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Sphinx im Kreuzfeuer der Sounds

M.I.A. bleibt beim Konzert in der Roten Fabrik unfassbar. Das liegt auch an der mangelnden Präsenz ihrer Stimme: Diese bleibt trotz schreienden Betonungen monoton, egal ob sie singt oder rappt.

Gespannt wartet das Publikum in der nahezu gefüllten Aktionshalle der Roten Fabrik auf den Auftritt von Mathangi «Maya» Arulpragasam alias M.I.A [1]. Die Tochter eines tamilischen Freiheitskämpfers ist zum Anti-Star einer neuen Weltmusik [2] geworden, die gleichermassen aus regionalem Erfahrungshintergrund und globalem Dance-Sound schöpft. Mit Agitprop hat die in England aufgewachsene Künstlerin bisher provoziert, ist als reich verheiratete Wahlamerikanerin aber selbst in eine Glaubwürdigkeitskrise [3] geraten.

Harter Elektro-Hip-Hop

Davon spürt das Publikum allerdings nichts. Es wird mit martialischem Elektro-Hip-Hop begrüsst, in den sich immer wieder beunruhigende Störgeräusche mischen. «I can kill a sound and the shit will make you jump», singt M.I.A. im Stück «Steppin Up» passend. Und so wirkt die Musik auch: Die knochentrockenen, bald peitschenden, bald ratternden Beats lassen das stark durchmischte Publikum mitzucken, animiert von zwei Tänzern.

Die Musik allerdings bleibt steif und abgehackt, zumal sie grösstenteils von einer She-DJ eingespeist wird und deshalb wenig Variationen zulässt. Immerhin sorgt eine Schlagzeugerin für mehr Lebendigkeit und treibt den Rhythmus voran.

Verstörende Videos

M.I.A. bleibt trotz verstörenden Videoeinspielungen, kunterbunten Grafiken und grellen Lichteffekten stets im Mittelpunkt des Publikumsinteresse. Sie eilt umher und ändert mehrmals ihr Outfit, wechselt ihr Kopftuch mit einem Glitzerschleier, klettert einmal auf die Lautsprecherboxen und sucht auch einmal das Bad in der Menge.

Aber sie bleibt unfassbar. Das liegt auch an der mangelnden Präsenz ihrer Stimme, die trotz schreienden Betonungen wie vor allem im Stück «Born Free» meist monoton wirkt, egal ob sie singt oder rappt. Sie vermag sich damit nicht gegen die elektronische Klanggewalt durchzusetzen, zumal ihre Stimme auch wegen eines problematischen Soundmix sowie übermässigen Halls und Echos an Prägnanz verliert.

Deshalb versteht man kaum je ein Wort, geschweige denn Inhalte, auch nicht im Stück, das doch «Story To Be Told» heisst. Zwischen der an «Frère Jacques» erinnernden Melodie glaubt man Sirenen zu hören, das Pfeifen von Schüssen, dann Salvenfeuer, dazu passend flackernde Lichter im Trockeneisnebel. Doch M.I.A. lässt das Publikum im Dunkeln darüber, was genau sie damit aussagen will. Auch als sie sich hinter ein Rednerpult stellt, das wie bei einem wichtigen Politiker mit vielen Mikrofonen bestückt ist, sagt sie nichts. Obwohl sie ja so viel sagen will, wie ihre mit Reizwörtern durchsetzten Songtexte bezeugen. «The Message» heisst auch einer der Songs ihres neuen Albums «Maya», auf dem sie sich vom früheren Hauptthema der Globalisierung nun der Vernetzung der Welt durch Google zugewandt hat.

Lady Anti-Gaga

Man hätte deshalb erwarten dürfen, dass M.I.A. ihre Texte in den Vordergrund stellt. Schliesslich will sie mit politischen Stellungnahmen und nicht mit dem Äussern provozieren, was ihr Bezeichnungen wie «Lady Anti-Gaga» eingebracht hat.

Live aber irritiert meistens nur der brachiale und zunehmend eintönig wirkende Sound. Als nach einer Stunde ein Papierflieger durch die Luft schwebt und das Ende des Auftritts andeutet, sind wohl nicht wenige Leute im Saal erleichtert. Das Stück «Paper Planes», das sie 2007 weitherum bekannt machte, klingt mit seiner lieblichen Melodie und dem sanften Gesang richtiggehend versöhnlich.