Zum vierten Mal in den letzten 20 Jahren versuchen die SVP (Schweizerische Volkspartei) mittels einer Initiative das selbstverwaltete Kultur- und Begegnungszentrum in der Berner Innenstadt zu schliessen; jedes Mal sind sie gescheitert. Die Reitschule bietet mehr! Mit diesem Slogan macht das Abstimmungskomitee auf das vielfältige Kulturangebot der Reitschule aufmerksam, das sich gegen die Monokultur des Marktdiktates stellt und trotz bescheidenen finanziellen Mitteln szenen-, genre- und generationenübergreifend am Puls der Zeit bleibt.
Dass auch viele MusikerInnen hinter der Reitschule stehen, beweist die neue CD «Reitschule beatet Mehr». Alle Songs wurden dem Abstimmungskomitee unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Norient unterstützt die Reitschule und veröffentlicht hier deshalb einen Artikel von Christoph Lenz aus unserer lokalen Zeitung Der Bund. Im Januar 2011 (13.1-15.1.2011) findet im Kino der Reitschule das 2. Norient Musikfilm Festival statt.
Vielleicht hat es auch für die Kulturschaffenden in der Reitschule sein Gutes, dass der Fortbestand ihres Zentrums mit schöner Regelmässigkeit durch eine Volksinitiative bedroht ist. Es könnte ihnen beispielsweise das Ausrichten eines Jubiläums ersparen. Die bei runden Geburtstagen obligaten Fragen – woher man kommt, wozu man eigentlich da ist und wohin der Weg noch führen könnte – stellt man sich im Kulturzentrum ohnehin immer dann, wenn eine Abstimmung ins Haus steht. Also: sehr oft in letzter Zeit.
Gedächtnis, Herz und Verstand
Auch die CD-Vernissage vom 5.8.2010 im Frauenraum war eine Sache für das Gedächtnis, den Verstand und das Herz. Zuerst ging es aber um den Bauch – genauer: die Wut daselbst. Denn, so erklärt Kollektivmitglied David Böhner den geladenen Medienvertretern: «Es scheisst schon an, ständig solche Abstimmungskämpfe führen zu müssen. Aber wir müssen halt.» Weil sich die Reitschule einerseits bei vielen Musikern in Bern grosser Beliebtheit erfreut, andererseits so ein Abstimmungskampf viel Geld kostet, das irgendwie wieder reinkommen muss – deshalb hat man sich in der Reitschule entschlossen, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden und eine CD mit Beiträgen von 22 zugewandten Berner Bands zu veröffentlichen. Übrigens der erste CD-Release in der Geschichte der Reitschule.
«Saubere Büez»
Vom allerersten Konzert in der Reitschule berichtet anschliessend Zeitzeuge und Züri-West-Frontmann Kuno Lauener. Die Erzählung dreht sich um einen kanarienvogelgelben Ford Transit, neblige Nächte, 1000 unruhige Jugendliche, ein aufgebrochenes Türschloss und rauschende illegale Partys. Weil ihm seine Rolle als Geschichtenonkel dann aber doch nicht ganz geheuer zu sein scheint, kürzt Lauener, gerade als es so richtig gemütlich zu werden droht, ab: «Eine alte Geschichte» sei die Beziehung zwischen Züri West und der Reitschule. Beide seien sie schon seit langem da. Beide machten sie immer noch eine, wie er findet, «saubere Büez». Und beide gehörten sie einfach zu Bern dazu: «Hopp Reitschule! Hopp Züri West! Hopp YB!» Das Gedächtnis, oder bei den jungen Besuchern die Fantasie, ist ausreichend stimuliert. Danke.
Ans Herz und den Verstand appellierte zuvor die Berner Rapperin Steff La Cheffe, die wie Züri West einen bisher unveröffentlichten Song zum «Reitschule beatet mehr»-Sampler beigesteuert hat. So etwas wie eine Erleuchtung habe sie bei ihrem ersten Besuch in der Reitschule erlebt. Sie erinnert sich an die vielen spannenden Leute, die sie kennen lernen, und an die Möglichkeiten, die sie an dieser Adresse entdecken durfte. «Die Reitschule ist ein ideales Umfeld, um sich zu engagieren, um zu diskutieren und um Kultur zu machen.» Letzteres liegt Steff La Cheffe besonders am Herzen: Ihre ersten musikalischen Gehversuche hat sie an der Offenen Bühne im Restaurant Sous Le Pont und an den Hip-Hop-Jams in der Einfluss-Bar gemacht. «Die Reitschule ist einer der wichtigsten kulturellen Schauplätze Berns. Und das soll auch so bleiben.» Damit waren auch Küse Fehlmann und Gert Stäuble von Züri West einverstanden: Und zwar «mindestens für die nächsten 30 oder 40 Jahre».
Zur CD «Reitschule beatet mehr»
Alle sind sie da! Die Crème der Berner Pop- und Rockmusikszene hat sich praktisch ohne Ausnahme auf dem Sampler «Reitschule beatet mehr» (Irascible) versammelt. Die Altvorderen von Züri West, Patent Ochsner und Stiller Has setzen sich hier ebenso für das Kulturzentrum ein wie die lokale Nachwuchsabteilung um Steff La Cheffe, Lily Yellow und Müslüm. Und immerhin 16 Künstler haben sogar einen bisher unveröffentlichten Song zu diesem schönen Stück einheimischen Schaffens beigesteuert. Darunter nicht wenige mit konkret politischem Inhalt: Pedro Lenz collagiert in «Dr Buebli-Troum» bedrückende Slogans des Kommerzdenkens, Tomazobi lassen den Initianten Erich Hess gleich selbst Ansagen durchgeben, und der formidable Rapper Müslüm fragt ganz naiv: «Erich, warum bisch nid ehrlich?»

Die CD zur Abstimmung am 26. September 2010 mit Songs von Stiller Has, Kutti MC, Patent Ochsner, Kummerbuben oder Filewile. Inkl. etliche exklusive, bisher nicht veröffentlichte Tracks u.a. von Züri West, Steff la Cheffe, Tomazobi, Baze, Sophie Hunger, Churchhill oder Beat Man.
RELEASE: 6. August 2010 (Endorphin Entertainment/Irascible)
TRACKLISTING:
01 Pedro Lenz & Paed Conca • Dr Buebli-Troum *
02 Steff la Cheffe feat. Namusoke • Down Babylon *
03 Tomazobi • Häsli *
04 Revolting Allschwil Posse • Summer * (Copy & Paste Remix)
05 Reverend Beat Man • Reithalle *
06 Tight Finks • High Definition Rock’n’Roll
07 Churchhill • Stressmithess? *
08 Filewile • On The Run feat. Pedro Da Silva Pinto
09 Baze • Tanzet! *
10 Patent Ochsner • Vohinger + Vovor
11 Kummerbuben • Lügemärli
12 Lily Yellow • Grazed by a Dream *
13 Züri West • Lue zersch wohär dass dr Wind wääit * (live im Dachstock 25.12.2001)
14 Sophie Hunger • Your Personal Religion * (Davout Session)
15 The Jackets • Vitamin 25 *
16 Mani Porno • Fuchs *
17 Kutti MC • Ab hüt
18 Krneta, Greis & Apfelböck • BRP *
19 Müslüm • Erich, warum bisch du nid Ehrlich? *
20 Stiller Has • König
21 Gamebois • Blood *
22 Youngblood Brass Band • Brooklyn * (live im Dachstock 5.6.2010)
* Exklusive bisher unveröffentlichte Tracks
Kurze Ausschnitte aus den Track gibt es hier.










Im Berner «Bund» ist ein grosses Portrait von Müslüm erschienen – von Christoph Lenz:
«80 000 Mal wurde Müslüms Videoclip «Erich, warum bisch du nid ehrlich» in der letzten Woche auf Youtube angeklickt. Am Freitag rangierte der Song gar auf Platz 35 der meistgesehenen Beiträge bei Youtube – weltweit. Dafür hat Yavsaner sogar einen Award erhalten. In den Schweizer iTunes-Charts ist die Single inzwischen auf Platz 11 geklettert. Tendenz: stark steigend. Ziemlich viel Aufsehen für eine Berner Lokalgeschichte.
Damit hätte er nicht gerechnet. «Niemals», sagt Yavsaner, der immer noch versucht, herauszufinden, wie es so kommen konnte. Der immer noch versucht, diese veränderte Welt zu begreifen. Fünfzehn Jahre arbeitet er schon als Künstler. Und nun hat ein dreiminütiger Videoclip sein Leben auf den Kopf gestellt. Das soll mal einer verstehen.»
Hier der Link zum Artikel:
http://www.derbund.ch/bern/Alle-lieben-Muesluem-selbst–die-Baeren/story/18066647
…und im September gibt es dann obendrauf noch eine Sonderausgabe der Reitschul-Zeitschrift MEGAFON mit vielen tollen Artikeln zum Thema Reithölle…! Freude herrscht. Erich H. hat da einen wunderbaren Kreativitätschub in der Provinzstadt Bern ausgelöst…
[...] Auch Trösenbecks liebstes Musik-Online-Magazin "norient.com" widmet dem Thema eine Geschichte: Eine CD für die Reitschule Bern. [...]
[...] P.S.: The fun thing is: every time rightwing politicians want to close Reitschule, the creative community of Bern gets together and produces great stuff to show the solidarity with the place. Now there has been a CD production and several video clips. The song “Erich, warum bisch Du nid Ehrlich?”* of radio comedian Müslüm (a Swiss version of Borat/Ali G.) even has entered the Swiss charts. More info here. [...]