- Norient - http://norient.com -

Dem Blattgrün Töne entlocken

Der Instrumentenerfinder Josip hat sich in den Kopf gesetzt, die Kunst des Laubblattblasens zu lernen. Seine Vorbilder sind Vera, die pensionierte Privatdetektivin und Petar, der altersweise Kleinbauer. Sie sind die letzten, die diese Kunst beherrschen. Unplugged [1] ist eine existenzielle Allegorie auf die Musik als zeitlosen Zufluchtsort.

Filmstill aus: Unplugged (Serbien/Finnland 2013)

«Form und Zähheit des Blattes spielen eine Rolle und die Jahreszeit in der es gepflückt wird, doch vor allem braucht es Sanftheit und den rechten Geschmack fürs Blatt, um ihm Töne zu entlocken»

Das sagt die pensionierte Privatdetektivin Vera. Ihr halbes Leben hat sie in Deutschland verbracht, dann ist sie in ihre ländliche Heimat im Osten Serbiens zurückgekehrt. Dort hat sie sich als Fünfjährige beim Schafe hüten das Laubblattspielen beigebracht. Petar, der buckelige Bauer und Musikant, kann seinen Wanderstock in eine Flöte umfunktionieren. Er redet mit dem Wald und über die Notwendigkeit, Musik im Herzen zu tragen.

Filmstill aus: Unplugged (Serbien/Finnland 2013)

Doch weder Vera noch Petar können erklären was sie genau tun, wenn sie in die Laubblätter blasen, und so wird Josip, der Amateurmusiker, Erfinder, und Instrumentbauer zur Leitfigur des Filmes. Das Laubblatt ist das vierundzwanzigste Instrument, das er erlernen will.

Vom Verschwinden der Blätter

Durch alle Jahreszeiten hindurch filmt der serbische Dokumentarfilmer Mladen Kovacevic seine einsamen und eigenwilligen Charaktere. Vera schreibt an einem Buch und schiesst in schlaflosen Nächten Feuerwerkskörper in den Himmel. Petar sinniert bei seiner Arbeit mit Korn und Tieren darüber, dass Vögel und Menschen stumm sind und die geeigneten Blätter verschwinden. Und Josip übt bis seine Lippen rissig werden. Aber er schafft es nicht, den Blättern die Melodien abzutrotzen, die ihm vorschweben.

Filmstill aus: Unplugged (Serbien/Finnland 2013)

Zeitlos poetisch

Kovacevic studierte in Belgrad, London und Kapstadt. Bevor er sich ans Dokumentarfilmgenre heranwagte drehte er Horrorfilme. Für seinen Dokumentarfilmdebut Unplugged recherchierte er monatelang bis er Menschen fand, welche die traditionelle Kunst des Laubblattblasen noch beherrschen. Über die noch immer existierenden Folkloregesellschaften, die während des jugoslawischen Kommunismus eine zentrale Rolle spielten, fand er schliesslich Drago und Petar. Doch zwei Tage vor Drehbeginn starb Drago. Kovacevic realisierte, dass er sich beeilen muss.

Der Topos des langsam verschindenden Laubblattblasens zieht sich durch Unplugged. Trotzdem hat der Film nicht den sentimentalen oder belehrenden Charakter eines musikethnologischen Rettungsplädoyers. Kovacevic begegnet der Zurückgezogenheit seiner Protagonisten mit Respekt. Er zaubert eine poetische und humorvolle Allegorie auf die Musik als Mittel der Weltflucht und der Zuflucht.

Trailer Unplugged