Die Spätkonzerte von Radio DRS waren einst ein Geheimtipp, nun wird die Tradition im Berner Yehudi Menuhin Forum wiederbelebt. Der Auftakt mit dem Geiger Gilles Apap, dem Bandoneonisten Marcelo Nisinman und dem Kammerorchester CHAARTS am Mittwochabend gestaltet sich erst gegen Ende rauschhaft.
Selbstverständlich bekommt es Klassischer Musik gut, vom Sockel geholt zu werden. Natürlich laden Antonio Vivaldis und Astor Piazzollas „Vier Jahreszeiten“ zu Experimenten ein. Und ohne Zweifel ist Gilles Apap ein Virtuose, der die Stilpalette von Fiddle bis Gipsy beherrscht. Doch legt er es so darauf an ausgefallen und frech zu spielen, dass es schwer fällt, seine Interpretationen ernst zu nehmen. Und damit auch Multikulti drin ist, wo Multikulti draufsteht, umrahmt der in Kalifornien lebende Algerier das Jahreszeitendoppel mit irischen Volksweisen.
Den Bogen überspannt
Man fragt sich, welche Vivaldi-Konventionen Apap eigentlich brechen will, warum er sich beim Spielen um seine eigene Achse dreht, ob er vielleicht lieber Rockstar geworden wäre. Das überaus schwungvolle Ensemble CHAARTS steht im Halbkreis um den tänzelnden Solisten und erwidert seine affekt- und effektgeladene Tonakrobatik: Da wird mit technischer Bravour Vivaldis perkussive Seite ausgekostet, mit Pizzicati jongliert, am Cembalo gejazzt (Naoki Kitaya), im herbstlichen Streichersound gedonnert und sich nicht gescheut zu singen oder gar zu pfeifen. Aber weniger wäre mehr gewesen.
Tangowucht
Ein Vierteljahrtausend nach Vivaldi komponierte Astor Piazzolla vier voneinander unabhängige Quintette, die er später thematisch als Jahreszeiten-Suite bündelte. Der in der Schweizer Tangoszene hochgeschätzte Bandoneonist Marcelo Nisinman aus Buenos Aires hat diese „Cuatro Estaciones Porteñas“ für Bandoneon, Violine, Cello, Klavier und Streicher neu arrangiert. Durch die aufgestockte Besetzung wirkt die am Mittwochabend im Yehudi Menuhin Forum erstmals erklungene Version überladen, auch hier wird mit Wucht interpretiert und zügellos verschnörkelt. Dennoch funktioniert es. Denn Marcelo Nisinman spielt das Bandoneon mit seltener Vitalität und Präzision, selbst in den wilden Läufen mit schwindelerregendem Tempo hat jeder Ton seinen Platz.

Funken im Duett
Während sich Nisinman völlig dem Temperament und der Melancholie des Tangos hingibt, greift Gilles Apap – der sich als „Fiddle Guru“ vermarktet – auf die vertrautere irische Stilistik zurück. Im Duett steigert sich die ungebremste Spielfreude der Solisten zu einer spannenden Mischung. Sie toben sich aus und das Publikum tobt mit, steht, klatscht im Takt, ruft Bravo – kaum zu vergleichen mit dem zögerlichen Schmunzeln in Vivaldis Jahresverlauf. Vielleicht hat sich das Konzert eine alte Bauernregel zum Motto gemacht: „Hat der Herbst zum Donnern Mut, wird das nächste Jahr wohl gut.“
Dieser Text ist zuerst erschienen in der Berner Zeitung (2.9.2011)










Hallo Theresa,
ein schöner Text zu einem schwierigen Thema. Ich denke, Gilles Apap “Stilmix” zu bewerten, ist nicht leicht. Man kann es schön finden, man kann es peinlich finden. Auf jeden Fall hat Apap aber auf die Zeichen der Zeit gehört, und den Ruf nach dem Cross-over einfach mal richtig ernst genommen! Das finde ich auf jeden Fall wichtig und sinnvoll.
Letztlich zielt so ein Konzert ja auch auf die jüngeren Zuhörer – die oft den Vergleich mit dem “klassischen” Konzert gar nicht haben. Und die kann so ein Gilles Apap schon begeistern. Wenn die echten “Klassik”-Fans hier Probleme haben, finde ich das nicht so schlimm, denn sie gehen ja eh ins Konzert, die braucht man nicht mehr zu animieren.
Apap spielt übrigens nicht nur irische Reels, sondern auch ganz viel “Blue Grass” – er hat sich hier richtig reingekniet und die Größen dieses uramerikanischen Folkstyles kennengelernt und bei ihnen Unterricht genommen.
Viele Grüße – Mirjam