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Die Sprache der Trommeln

Wie können Ruander und Ruanderinnen nach dem Genozid von 1994 wieder zusammen leben? Welche Kommunikation ist möglich, wenn ihr Alltag von Angst und Misstrauen geprägt ist? Sweet Dreams von Lisa und Rob Fruchtman gibt darauf eine Antwort. Der Film porträtiert eine Gruppe von Frauen, die im Trommeln Lebensenergie und Versöhnung findet.

Seraphine hat im Genozid die ganze Familie verloren. Alphonsine spricht mit Unbehagen über die Vergangenheit, ihre Eltern wurden wegen Beteiligung am Völkermord zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Leontine wurde als Teenager vergewaltigt und zieht heute ihre drei Kinder alleine gross. Die Schicksale der sechzig Frauen, die sich in Butare – einer Stadt in der südlichen Provinz von Ruanda – zum Trommeln zusammen schliessen, sind ganz unterschiedlich, aber sie alle sind gezeichnet von der Gewalt der Vergangenheit.

Eine männliche Tradition

Ingoma nshya heisst die Frauen-Trommelgruppe. In der Landesprache Kinyarwanda bedeutet das so viel wie «neue Trommeln». Neu ist, dass hier Frauen die Trommel schlagen. In der ruandischen Tradition waren diese nämlich lange den Männern vorbehalten. Sie hatten rituelle Bedeutung und wurden bei Festlichkeiten und zur Unterhaltung des Königs (mwami) gespielt. Die heilige Trommel (kalinga) war das Symbol seiner Macht. Sie diente auch der Kommunikation, um bei Gefahr zu warnen oder um zu Versammlungen und den monatlichen Gemeinschaftsarbeiten (umuganda) aufzurufen.

Gleichzeitig ist das Trommeln stark an Vorstellungen von Männlichkeit und Sexualität gebunden. Der Volksglaube besagt, dass Frauen dafür nicht stark genug seien. Sie würden ihre graziöse Gestalt, ihren Sanftmut und ihre Diskretion verlieren, ja sie könnten vom Trommeln sogar steril werden, so dass ihre Muttermilch ausbliebe. Mit diesen Tabus und Mythen bricht Ingoma nshya.

Trailer and Excerpts of Sweet Dreams

Neues Selbstbewusstsein

Sweet Dreams [1] zeigt, dass die Frauen nicht nur Geschlechterrollen neu definieren, sondern auch in der Gesellschaft die Stimme erheben. Der Genozid forderte zwischen 800’000 und einer Million Opfer. Viele Familien wurden zerstört, und die Frauen sind heute gefordert, die Verantwortung zu übernehmen – für sich, ihre Angehörigen und das Land.

Dies zeigt sich auch im ruandischen Parlament, das den höchsten Frauenanteil der Welt hat. In den Gacaca-Gerichten – der traditionellen Rechtsprechung für die Verbrechen des Genozides – nehmen sie ebenfalls zentrale Positionen ein. Zuvor sprachen stets die Männer in Namen ihrer Frauen. Die Frauen von Ingoma nshya nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie möchten auch ihre finanzielle Situation verbessern und den ersten Glacé-Laden [2] im Ort eröffnen.

Sweet Dreams porträtiert diese starken Frauen. Wo sprechen oft schwierig ist, führt sie das gemeinsame Trommeln aus den Abgründen des Schmerzes, der Einsamkeit und der Wut zurück ins Leben. Die Musik gibt ihnen die Kraft, an die eigenen Träume zu glauben.

Cast
Ingoma Nshya

Crew
Directors: Lisa and Rob Fruchtman, Liro Films
Prodcuers: Russell Long and Tiffany Schauer

Partners:
Blue Marble Dreams
Bpeace
Rwanda Professional Dreamers
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