Loser sein. Ich tippe auf Fyodor. Und Bulat? Dem netten und freundlichen Bulat wird vermutlich die undankbare Rolle des verzweifelten und unfreiwillig komischen interkulturellen Mediators zukommen. Er eröffnet dann auch den Film, mit einer Sequenz aus einer Art Filmtagebuch, in der er retrospektiv daran zweifelt, dass das Experiment gelungen sei. Das passt zu meinen Erwartungen, auch die weiteren Minuten: Fyodor in seinem urbanen Habitat mit viel Technologie und auf dem Weg nach Nal’chik. Dann Natur, Berge – der Kaukasus. Alles klar. Und dann?

Wird alles anders als erwartet. Nachdem Bulat Fyodor am Flughafen abgeholt hat, treffen die beiden auf verschiedene Musiker. Aber von kosmopolitischer Arroganz ist bei Fyodor nichts zu sehen. Er ist interessiert, zurückhaltend, respektvoll und reflektiert – ein Mensch, der sich weder in amüsierter Distanziertheit noch in going native übt.

Still aus Bonfires and Stars (Sasha Voronov, Russland 2016)

Keine Einigkeit

Auch die Musiker, mit denen er zu tun hat, entsprechen nicht dem Bild der unbedarften Hinterwäldler, denen es im Angesicht von Elektronik die Sprache verschlägt. Sie sind keine austauschbaren Repräsentanten einer idyllischen, gefrorenen archaischen Kultur. Im Gegenteil vertreten sie wohl artikuliert, überlegt und teils sehr scharfsinnig ganz unterschiedliche Positionen zum Thema: Was kann, darf, soll oder bringt eine Fusion von Volksmusik mit Elektronik, genauer gesagt: mit der Art von Elektronik, für die Fyodor steht?

Denn, auch wenn das nur kurz anklingt, andere Arten dieser Fusion sind natürlich längst Teil der nordkaukasischen Musik – als so genannte Popsa, Estrada, Restaurant- oder Hochzeitsmusik. In der Ablehnung dieser Musik dürften sich alle Protagonisten des Films einig sein. Ansonsten gibt es wenig Einigkeit unter ihnen, inklusive Bulat, der zweifelt, aber nicht verzweifelt. Es gibt aber auch wenig, was den Begriff «Culture Clash» rechtfertigen würde. Eher zeigt Bonfire and Stars ein Zusammentreffen von Musikern verschiedener Genres aus verschiedenen Teilen der ehemaligen Sowjetunion, die die Kompatibilität ihrer Genres, wie auch die Notwendigkeit und die Grenzen von Fusion verhandeln – und zwar auf Augenhöhe.

Das ist spannend, anregend und bewegt sich jenseits aller Klischees von musikalischer Urtümlichkeit vs. Avanciertheit. Filmisch ist Stereotactic dabei eine intime, aber nicht intrusive Dokumentation dieser Begegnungen gelungen. Nur zwei Dinge irritieren am Ende des Films: Warum haben die tscherkessischen Musiker keine Namen – weder in den Untertiteln noch im Abspann? Und warum waren keine Musikerinnen zu sehen?